NSU-Prozess

Vater von Mordopfer bezichtigt Ex-Verfassungsschützer der Lüge

Im NSU-Prozess hat der Vater des ermordeten Halit Yozgat einen ehemaligen Verfassungsschützer offen der Lüge bezichtigt – und die Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit weiter genährt.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Am Nachmittag des 6. April 2006 geht der Verfassungsschutz-Mitarbeiter Andreas T. in das Internetcafé in Kassel, das die Familie Yozgat betreibt. Er kommt dort öfter vorbei, um im Netz zu flirten. Er begrüßt Halit Yozgat, geht in das Hinterzimmer, in dem die Computer stehen und loggt sich am PC-Platz 2 unter www.ilove.de ein.

Wenige Minuten später stirbt Yozgat. Zwei Schüsse aus der Ceska-Pistole, mit der Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos mutmaßlich schon acht Menschen ermordeten, treffen ihn in den Kopf. Yozgat rutscht tot hinter den Schreibtisch, der schräg gegenüber dem Ausgang steht. Er wird 21 Jahre alt.

Was aber macht Andreas T.? Seine aktuellste Version: Er geht kurz nach den Schüssen, die er nicht hörte, zum Ausgang. Er sieht Yozgat nicht, tritt deshalb kurz hinaus auf die Straße, schaut sich um, geht wieder zurück in den Empfangsraum. Er legt auf die hellgraue Oberfläche des Schreibtisches, auf der später die Ermittler Blutspuren finden, ein 50-Cent-Stück. Auch jetzt sieht er das Opfer, das direkt dahinter liegt, angeblich nicht.

Glaubhaft wirkt dies nicht. Zwar hat die Staatsanwaltschaft, die damals gegen Andreas T. als Tatverdächtigen ermittelte, das Verfahren eingestellt. Doch die Zweifel bleiben.

Keine plausiblen Antworten auf zentrale Fragen

Nun, acht Jahre nach der Tat, ist der Ex-Verfassungsschützer der Rekordzeuge im Rekordverfahren. Vier Mal musste der große, korpulente Mann mit dem kurzgeschorenen Kopf und der Brille schon nach München fahren, wo seit fast einem Jahr der NSU-Prozess läuft.

Auf alle zentralen Fragen gab er bisher keine plausiblen Antworten. Warum war er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt in dem Café und bekam angeblich nichts mit? Wie eng war er, der V-Leute in der Neonazi-Szene betreute, selbst in diese Szene verwickelt? Und warum meldete er sich damals nicht bei der Polizei, als diese nach Zeugen suchte? Bei jeder Vernehmung wich Andreas T. aus, verwickelte sich in immer neue Widersprüche. Immer dann, wenn es konkret wurde, konnte er nicht mehr erinnern.

An diesem Dienstagnachmittag befragen ihn die Anwälte der Opfer-Angehörigen ein letztes Mal. Sei es denn richtig, fragt einer, dass man ihn in Kassel als „Klein Adolf“ bezeichnete? „Ich weiß nicht, warum mich die Leute so genannt haben“, sagt der Zeuge. Stimme es, dass er daheim Bücher zur SS und zum Nationalsozialismus hatte. Nein, antwortet T., er habe nur Textpassagen daraus abgetippt. Besaß er Baseballschläger und Schlagstöcke und beidseitig geschliffene Messer? Ja, aber bloß „einen kleineren Dolch“, einen Schläger und einen „Holzschlagstock“. Benutzt, sagt T., habe er nichts davon.

Fragen des Vaters an den Zeugen

Während sich der Zeuge windet, sitzen zwischen den Anwälten der Nebenkläger eine Frau mit Kopftuch und ein Mann mit grauem Haar und Schnurrbart. Sie haben Kopfhörer auf, ein Dolmetscher übersetzt ihnen die Aussage in Türkische. Ayse und Ismael Yozgat verloren vor acht Jahren ihren Sohn Halit, während sich Andreas T. ganz in der Nähe befand. Nun wollen sie einen letzten Versuch wagen, den Ex-Verfassungsschützer zu stellen.

Ismael Yozgat fragt, und der Dolmetscher übersetzt: „T., Du kanntest uns drei sehr gut, nicht wahr?“.

Antwort: „Ich kannte Sie von meinen Besuchen und habe Sie als sehr nette Menschen kennengelernt, deshalb bin ich oft gekommen.“

Frage: „Warum hast Du (beim Rausgehen) nicht nach Halit geschaut?“

Antwort: „Als ich in den vorderen Raum kam, habe ich mich umgesehen, habe ihn aber nicht gesehen.“

Frage: „Du hättest nach links sehen müssen. Warum hast Du das nicht getan?“

Antwort: „Ich habe mir diese Frage auch immer gestellt, aber ich habe ihn nicht gesehen.“

Frage: „Hast Du nicht nach Halit gesucht, als Du die 50 Cent gezahlt hast?“

Antwort: „Ich konnte nicht ahnen, dass etwas derartig Entsetzliches passiert war, dass ich unter dem Tisch gesucht habe.“

Frage: „Sind Dir die Bluttropfen auf dem grauweißen Tisch nicht aufgefallen?“

Antwort: „Nein, da ist mir nichts aufgefallen. Ich weiß nur, dass auf dem Tisch noch mehr Kleingeld lag.“

Frage: „Du bist 1,86 Meter groß, der Tisch ist 73 Zentimeter groß. Hast Du Halit nicht gesehen?“

Antwort: „Es tut mir Leid, ich habe ihn nicht gesehen“.

Jetzt gibt der Vater des Ermordeten auf: „Es tut mir Leid, T., ich glaube Dir überhaupt nicht.“

Danach wird der Zeuge entlassen. Er muss vorerst nicht wieder nach München kommen.