"Meinungsstreit ja, aber der hat Grenzen"

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Direktor: Ich werte Verstöße gegen die Ordnung an unserer Schule aus. Äußern Sie sich zu folgenden drei Punkten: Unterschriftensammlung, Plakat gegen Militärparade und Gedicht (Loblied eines Soldaten auf seine Waffe).

Direktor: Ich werte Verstöße gegen die Ordnung an unserer Schule aus. Äußern Sie sich zu folgenden drei Punkten: Unterschriftensammlung, Plakat gegen Militärparade und Gedicht (Loblied eines Soldaten auf seine Waffe).

Katja Ihle: Ich stehe zum Inhalt der Unterschriftensammlung, sehe aber ein, dass ich mich an Gesetz halten muss, auch wenn ich Gesetz nicht gut finde. Ich stehe auch zum Inhalt des Plakats. Mit dem Gedicht habe ich überhaupt nichts zu tun.

Direktor: Sie haben von mir kategorisch gefordert, das Gedicht wieder an die Speaker's Corner zu machen.

Ihle: Das ist nicht der Fall. Ich habe gefragt, wo ALLE Artikel von der Speaker's Corner sind und wozu so eine Einrichtung da wäre, wenn die Artikel abgenommen werden.

Klassenlehrerin: Wann trat das Problem bzw. die Frage zu Militärparaden bei Ihnen auf?

Ihle: Ich habe schon länger einen Unwillen gegen solche Paraden. Die Frage tauchte aber konkret bei der Vorbereitung meines Politdiskussionsbeitrages über Ramstein auf.

Direktor: Warum haben Sie sich nicht an die GOL (FDJ-Leitung der Schule) gewandt?

Ihle: Ich habe kein Vertrauen zu dieser GOL, seit ich die Diskussion an der Speaker's Corner erlebt habe.

Direktor: Woher wissen Sie um die Probleme von Ausreisenden, und dass sie wegen Problemen mit dem Staat ausgereist sind?

Ihle: Ich kenne Leute, die ausgereist sind.

Direktor: Was wollten Sie mit der Unterschriftensammlung und dem Plakat erreichen?

Ihle: Zum Nachdenken anregen, Meinungen dokumentieren.

Klassenlehrerin: Es ist anmaßend, wenn Ihr erst zwei Wochen hier seid, die anderen zum Nachdenken zu bringen.

Ihle: Die Unterschriftenaktion bestätigte uns im Anliegen.

Direktor: Wir können Ihnen helfen, wenn wir Ihre Probleme kennen. Ihnen kommt es in erster Linie darauf an, Unruhe zu verbreiten.

Ihle: Ich will nicht mit Ihnen diskutieren, sondern mit den Schülern.

Bezirksschulinspektorin: Was wollen Sie an dieser Schule?

Ihle: Ich will lernen. Wollen Sie mir unterschieben, dass ich andere vom Lernen abhalte?

Direktor: Wie stehen Sie zu diesem Land?

Ihle: Der Sozialismus ist die humanste Gesellschaftsordnung, die es im Moment gibt. Die will ich verbessern helfen.

Direktor: Wie stellen Sie sich einen sozialistischen Staat vor, was müsste Ihrer Meinung nach verbessert werden?

Ihle: Meinungs-, Versammlungsfreiheit, keine Polizeiwillkür.

Klassenlehrerin: Wer hat Dich dazu gebracht, anders zu sein?

Ihle: Freunde, die nicht alles hinnehmen..

Direktor: Was finden Sie überhaupt gut an diesem Staat? Sie kritisieren nur!

Ihle: In mir sind Fragen zu Sachen, die noch nicht gelöst sind. Nicht zu denen, die schon laufen, zum Beispiel alle sozialen Maßnahmen oder das Recht auf Bildung.

Direktor: Wir lassen nicht zu, das gegnerische, pazifistische Positionen in der Schule diskutiert werden. Sie haben Gelegenheit, sich der Aufnahmeordnung zu stellen. Machen Sie das nicht, ist kein Platz an der EOS. Sie haben es in der Hand. Meinungsstreit ja, aber der hat Grenzen."

Zusammengestellt aus dem Gedächtnisprotokoll von Katja Ihle und der Abschrift der offiziellen Aussprache