Honeckers Ehefrau und die vergessene Geschichte des 9. November

Die letzte Hürde steht vor ihm. Der "Tränenpalast" am Bahnhof Friedrichstraße. Ein Ort des Abschieds und eine Schleuse in die Freiheit.

Die letzte Hürde steht vor ihm. Der "Tränenpalast" am Bahnhof Friedrichstraße. Ein Ort des Abschieds und eine Schleuse in die Freiheit. Philipp Lengsfeld weiß, am nächsten Tag schon, dem 9. November 1988, wird er in Großbritannien bei seiner Mutter Vera Wollenberger sein, die Anfang des Jahres am Rande einer Demonstration in Ost-Berlin verhaftet und abgeschoben worden war, weil sie Meinungsfreiheit eingefordert hatte. Richtig glücklich ist der 16-Jährige nicht, auch wenn er sich auf das Wiedersehen mit seiner Mutter in Cambridge freut und froh ist, die vergangenen Wochen hinter sich lassen zu können. Es waren bittere Wochen. Diskussionen in der Schule über die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc in Polen und den zweifelhaften Sinn von Militärparaden hatten ausgereicht, Volksbildungsministerium, SED und Stasi gegen ihn und seine Freunde zu mobilisieren. Der ungleiche Kampf hatte mit der Relegation von Philipp und drei anderen Schülern geendet.

Deshalb will Philipp Lengsfeld die DDR an diesem Novembertag verlassen. Bis zuletzt hat er mit seinen Freunden diskutiert: Gehen oder bleiben? Nun hat er ein Visum in der Tasche, das für ein Jahr gilt. Was sagt man den anderen in so einem Augenblick, hier vor dem Grenzübergang nach West-Berlin? Kämpft weiter? Denkt daran, wie wir im September begonnen haben?

Direktor Rainer Forner eröffnet am 1. September 1988 das Schuljahr wie immer mit einer Rede. Die erweiterte Oberschule (EOS) "Carl von Ossietzky" ist eine besondere Schule in der Pankower Görschstraße. Sie trägt nicht nur den Namen des bekannten Publizisten, der Kathederautorität hasste und 1938 an den Folgen der Misshandlung in einem KZ gestorben war. Viele Staats- und Parteifunktionäre, aber auch namhafte Intellektuelle schicken ihre Kinder hierher. Sie gilt als elitär. Stolz verweist der Direktor auf eine Wandzeitung, die sich wie der Debattenplatz im Londoner Hyde Park "Speakers' Corner" nennt. Er ermuntert die Neulinge der 11. Klasse, diese Möglichkeit zu nutzen. Philipp Lengsfeld und Kai Feller horchen auf. Benjamin Lindner aus der 12. Klasse wundert sich über die Worte des Direktors. Die "Speakers' Corner" sei ein Beweis für gelebte sozialistische Demokratie an der Schule? Warum diente sie bisher dann eher als Terminaushang? Lindner mustert die Neuen. Von einem Freund weiß er, dass Philipp Lengsfeld darunter ist. Er ist neugierig auf den Sohn von Vera Wollenberger, will wissen, wie dieser tickt. In einer der nächsten Pausen verabreden sie sich auf ein Bier und haben sofort einen Draht zueinander.

Die Schüler mischen sich ein

Beide haben schlechte Erfahrungen mit dem DDR-Schulsystem gemacht. Benjamin erinnert sich an die Versuche, ihn zu drei Jahren Dienst in der Nationalen Volksarmee zu verpflichten. An die dezenten Drohungen, dass er doch studieren wolle und dem sozialistischen Staat etwas für dessen Fürsorge zurückgeben könne. Er konnte sich herauswinden, mit eingeübten Floskeln. Lengsfeld denkt an die still hingenommene Abmahnung in der alten Schule, weil er einer Klassenkameradin gestatten wollte, sich auf seiner Geburtstagsfeier von ihren Freunden zu verabschieden, bevor sie in den Westen ausreiste. Nun, an der neuen Schule, wollen die Jugendlichen Derartiges nicht mehr widerspruchslos hinnehmen. Und wollen offen aussprechen, was sie stört.

Die erste Gelegenheit ergibt sich am 11. September. Philipp Lengsfeld und Benjamin Lindner protestieren auf der Kundgebung für die Opfer des Faschismus und Militarismus mit eigenen Transparenten gegen Neonazis in der DDR. Volkspolizisten nehmen ihre Personalien auf. Einen Tag später greifen Benjamin und sein Freund Shenja-Paul Wiens an der "Speakers' Corner" die Berichterstattung der DDR-Zeitungen auf, die kommentarlos vermeldet, dass die bisher von ihnen verteufelte Gewerkschaft Solidarnosc nun von der polnischen Regierung als Verhandlungspartner akzeptiert wird. Sie schreiben: "Wir meinen, dass eine Machtbeteiligung der Solidarnosc und anderer oppositioneller Kräfte unerlässlich ist, damit diese Reformen ... nicht im Sande verlaufen."

Dann hängt Kai Feller ein Plakat auf. Seit Tagen wird in den Klassen über das Unglück bei einer Flugschau in der Bundesrepublik gesprochen. Ende August waren in Ramstein 70 Menschen ums Leben gekommen. Kai verbindet das tragische Ereignis mit der traditionellen Militärparade der NVA am 7. Oktober zum Jahrestag der DDR und spricht sich gegen jedes Vorführen militärischer Stärke aus. Er rät, ein Verzicht auf die Militärparade würde dem Ansehen der DDR guttun.

Die Reaktion in der Schule übertrifft alle Erwartungen. Auf den Fluren und in den Klassen wird debattiert, gestritten, argumentiert. Andere Schüler heften ihre Meinung neben das Plakat. Selbst Pädagogen wie seine Klassenlehrerin beteiligen sich. Kai ist begeistert, er fühlt sich ernst genommen. Am 15. September reicht er zu seinem Text eine Unterschriftenliste herum, weil seiner Meinung nach die Staatsführung wissen sollte, was junge Leute bewegt. In kürzester Zeit unterzeichnen 40 Schüler, was Kai selbst überrascht. Einen Tag später wird er vom Direktor zur Rede gestellt. Der weist den Schüler darauf hin, dass nicht genehmigte Unterschriftensammlungen in der DDR gesetzwidrig sind, und fordert ihn auf, ihm die Liste auszuhändigen. Es wäre schlecht, wenn sie in falsche Hände geriete. Der Direktor sichert zu, das Thema zu diskutieren. Kai glaubt ihm.

Direktor Forner sitzt nach dem Gespräch mit dem Schüler einen Augenblick lang unschlüssig in seinem Dienstzimmer. Bislang war er davon ausgegangen, seine Schule im Griff zu haben. Er hat die "Speakers' Corner" gegenüber skeptischen Vorgesetzten durchgesetzt. Er hat keinen Ärger bekommen, als er die Debatten zu Schulbeginn gegenüber dem Stadtbezirk und der SED-Kreisleitung erwähnte. Er hat sogar dem Vorschlag zu einem Polen-Forum zugestimmt, weil er sieht, dass eine Reihe Schüler sich kritisch zur Eigeninitiative der Mitschüler äußern. Dazu gehört auch Carsten Krenz, Sohn von Politbüro-Mitglied Egon Krenz. Er hat einen heftigen Disput mit Benjamin Lindner, weil dessen Wortbeitrag zu Polen einen Tag lang verschwunden war. Angeblich hatte Carsten Krenz ihn zum Lesen mit nach Hause genommen, um qualifiziert darauf antworten zu können.

Doch nun fühlt sich Rainer Forner überrumpelt, von einer Unterschriftensammlung, die fast ein Viertel seiner Schüler unterzeichnet hat. Der Direktor greift schließlich zum Telefon und informiert den Rat des Stadtbezirks. Dann schreibt er per Hand eine ausführliche "Fallmeldung" über die Debatte über die Militärparade, teilt der Stadtbezirksschulrätin aber mit, er strebe eine pädagogische Lösung an. Man wolle in den Klassen klären, wie weit das Thema die Schüler wirklich berührt und wo nur provoziert werden sollte. Die Schulrätin stimmt zu, informiert jedoch die Bezirksschulrätin, die SED-Kreisleitung und die Kreisdienststelle der Stasi über das "besondere Vorkommnis".

Der Fall gewinnt an Fahrt

Die Schüler bekommen von der Wendung nichts mit. Sie genießen den Spätsommer. Wie Philipp Lengsfeld lebt auch Kai Feller allein in der elterlichen Wohnung, seit seine Mutter im Sommer 1988 bei einem Verwandtenbesuch im Westen geblieben ist. Die Großmutter schaut ab und zu bei dem 16-Jährigen vorbei, der von einer Halbwaisenrente lebt. Ansonsten ist er unabhängig. Die Jugendlichen diskutieren in ihren Freundeskreisen über die einzelnen Aktivitäten, die sie, unabhängig voneinander, aus dem Bauch heraus organisiert haben. Nicht alles ist optimal gelaufen, sagt Benjamin Lindner zu Freunden. Er kann nicht nachvollziehen, warum Kai die Unterschriftenliste herausgegeben hat. Er hätte das verweigert, schon um die anderen Unterzeichner nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Auch der 18-Jährige hat unterschrieben, obwohl er Kai bislang nur flüchtig kennt und Formulierungen im Text polemisch findet. Inhaltlich stimmt er mit ihm jedoch überein. Mit drei Freunden und Philipp Lengsfeld bereitet Benjamin den nächsten Aushang vor. Sie sind auf das Gedicht eines Oberfeldwebels der NVA gestoßen. Es heißt "Du meine" und ist die Liebeserklärung des Soldaten an seine Waffe. Die Jugendlichen wollen es an die "Speakers' Corner" heften und mit dem Kommentar versehen: "Ein Gedicht, das uns sehr beeindruckt und zum Nachdenken angeregt hat". Sie wissen, dass dies provokant ist, schon allein wegen des ironischen Untertons. Aber sie sehen das nicht als Angriff auf die Armee als Institution. Sie stößt der Waffenfetischismus ab.

Als die Schüler das Gedicht aushängen, hat ihr "Fall" bereits an Fahrt gewonnen. Nahezu täglich finden Zusammenkünfte statt. Neben der Parteileitung der Schule befassen sich die Abteilung für Volksbildung im Stadtbezirk sowie die ihr übergeordneten Stellen mit ihnen, die Kreis- und Bezirksleitung der Jugendorganisation FDJ, die Kreis- und Bezirksleitung der SED, der Magistrat von Berlin. Die Bezirksschulrätin schickt eine Inspektorin an die Schule. Die Eltern aller Unterzeichner erhalten Termine für Gespräche, es werden die Schulen kontaktiert, die die "aufmüpfigen" Schüler für die Ossietzky-Schule empfohlen hatten. Sie sollen erklären, "wie es möglich ist, dass innerhalb von 14 Tagen eine solche Veränderung in den politischen Haltungen der Schüler möglich sein konnte". Nur zwei Tage nach der "Fallmeldung" des Direktors weiß auch Volksbildungsministerin Margot Honecker Bescheid. Über den Dienstweg und über Parteikanäle. Ihr Staatssekretär Werner Lorenz bestellt Rainer Forner ins Ministerium und erteilt ihm die Auflage, jeden Schritt und jede Äußerung mit den Vorgesetzten abzustimmen. Die Inspektorin werde die Umsetzung täglich an der Schule kontrollieren. Der Direktor ist damit entmachtet.

Hat die Funktionäre die erwachte Streitlust der Schüler aufgescheucht? Die Diskussionsthemen, die das Grundverständnis der sozialistischen Ideologie berühren? Die "Speakers' Corner", die ihnen allein wegen der englischen Bezeichnung ein Dorn im Auge ist? Oder das Gefühl, der Unzufriedenheit in Teilen der DDR-Bevölkerung mit administrativen Mitteln nicht mehr begegnen zu können? Noch aber funktioniert das System, und je mehr sich Funktionäre und Amtsträger mit der Ossietzky-Schule beschäftigen und je höher sie in der Hierarchie stehen, umso schärfer wird der Ton. Schon ist von "gegnerischen, organisierten Auffassungen" der Schüler die Rede, vom Versagen der Lehrer, die diskutieren wollen, statt "diese feindlichen Provokationen entschieden zurückzuweisen". Schnell wird festgelegt, die Situation "zuzuspitzen".

Langsam spüren auch die Schüler, dass sich etwas zusammenbraut. Die Stimmung ist in den letzten Tagen spürbar gespannter geworden. Alle Artikel an der Wandzeitung zum Thema Militärparaden sind entfernt. Immer mehr Schüler lehnen offen Kais Vorgehen ab. Auch die Schar der Unterzeichner auf seiner Liste schmilzt. Einige streichen ihren Namen einfach durch oder erklären mündlich ihren "Rückzieher". Die Begründungen ähneln sich: Sie hätten sich das nicht richtig überlegt und wollten nicht für bestimmte Zwecke missbraucht werden. Kai findet das jämmerlich. Nur acht Schüler halten an ihrer Unterschrift fest, darunter die Schülerinnen Katja Ihle und Georgia von Chamier. Die "Speakers' Corner" verwaist. Trotz Protest beim Direktor wird das von den Schülern aufgehängte Gedicht vom Waffen liebenden Unteroffizier sofort wieder abgenommen.

Margot Honecker schlägt zu

Diese Aktion beschleunigt das Vorhaben, die Schüler zu bestrafen. Der Anstoß dazu kommt von ganz oben: von Ministerin Honecker. Aus einem Schreiben der Bezirksschulrätin an den Hauptschulinspektor Ost-Berlins erfährt die Ministerin am 22. September, dass es vor der Unterschriftensammlung weitere "besondere Vorkommisse" mit den Schülern der Ossietzky-Schule gegeben hat, die der Direktor offensichtlich nicht weitergemeldet hat. Es geht um die Beteiligung an der Kundgebung und den Polenartikel. Auch das ironisch kommentierte Waffen-Gedicht wird erwähnt. Margot Honecker muss das als Affront betrachten - auch persönlich. Denn ihr Mann, Staats- und Parteichef Erich Honecker, hat stets für einen harten Umgang mit der Opposition in Polen plädiert und ist als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates Verfechter einer starken Armee. Dass in dem Schreiben der Schulrätin immer wieder der Name Philipp Lengsfeld auftaucht, verschärft die Sache. Seit der Abschiebung seiner Mutter steht er unter besonderer Beobachtung des Honecker-Ministeriums und der Staatssicherheit. Nun scheint die Zeit gekommen, an ihm und seinen Mitstreitern ein Exempel zu statuieren.

Nichts ahnend sitzt Philipp Lengsfeld am 22. September im Unterricht, als sich die Tür öffnet und die stellvertretende Direktorin ihn auffordert, zum Schulleiter zu kommen. Um was es geht, sagt sie nicht. Philipp wird durch die leeren, stillen Gänge geführt und findet im Direktorenzimmer neben dem Schulleiter, seiner Klassenlehrerin und der Parteisekretärin unbekannte Personen vor, die sich nicht vorstellen. Kaum sitzt er, wird er zu seiner Haltung zur DDR befragt und für sein Verhalten kritisiert. Philipp will sich rechtfertigen, aber man lässt ihn nicht ausreden. Er kommt sich vor wie bei einem Verhör und hat nur einen Gedanken: Hoffentlich ist das bald vorbei. Nach einer Stunde wird er erneut durch leere Flure zurückgeführt und muss eine andere Klasse stören, um seine Sachen aus dem Unterrichtsraum zu holen.

Das Drehbuch funktioniert auch bei den anderen Schülern. Benjamin Lindner verteidigt trotz der eisigen Atmosphäre seine Einstellung. Die Frage, welche Veränderungen er in der DDR wünsche, beantwortet er mit "mehr Offenheit und mehr Glaubwürdigkeit in der Presse". Auf seine Bemerkung, er habe doch nur seine Meinung geäußert, wie es der Direktor gefordert hatte, wird ihm vorgehalten, er habe in letzter Zeit etwas viel Meinung geäußert. Auch Kai Feller redet Klartext. Er bezeichnet die Unterschriftensammlung als geeignetes Mittel der Diskussion, er spricht sich für mehr Demokratie aus und kritisiert, dass es schon in Kindergärten Kriegsspielzeug gebe. Seit Kindertagen ängstigt er sich vor Waffen. Die Erwachsenen sind von dem Ausbruch überrascht. "Das ist aber sehr pazifistisch", muss sich Kai anhören. Und: Ein Kindergarten-Kind müsse doch wissen, wo der Feind steht!

Die Jugendlichen fühlen sich im Recht; sie haben ja nicht zum Sturz der DDR oder zur Freilassung politischer Häftlinge aufgerufen. Ihnen war schon klar, dass sie sich mit ihren Debatten Ärger einhandeln, aber das ist es ihnen wert. Jetzt rechnen sie damit, dass die Schulleitung und die FDJ sie zu zusätzlicher "gesellschaftlicher Arbeit" verdonnern werden. Das wäre zu verkraften. Dass der Direktor gesagt hat, ihre Meinung vertrage sich nicht mit den Aufnahmebedingungen zum Abitur, weil dort verlangt werde, fest zum Staat zu stehen und ihn nicht anzugreifen, halten sie für eine hundert Mal gehörte Floskel. Ebenso seine Warnung, falls sie ihre Meinung nicht ändern, müsse sich die Schule von ihnen trennen. Sie glauben, dass die Sache ausgestanden ist.

Das Gegenteil ist der Fall. Am Abend vor den Aussprachen sitzt die Bezirksleitung der SED zusammen. Berlins SED-Chef Günter Schabowski will die Sache nicht länger den Genossen in Pankow überlassen. Er weist an: "Es ist eine eindeutige Atmosphäre im gesamten FDJ-Kollektiv zur Ablehnung der Handlungsweise der provozierenden Schüler herauszubilden, die bis zum Punkt geführt werden sollte, dass die FDJler der Auffassung sind, dass die betreffenden Schüler nicht an eine EOS gehören." Auf den Gedanken ist auch das Volksbildungsministerium gekommen.

Am Montag, dem 26. September, ruft Direktor Rainer Forner um sieben Uhr früh bei Lindners an und erklärt dem Vater, dass sein Sohn Benjamin für zwei Tage beurlaubt sei, damit sich die Lage beruhigt. Benjamin ist überrascht. Vor drei Tagen hatten seine Klassenlehrerin und die Parteisekretärin der Schule noch bei ihnen im Wohnzimmer gesessen und versichert, wenn jetzt nichts weiter passiere, wird alles gut. Seitdem hat Benjamin nichts unternommen. Am Nachmittag kommen ihn die anderen besuchen, auch Katja Ihle, die er erst jetzt kennenlernt. Benjamin erfährt, dass der Direktor verkündet hat, es gebe "kein Problem Unterschriftensammlung" mehr, sondern nur noch "ein Problem Benjamin Lindner". Sie wissen nicht, was das bedeutet. Shenja-Paul sagt, seine Mutter kenne jemanden vom Zentralrat der FDJ. Vielleicht könne der helfen. Sie beschließen, sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Um das zu dokumentieren, entwerfen die Schüler einen Brief an ihren Direktor. Sie schreiben, dass sie seine Ansichten und Überzeugungen teilen, und bezeichnen es als moralische Pflicht, auch die Konsequenzen gemeinsam zu tragen. Während sie den Brief entwerfen, tagt der "Pädagogische Rat", das höchste Gremium der Schule. Die Bezirksinspektorin, beauftragt, die Entfernung der Schüler vorzubreiten, dringt schärfer als zuvor auf Bestrafung. Zwei Lehrerinnen sprechen sich gegen einen Ausschluss oder eine Zwangsumschulung aus. Eine Abstimmung gibt es nicht.

Am nächsten Tag ruft der FDJ-Funktionär an, den die Schüler um Hilfe gebeten haben. Er fragt völlig konsterniert: In was seid ihr denn da reingeschlittert? Ihre Bestrafung sei beschlossene Sache. Vier von ihnen sollen in einem "Schnellverfahren" erst aus der Jugendorganisation und dann aus der Schule entfernt werden. Das sei bereits von Margot Honecker abgesegnet. Der FDJ-Funktionär nennt die vier Namen. Die Schüler sind entsetzt. Doch zugleich empfängt ihr Direktor im Volksbildungsministerium die letzten Anweisungen. Er lauscht dem Monolog von Staatssekretär Lorenz, der ihm erklärt, es sei nun einwandfrei erwiesen, dass an der Schule gegnerische Kräfte am Werk seien, und dass er für vier Schüler, die er namentlich nennt, Anträge auf Relegierung zu stellen habe. Offensichtlich soll es nach außen so aussehen, als ob der Schritt dazu von der Schule selbst ausgehe. Direktor Forner fügt sich.

"Gegnerische Provokationen"

Am Abend gibt er die Botschaft bei der Versammlung mit den SED-Genossen unter den Eltern weiter. Er spricht nun auch von einer "organisierten Gruppe", von "gegnerischen Provokationen" gegen staatliche Entscheidungen und Gesetze. Er verliest, mit ihren Namen, den Solidaritätsbrief der Schüler, den er an Morgen erhalten hat, und bezeichnet sie als "harten Kern". Auch von Relegation ist jetzt offen die Rede. Die Parteisekretärin der Schule referiert, freie Meinungsäußerung sei gut und schön, aber sie sollte sich doch vorrangig auf die eigenen Leistungen, Disziplin und Sauberkeit konzentrieren. Viele Eltern stimmen einem harten Durchgreifen zu. Nur der Vater von Katja Ihle widerspricht: Es seien doch Schüler, wirbt er für Verständnis. Vergeblich.

Für den 29. September wird eine außerordentliche FDJ-Versammlung anberaumt. Ein Mitschüler steckt Philipp Lengsfeld, ihm sei wie den anderen geraten worden, sich nicht die Zukunft zu verbauen. Wie schon bei den Verhören im Direktorenzimmer sind wieder "Gäste" anwesend, vor allem FDJ-Funktionäre, die das Wort führen. Die Lehrer spielen mit, die Inspektorin hatte sie zuvor instruiert. Die Klasse ist total eingeschüchtert und stimmt schnell für den Ausschluss, was Philipp als besonders erniedrigend empfindet. Kai Feller geht es ähnlich, obwohl er auf diese Farce vorbereitet ist. Ein Mitschüler nach dem anderen hebt bei der Abstimmung den Arm, nur zwei enthalten sich. Kai ist wütend, dass die anderen nur ihre Haut retten wollen. Bei Benjamin Lindner gerät die Inszenierung ins Stocken. In seiner Klasse kommt die Zweidrittelmehrheit für den FDJ-Ausschluss nicht zustande. Obwohl ein Funktionär sie mit den Worten unter Druck setzt: Die FDJ würde um jeden kämpfen, ob Skinheads, Asoziale oder Rowdys. Hier habe sich jedoch eine antisozialistische Plattform im Blauhemd gebildet. Deshalb müsse man sich von solchen staatsfeindlich eingestellten Menschen trennen.

Inquisition in der Aula

Am nächsten Morgen verschläft Philipp Lengsfeld die erste Stunde. Als er mit einem schlechten Gewissen am Schulsekretariat vorbeihetzt, ruft ihm eine Sekretärin zu, er solle sofort in die Aula, dort finde eine Versammlung statt. Also doch, denkt er. Auf dem Weg dorthin trifft er Direktor Forner. Beide schweigen, bis sie die Aula betreten. Philipp stutzt. Hufeisenförmig, nach Klassen geordnet, stehen die anderen Schüler mit ihren Lehrern da. Die Schulrätin und die Inspektorin beobachten den Direktor, der mit monotoner Stimme anfängt, eine Anklageschrift zu verlesen. Die Vorwürfe kennen die Schüler aus den vergangenen Tagen. Der Direktor ruft nacheinander Philipp, Benjamin, Kai und Katja vor. Gegen sie seien Relegierungsverfahren eingeleitet worden. Sie seien beurlaubt und hätten sofort das Schulgebäude zu verlassen. Lehrer geleiten Philipp hinaus. Auch Benjamin lässt das Prozedere still über sich ergehen. Nun ist ein Schlusspunkt gekommen, jetzt hat all die Heuchelei ein Ende, denkt er und fühlt sich irgendwie erleichtert. Kai ist der Einzige, der etwas sagt: Er finde alles sehr ungerecht. Dann wird er unterbrochen; der Direktor weist ihm die Tür. Die Mitschüler erwachen aus ihrer Starre. Einige setzen sich aus Protest auf den Fußboden. Ein Mädchen erklärt laut, dass es keinen Schulausschluss gewollt habe. Mitschüler applaudieren, einige weinen.

Benjamins Freunde Alexander Krohn und Wolfram Richter erhalten einen Verweis, ebenso Shenja-Paul Wiens, der zusätzlich an die EOS "Max Planck" versetzt wird. Georgia von Chamier muss auf die EOS "Alexander von Humboldt" wechseln. Der Direktor beendet die gespenstische Versammlung schließlich mit dem Satz: "Ab sofort verläuft der Schulbetrieb störungsfrei und planmäßig in einer politisch klaren Atmosphäre angestrengten Lernens und intensiver gesellschaftlicher Arbeit." Über "vertrauensvolles Miteinander" spricht er nicht. Das ist nach diesem Tag nicht mehr möglich. Das spüren auch die Lehrer.

Die ausgestoßenen Schüler treffen sich vor dem Gebäude. Sie sind erschüttert, dass sie wegen ihres Einsatzes für Veränderungen so hart bestraft wurden. Kai Feller beginnt zu dämmern, dass das erteilte Hausverbot mehr bedeutet. Auch Philipp Lengsfelds Lebensplanung ist mit einem Handstrich über den Haufen geworfen. Keiner von ihnen wird, wie es das DDR-Gesetz vorsieht, von einer Begleitperson nach Hause gebracht. Sie gehen zu Shenja, der um die Ecke in der Neuen Schönholzer Straße wohnt. Von seinem Küchenfenster aus können sie auf den Schulhof sehen. Und hören das Klingeln zum Unterricht. Philipp denkt über die Bestrafung nach. Der Grad der Strafe für jeden Einzelnen hat nur bedingt mit dem Schweregrad des "Vergehens" zu tun. Katja und Georgia, die weniger aktiv waren, wurden härter bestraft als Shenja und Alexander, die schon am 11. September mit gegen Neonazis protestiert hatten. Auf diese Weise soll wohl Missgunst erzeugt werden.

Shenjas Mutter beruhigt die Jugendlichen, macht ihnen Mut: "Ihr habt nichts Schlimmes und nichts Unrechtes getan." Sie spürt Selbstzweifel der Schüler und fordert sie auf, Gedächtnisprotokolle anzufertigen. Das hilft den Jugendlichen, über den ersten Schock hinwegzukommen. Sie begreifen, dass sie nicht nur Opfer sind, sondern widerstanden haben, mutig waren. Erst jetzt festigt sich die Gruppe. Shenjas Wohnung bleibt weiterhin ihr Treffpunkt. Gemeinsam wollen sie gegen die Relegation vorgehen. Die Schüler glauben an einen Erfolg, denn aus ihrer Sicht ist schreiendes Unrecht geschehen. Zunächst wählen sie mit ihren Eltern eine defensive Variante, verzichten auf Öffentlichkeit. Sie wenden sich an den Rechtsausschuss der Volkskammer und fordern diesen auf, die Rechtmäßigkeit der Bestrafungen zu prüfen. Ein Vater bittet Egon Krenz - von Vater zu Vater -, seine persönliche Autorität und Funktion einzusetzen, "dass die beantragten Relegierungsverfahren nicht überstürzt zum Abschluss gebracht werden". Das Ehepaar Ihle spricht bei Günter Schabowski vor. Die Mutter von Shenja-Paul Wiens gewinnt prominente Schriftsteller wie Stephan Hermlin und Christoph Hein. Hein schreibt an Margot Honecker. "Diese Vorwürfe sind so schwerwiegend wie haltlos, ungerechtfertigt und leichtsinnig."

Die Schüler warten ab. Philipp Lengsfeld spürt, wie die Anspannung in der Gruppe zunimmt, die Gruppe dünnhäutiger wird. Er redet jetzt häufiger mit seiner Mutter, die gerade in West-Berlin ist und die der Minderjährige trotz Mauer besuchen darf. Zusammen mit Kai plädiert er dafür, Kontakt zu Oppositionsgruppen, Kirche und Westmedien aufzunehmen. Benjamin stören die Vorschläge von Philipps Mutter. Sich an die Westmedien zu wenden ist einfach gesagt, wenn man die Folgen nicht fürchten muss. Schon länger hat die Gruppe den Eindruck, dass sie observiert wird. Die Ungewissheit zerrt an den Nerven. Statt der Möglichkeit zum Abitur werden ihnen Lehrberufe angeboten, die sie ablehnen, weil sie das als Bestrafung empfinden.

Mitte Oktober sind die Relegierungsverfahren abgeschlossen und ihr Rauswurf amtlich. Nun bleibt nichts mehr als die offensive Variante des Protestes.

Der Westen wird informiert

Bischof Gottfried Forck von der Evangelischen Kirche stellt eine offizielle Anfrage. Die Gedächtnisprotokolle der Schüler gelangen über Oppositionsgruppen in den Westen und sorgen für Aufregung. Am 18. Oktober berichtet auch die Berliner Morgenpost. Lehrerverbände, Erzieher und die Ossietzky-Schule in Kreuzberg fordern die DDR-Stellen auf, kritisches Denken zuzulassen. So erinnert die Internationale Liga für Menschenrechte Margot Honecker an das Erbe des Namensgebers, eines überzeugten Pazifisten. Auch in der DDR nimmt die Anteilnahme weiter zu. Die Schüler erhalten aufmunternde Briefe aus Kirchengemeinden und von Schulklassen. Es werden Aufdrucke verteilt: "Das Risiko, eine eigene Meinung zu haben ... Solidarität mit den bestraften Schülern". Das tut gut. Sie bestätigt den Schülern, dass es wichtig ist, sich zu wehren, oder, wie der Molekularbiologe Jens Reich der bei einer Veranstaltung aufruft, sich nicht den Mund verbieten zu lassen. Doch ihre Gemeinschaft bröckelt. Katja Ihle meldet sich und kündigt unter Tränen an, ihre Eltern wollten das nicht. Sie sind weiterhin überzeugte Genossen.

Auch die Machthaber reagieren gereizt auf die Aktivitäten. Die Eingaben der Eltern werden als "Weitergabe von Nachrichten zum Schaden der DDR" gewertet. Vorwürfe, die strafrechtlich relevant sind. Die Stasi erarbeitet "Maßnahmenpläne", Ende Oktober werden Mitglieder unabhängiger Friedensgruppen bei Protestveranstaltungen für die Schüler festgenommen.

Ein Schüler reist aus

So kommt der November 1988. Am 4. November fordert Marianne Birthler vom Stadtjugendpfarramt alle Gemeinden zu Protesten auf. Doch Philipp Lengsfeld hat die Hoffnung verloren. Eigentlich wollte er seine Ausbildung in der gewohnten Umgebung abschließen. Aber auch die Kirchenleitung ist machtlos gegen die unversöhnliche Staatsmacht. Seine Mutter hat recht, denkt Philipp: Ändern wird sich nichts. Es fällt ihm schwer, den anderen mitzuteilen, dass er zu ihr gehen wird. So trennen sich am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße ihre Wege. Ab 9. November 1988 besucht er in Cambridge eine Abiturklasse.

Ein Jahr später, am 9. November 1989, steht der Zug in Cambridge zur Abfahrt bereit. Philipp Lengsfeld hat sich von seinen englischen Klassenkameraden verabschiedet. Obwohl das Jahr lehrreich für ihn war, hat er sich doch einsam gefühlt. Nun freut er sich auf Ost-Berlin: auf Kai Feller und Benjamin Lindner. Volksbildungsministerin Margot Honecker ist zurückgetreten, ihr Staatssekretär Werner Lorenz entlassen und seine Relegierung rückgängig gemacht. Eigentlich wollte er schon einige Tage früher losfahren, aber seine Mutter hatte ihn gebeten zu warten. "Solange wir nicht die schriftliche Bestätigung haben, dass du wieder in der DDR in die Schule darfst, hat das keinen Sinn." Jetzt hat er den Brief im Koffer. Mulmig ist ihm nur, weil sein Ein-Jahres-Visum seit einem Tag abgelaufen ist. Als Philipp spät abends mit dem Zug im Fährhafen von Harwich ankommt, ist sein Schiff weg. Er muss im Hotel übernachten. Als er im Zimmer den Fernseher anmacht, sieht er fasziniert die Bilder von freudetrunkenen Menschen an der geöffneten Mauer in Berlin. Er wird in dieser Nacht mit ihnen feiern. Allein. Und einen Entschluss fassen: "Ich werde wieder an die Ossietzky-Schule gehen."