Galerien bieten zur Biennale ein pralles Programm

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Julia Siepmann

Foto: Massimo Rodari

Die geheimnisvollen Flugobjekte kommen aus Italien und sind in Tiergarten, in der Kurfürstenstraße 12 gelandet.

Die geheimnisvollen Flugobjekte kommen aus Italien und sind in Tiergarten, in der Kurfürstenstraße 12 gelandet. Sie stehen im zweiten Stock der Galerie von Giti Nourbakhsch und wirken wie zufällig hinübergeweht aus einer anderen Welt. Die Gebilde sind aus weißem Kunststoff und wie Papierflieger gefaltet. Sie sind mit Schwarz-Weiß-Fotos eines Mamuttone, eines Menschen im Mammutkostüm, bedruckt. "We are in the Black World of the Mamuttones" - so heißt auch die Schau der filigranen Skulpturen des italienischen Künstlers Diego Perrone. Sie ist nur eine von vielen durchdachten Ausstellungen, die den Rahmen für das zehnwöchige Kunstgetöse rund um die Biennale bilden.

Biennale geht bis zum 15. Juni

Die 5. Berlin Biennale hat gestern begonnen und wird bis zum 15. Juni mehr als 100 Künstler verschiedener Generationen und Nationalitäten präsentieren, die ihre Arbeiten in den Tagesausstellungen und während des Nachtprogramms zeigen. Die Austragungsorte der von Adam Szymczyk und Elena Filipovic kuratierten Mammutschau konzentrieren sich nicht wie im vergangenen Jahr auf die Auguststraße in Mitte, sondern verteilen sich über die gesamte Stadt. In den Kunstwerken (Auguststraße), in der Oberhalle der Neuen Nationalgalerie, im Skulpturenpark an der Kommandantenstraße und im Schinkel-Pavillon wird Kunst gezeigt. Aber eben nicht nur dort.

Das Spektakel mit dem Titel "When Things Cast No Shadows" hat seine Schatten schon lange geworfen. Pünktlich zum Start der Biennale sind Museen und Galerien mit einem außergewöhnlich guten Programm bestückt. Im Hamburger Bahnhof zeigt der Fotograf Wolfgang Tilmans mit "Lighter" seine bisher größte Einzelausstellung und seine erste in der Hauptstadt. Das Berliner Kupferstichkabinett widmet sich Matthias Grünewald, einem Künstler, der neben Albrecht Dürer und Lucas Cranach zu den bedeutendsten Malern der deutschen Renaissance zählt.

Kunststadt Berlin Thema in New York

Bei Klosterfelde in der Zimmer- und in der Linienstraße wird Christian Jankowski gezeigt, Esther Schipper eröffnete am Mittwoch mit Dominique Gonzalez-Foerster und CFA zeigt Raymond Pettibon und Dana Schutz. Giti Nourbakhsch ist gerade von der New Yorker Kunstmesse Armory Show zurückgekehrt und erzählt, dass auch dort die Biennale Thema sei. "Viele Sammler werden mit dem Besuch der Ausstellung auch einen Galerienrundgang verbinden." Einer von Nourbakhschs Künstlern ist der Franzose Marc Camille Chaimowicz. Im vergangenen Jahr zeigte er in der Kurfürstenstraße seine Installation "Enough Tyranny Recalled", eine schockgefrorene Hommage an den Glam-Rock der frühen 70er-Jahre inklusive Flitterboa, Paillettenbändern, Discokugel und Musik von Bob Dylan und David Bowie. Nun, zur Biennale, setzte er sich mit der Architektur Mies van der Rohes auseinander. Bewusst bricht er die Strenge und Leichtigkeit der Neuen Nationalgalerie, indem er die Onyxpfeiler mit bemalten Marmorplatten verstärkt.

Dass Nourbakhsch vor anderthalb Jahren mit ihrer Galerie von Mitte in unmittelbare Nähe zur Neuen Nationalgalerie zog, ist während der Biennale natürlich von Vorteil. Besucher können sie fußläufig erreichen und auch gleich nebenan bei Kohl & Sommer vorbeischauen. Die ehemaligen Mitarbeiterinnen von Neugerriemschneider, Patricia Kohl und Salome Sommer haben ihre Galerieräume in einer ehemaligen Bettfedernmanufaktur erst im Februar eröffnet (Kurfürstenstraße 13-14). Nicht weit entfernt, in der Dessauer Straße 6-7 (Kreuzberg), zeigt Johann König seit Donnerstag die Sammelausstellung "Zuordnungsprobleme". Der Name passt zur Schau, denn König zeigt Arbeiten von insgesamt 37 Künstlern, darunter John Armleder, Anselm Reyle, Katja Strunz, Andreas Slominski und Amelie von Wulffen.

In der Galerie Neu in der Philippstraße 13 hängen neue Arbeiten der in Berlin lebenden Malerin Katharina Wulff. Romantisch geht es zu in Wulffs Bildern, die bei Neu unter dem Titel "Oh, Camelot!" zusammengefasst werden. Eine Figur in historischer Kleidung mit Mozartfrisur sitzt auf einer Kiste und spricht zu einem Tier. Ein unbekleidetes Pärchen rekelt sich auf einem Marmorboden. Dazwischen Natur. Gemälde von grünen Landschaften, die surreal, kitschig und großartig zugleich sind. Fasziniert streiften schon vor der Biennale-Eröffnung Besucher durch die Schau. "Ein ähnliches Publikum wie während des Galerienwochenendes", findet Galerist Thilo Wermke, bewege sich da durch seine Räume. "Trotzdem bietet die Biennale gerade jungen Künstlern eine ideale Plattform ohne kommerziellen Hintergrund." Auch die Galeristen der ausgewählten Biennale-Künstler schauen, was die Konkurrenz so ausstellt. In Wermkes Büro sitzt der Galerist Giangi Fonti und schreibt eine Mail. Er ist gerade aus Neapel eingetroffen und wird noch bis nächste Woche bleiben. Gleich drei Künstler seiner Galerie nehmen an der 5. Berlin Biennale teil.

Newcomerin aus Italien

Eine von ihnen, die Italienerin Giulia Piscitelli, ist noch relativ unbekannt. Wie Michel Auder zeigt sie ihre Arbeiten, eine Skulptur, drei Fotografien und zwei Filme, in den Kunstwerken. "Dass Giulia hier als eine von insgesamt zwei italienischen Künstlern eingeladen wurde, war eine riesige Überraschung für mich", sagt Fonti, "sie hatte vor mir noch gar keinen Galeristen, der sie vertritt."

Giangi Fonti wird nächste Woche als erstes den Projektraum MD 72 am Mehringdamm 72 (Kreuzberg) besuchen. Dort ist auf Anregung der Künstlerin Paulina Olowska ein klingendes Archiv entstanden. Videos, Platten und Kassetten dokumentieren die Musik der Neuen Polnischen Welle der 80er-Jahre. Die Welt ist zu Gast in Berlin.