Im Hamburger Schanzenviertel war es schön, in der Leipziger Altstadt sowieso, auch in Köln, Frankfurt und Stuttgart tobte das bunte Leben auf der Straße - alles stellte jedoch keinen Vergleich zur Stimmung in Berlin vor einem Jahr dar. Unvergessen ist, wie 5000 gelb-blaue Schweden den Ernst-Reuter-Platz friedlich besetzten, die rot-weißen Kroaten den Breitscheidplatz einnahmen, überall schwarz-weiße Deutsche durch die Straßen strömten - und alle zusammen sich auf der Fanmeile und im Biergarten trafen.
Genau vor einem Jahr nahm das Sommermärchen seinen Lauf, die Weltmeisterschaft begann mit dem Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Costa Rica und in den folgenden vier Wochen war nichts mehr so wie zuvor.
Ein Jahr danach - was ist geblieben von der einzigartigen Atmosphäre und dem Party-Patriotismus?
Händler blieben auf den Flaggen sitzen
Zunächst einmal sind Flaggen übrig. "Die Leute verkaufen heute noch die Lager leer", sagt Thomas Lünser vom Flaggenladen am Alex an der Karl-Liebknecht-Straße. Viele Händler witterten das Geschäft ihres Lebens und deckten sich mit Fahnenbergen ein. "Wegen des Überangebots liegt jetzt der Preis am Boden", sagt Lünser. Das Gute am vierjährigen WM-Rhythmus für den Flaggenhändler ist: "Alle vier Jahre wächst eine neue Generation Fans heran, die sich zur WM mit Fahnen eindeckt." So war es in Japan und Südkorea, so war es vor einem Jahr und so wird es 2010 auch wieder sein, weiß der erfahrene Flaggenhändler.
Wenn auch bis auf ein paar verblassende Fahnen auf Berliner Balkonen wenig Sichtbares übrig geblieben ist vom WM-Enthusiasmus, so hat sich doch der Blick auf die Stadt verändert. Berlin hat sich die Entspanntheit bewahrt, und die Berliner blicken locker auf die eigene Stadt. Statt das nächste Schlagloch auf der Straße zu suchen, sieht man lieber zufrieden auf das quirlige Treiben in den Zentren der Innenstadt. Sollte es tatsächlich so sein, dass sich die als Nörgler verschrienen Berliner derart gewandelt haben?
Der neue "Patriotismus der Festkultur"
Der Sportsoziologe Elk Franke von der Humboldt-Universität bestätigt den Eindruck. "Die ästhetisch inszenierte Fußball-Weltmeisterschaft hat eine Lebenserfahrung produziert, die nicht verpufft." Das heißt: Dass Deutsche gut gelaunt, friedlich und selbstbewusst der Welt gegenübertreten, ist ein positives Zeichen. "Patriotismus der Festkultur" nennen das die Soziologen. Berufliche Mobilisierung und immer mehr Single-Haushalte führen zu einer neuen Suche nach Gemeinschaft, haben die Wissenschaftler festgestellt. Während die Menschen sich früher in Vereinen getroffen haben, suchen sie demnach jetzt unverbindliche Zusammenschlüsse.
Fanmeilen erfüllen diese neue Suche nach Gemeinschaft offenbar ideal. "Ich bestimme den Anteil der Teilnahme selbst, kann kommen und gehen, wann ich will", sagt Franke und prognostiziert, dass es künftig mehr Festmeilen in der Stadt geben wird. Wie zuletzt zum Pokalfinale im Olympiastadion, als die Fanmeile ihr erstes Revival erlebte.
Zunächst machte sich Skepsis breit. Es gab Unwetterwarnungen, zudem ist Stuttgart nicht Brasilien, Nürnberg nicht Italien. Wer, bitte schön, sollte sich das im Stehen bei Plastikbecherbier antun? Und dann das: Nur eine halbe Stunde nachdem ein Wolkenbruch über die Straße des 17. Juni hinwegfegte, war die Fanmeile voller Menschen. Mehr als 300 000 zählte der Veranstalter über den gesamten Tag. Stuttgarter, Nürnberger, Berliner, Touristen. Alle waren - von ein paar Dutzend alkoholisierten Stänkerbrüdern abgesehen - auf Kuschelkurs. Fans beider Seiten lobten den jeweils anderen. Lauthals wurde die Nationalhymne mitgesungen - Ehrensache inzwischen, so scheint es. Für ein paar Stunden wurde es an diesem Sonnabend wieder ganz greifbar, das Sommermärchen.
Jungs wollen Fußball spielen
Überhaupt ist der Fußball weiter fest im alltäglichen Leben verankert. "Wir könnten doppelt so viele Kinder und Jugendliche bei uns aufnehmen", sagt der 1. Vorsitzende des Berliner SC aus dem Grunewald, Frank Niedenhoff. "Aber unsere Kapazitäten sind voll ausgeschöpft." Schon jetzt treten an der Hubertusallee fast 500 Kinder und Jugendliche gegen den Ball, der Verein verfügt damit über eine der größten Jugendabteilungen der Stadt. Um die interessierten Kinder nicht vollends zu enttäuschen organisiert der Verein in den Schulferien Fußballcamps, für die kommende Saison ist eine Fußball-Akademie geplant, in der Nichtmitglieder Fußballkurse belegen können.
In Kreuzberg dagegen sind die Zeichen deutsch-türkischer Verbundenheit, die sich bei der WM in Postern und Fangesängen für Deutschland zeigten, erhalten. Tülin Duman, Inhaberin des Fußballladens "Goal" am Kreuzberger Heinrichplatz sagt: "Ich habe den Eindruck, dass gerade die jüngeren Kreuzberger erst durch die WM so richtig vom Fußballfieber angesteckt worden sind." Die WM nicht als End-, sondern als Startpunkt - auch eine Erkenntnis.
Zuschauer sehen mehr als Spieler
Aber nicht nur auf dem Platz drängen sich die Akteure, auch daneben ist die Begeisterung für den Sport weiter präsent. Bei Länderspielen oder wichtigen Europapokalspielen entstehen in den Kneipen und Sportbars in der ganzen Stadt viele kleine Fanmeilen, das gemeinsame Fußball-Sehen boomt weiter. Kein Zufall, wie Sportsoziologe Elk Franke weiß. Kaum eine andere Sportart ist so attraktiv für Zuschauer, "weil die Zuschauer durch ihren Blick auf das Spielfeld mehr wissen, als die einzelnen Handelnden". Im Gegensatz zu Sportarten wie Tischtennis oder Skispringen nehmen die Zuschauer dadurch mehr am Spiel teil. Zusammen mit den Neuerungen der Übertragungstechnik entsteht so "eine neue Festkultur, in der der Fußball eine zentrale Bedeutung erhält", sagt Franke.
Ein Jahr nach der WM heißt also nicht, die Erinnerung verblasst, sondern: nur noch ein Jahr bis zur EM in Österreich und der Schweiz.


