NSU-Prozess

Böhnhardt und Mundlos - „Zwei Typen wie aus einem Kriegsfilm“

Die frühere Rechtsextremistin Jana J. hat im Münchner NSU-Prozess die Jenaer Szene in den 1990er Jahren beschrieben. Es sei viel mit Nationalsozialismus kokettiert worden.

Foto: Frank Doebert / dpa

Damals, Ende der 1990er Jahre, hatte Jana A. ihre Haare kurz geschnitten und gefärbt, mal schwarz, mal blond, mal pink. Ab und an trug sie, wie sie sagt, eine „blaue B-Jacke“, eine Bomberjacke. Als Freundin von André K., einem führenden Neonazi, kannte sie Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Seine Freunde waren auch ihre Freunde.

Die rechtsextreme Szene in Jena wurde zu ihrem Zuhause. Sie marschierte auf Demonstrationen, besuchte NPD-Schulungen, bastelte antisemitische Zeitungen. Sie war, trotz ihrer Jugend, Nationalsozialistin.

Doch das soll längst vorbei sein. Jana A., inzwischen 33, heißt nun Jana J., arbeitet in Berlin als Sozialpädagogin. Schon vor 13 Jahren zog sie aus Jena weg. Sie ist eine attraktive, geschmackvoll gekleidete Frau mit langem, lockigem Haar. Sie redet ruhig und in wohlgesetzten Worten, mit einer warmen, angenehmen Stimme und leichtem Berliner Akzent. Es scheint, als versuche sie, die Fragen des Gerichts ehrlich zu beantworten.

Gegensatz zur Thüringer Szene

Kurzum, Jana J. wirkt in jeder Hinsicht wie der krasse Gegensatz zu ihrem Ex-Freund André K. – und zu den meisten Zeugen aus der Thüringer Szene, die in München vernommen wurden. Vor einem Monat, bei ihrem ersten Auftritt vor dem Oberlandesgericht, sagte sie, sie schäme sich dafür, wie sie damals war.

Und dennoch: Ihre Beschreibung der Jenaer Zeit fällt eher positiv aus. André K. etwa habe ihr Halt geboten, nachdem ihre Familie durch die Scheidung der Eltern auseinanderbrach. Ralf Wohlleben, der in München der Beihilfe zu mehrfachen Mord angeklagt ist, charakterisiert Jana J. als „immer gut gelaunt“, „offen“ und „freundlich“.

Und Tino Brandt, der Anführer des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS)? Der sei zwar „sehr speziell“ und „irgendwie eigenartig“ gewesen. Aber ein Problem habe sie mit ihm trotzdem nicht gehabt.

Falle für zwei linksalternative Mädchen

Überhaupt, der THS: „Aus heutiger Sicht war das ein Name, die eine Gruppe symbolisieren sollte“, sagt die Zeugin. „Zugerechnet wurde jeder und keiner, eine Mitgliederstruktur gab es nicht.“ Man wusste „ja gar nicht, wem man da hinterher“ gelaufen sei. „Da gibt es ein Transparent, da steht THS drauf, aber mehr ist da nicht.“

Den Vorsitzenden Richter beeindruckt das offenkundig wenig. Manfred Götzl konfrontiert am Mittwoch die Zeugin mit Aussagen anderer Zeugen und Verfassungsschutz-Quellen. Nun berichtet Jana J. davon, wie sie und André K. zwei linksalternative Mädchen trafen, um über eine Befriedung der Situation zwischen Links und Rechts in Jena zu reden. „Die Mädchen waren sehr nett, aufgeschlossen. Wenig später sind sie dann angegriffen worden, direkt nach diesem Treffen“, sagt sie. „Das sah auch für mich so aus, dass es eine Falle war.“

Für den Überfall wurden später unter anderen André K. und Wohlleben verurteilt. Als Götzl die Zeugin zu Mundlos und Böhnhardt befragt, berichtet Jana S., wie „die beiden Uwes“ in braunen Uniformen durch Jena-Winzerla liefen. „Das war ein schräges Bild, zwei Typen wie aus einem Kriegsfilm“, sagt sie. „Das hatte was Bedrohliches, aber, ich traue es kaum auszusprechen, auch etwas Lächerliches. Da gab es Augenrollen.“

Verherrlichung des Nationalsozialismus

Danach wird die Zeugin von der Generalbundesanwaltschaft und Nebenklagevertretern mit damaligen Aussagen von ihr und ihren Freunden konfrontiert. „Mir sträuben sich die Haare, wenn ich das heute höre“, sagt sie. Sie habe kein oder nur punktuelles historisches Wissen besessen. „Dieser Konsens, den es im Osten sowieso gab, dass Zuwanderung falsch sei, dass Arbeitsplätze geklaut würden“, sei auf „die Spitze getrieben“ worden. „Ich habe damals Demokratie mit Kapitalismus gleichgesetzt, und das ist immer gleich in eine antisemitische Richtung gegangen. Es gab die Verherrlichung des Nationalsozialismus.“

Statt Demokratie sollte „ein nationalsozialistisches System“ etabliert werden, sagt die Zeugin. „Aber da ist auch viel kokettiert worden mit dem ganzen Dreck.“ Sie habe das alles nicht so ernst genommen, damals. „Wenn man drin steckt, nimmt man es nicht so radikal wahr.“ Sie sei mit 16, 17 Jahren „einfach hinterher“ gelaufen. „Ich bin da reingeraten und bin wieder rausgekommen. Das hatte für mich keinen realen Bezug. Dass es für andere einen realen Bezug besaß, hat mich schockiert.“