Die Therapie war langwierig und kostspielig, doch der Patient kann als geheilt entlassen werden: Die Spandauer Vorstadt, 1993 per Rechtsverordnung förmlich zum Sanierungsgebiet erklärt, wird in der kommenden Woche offiziell aus diesem Status verabschiedet. 203 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln flossen in diesen 15 Jahren in den 67 Hektar großen Altstadtkiez. Sie zogen eine weitere Milliarde Euro an privaten Investitionen nach sich. Aus dem einst vernachlässigten Scheunenviertel wurde eine der gefragtesten Adressen Berlins.
Endzeitflair ist Geschichte
"Die Spandauer Vorstadt ist ein Erfolgsmodell", resümiert Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Der Hackesche Markt sei mittlerweile weltbekannt, die Gegend bei Berlinern und Touristen gleichermaßen beliebt und die vorhandenen Altstadtbauten und historischen Stadtgrundrisse in hoher Qualität rekonstruiert oder erneuert. Von den 572 Grundstücken im Sanierungsgebiet seien 150 damals Brachen und Baulücken gewesen, von denen die meisten mit Neubauten renommierter Architekten geschlossen werden konnten.
West-Berliner und Touristen aus den alten Bundesländern erinnern sich heute noch an ihre Ausflüge in Berlins historische Mitte gleich nach der Wende, die nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR mit einer Kulisse wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg aufwartete. Dieses Endzeitflair ist längst verflogen. In den halb verfallenen Straßenzügen, in denen 20 Prozent der Wohnungen zu Beginn der Sanierungsarbeiten als nicht mehr bewohnbar eingestuft wurden, haben heute angesagte Galerien, szenige Lokale und trendige Modelabel ihren Sitz. Dass der zentral gelegene Kiez nicht von seelenloser Investorenarchitektur mit gleichförmigen Büro- und Gewerbebauten überformt wurde, ist das große Verdienst der behutsamen Stadterneuerung, die durch die rechtliche Festlegung als Sanierungsgebiet erst möglich wurde. "Dies hat dazu geführt, dass 42 Prozent der Bewohner, die schon vor 15 Jahren in dem Kiez gewohnt haben, dort immer noch leben", so Hartwig Dieser, Sanierungsbeauftragter des Landes Berlin.
Besonders stolz ist man in der Senatsverwaltung auch darauf, dass in der Spandauer Vorstand inzwischen wieder viele Familien zu Hause sind. Derzeit leben in dem Gebiet 8719 Menschen, davon 592 Kinder unter sechs Jahren. "Viel Geld ist in die Herstellung von Grünflächen und Spielplätzen, von Kitas und Schulen geflossen", so die Senatorin. Auch die Verkehrsberuhigung durch die Einführung der Parkraumbewirtschaftung 2002 habe die Attraktivität des Wohngebietes gesteigert. Der Erfolg drückt sich auch in Zahlen aus: Die Einwohnerzahl wuchs von 1991 bis 2006 um 21,7 Prozent.
Noch immer gibt es in der Spandauer Vorstadt Häuser, die DDR-, Wende- und Nachwendezeit so unberührt überdauert haben, dass sie noch genauso wirken wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Beim Wohnhaus an der Auguststraße 10 ist der marode Charme der Gründerzeitfassade bewusst erhalten worden. Die ehemaligen Besetzer, zumeist Kunststudenten, konnten den neuen Eigentümer davon überzeugen, die bröckelnde Stuckfassade mit einer Schutzschicht zu konservieren.
Bis 2010 soll Programm auslaufen
Von einst 22 Berliner Sanierungsgebieten wurden 2007 bereits fünf mit dem Befund "erfolgreich abgeschlossen" entlassen. Von den verbliebenen 17 werden am kommenden Dienstag neben der Spandauer Vorstadt auch die Kaskelstraße in Lichtenberg (gefördert mit 54 Millionen Euro) und der Samariterkiez in Friedrichshain (110 Millionen Euro) entlassen.
Bis 2010 sollen auch die 14 verbliebenen Sanierungsgebiete, darunter die Wederstraße in Neukölln - das einzige Entwicklungsgebiet im West-Teil der Stadt - aus dem Programm entlassen werden. Über die Festsetzung neuer Sanierungsgebiete wird derzeit in der Senatsverwaltung beraten. Als heißer Favorit gilt etwa die Karl-Marx-Straße in Neukölln.




