Razzia

Spezialkräfte durchsuchen Haus von Hells-Angels-Boss

Kampf gegen Rockerbanden: Mehr als 1200 Polizisten stürmen in Norddeutschland Gaststätten und Bordelle. Auch die GSG 9 wird eingesetzt.

Foto: DPA

Man wohnt schön hier im Norden Hannovers. Im grünen Isernhagen: die Fußballer von Hannover 96. Im idyllischen Großburgwedel: ein ehemaliger Bundespräsident. Und, gar nicht weit davon entfernt, im etwas biedereren Bissendorf-Wietze: Deutschlands berühmtester Hells Angel Frank Hanebuth (47).

Doch am Donnerstag, früh um fünf Uhr, bekam der hünenhafte Chefrocker unerwünschten Besuch: Polizisten brachen das riesige Tor seines Anwesens auf, örtliche Medien berichten, dass auch die GSG 9 im Einsatz war – mit einem Hubschrauber sollen Beamte auf dem Grundstück gelandet sein. Hanebuths Anwalt, der frühere Freund von Altbundeskanzler Gerhard Schröder, Götz von Fromberg, sprach von einem „sehr massiven und unverhältnismäßigen Zugriff“.

Was sich an diesem Morgen abspielte, war nichts anderes als der größte Angriffe auf die hinter dem Namen der Rockergruppe Hells Angels vermutete organisierte Kriminalität in Norddeutschland. 1200 Polizisten, darunter 400 Spezialeinsatzkräfte der Länder und die GSG 9 der Bundespolizei, durchsuchten 89 Gebäude – Bordelle, Gaststätten, Privat- und Geschäftshäuser vor allem in Schleswig-Holstein, aber auch in Hamburg-Eidelstedt und eben in Niedersachsen. Begründung: Verdacht auf Korruption, Menschenhandel, Waffenhandel, Körperverletzung, Erpressung– 69 Personen werden verdächtigt.

Fünf Mitglieder der Führungsspitze des verbotenen Kieler Clubs der Hells Angels wurden festgenommen, Beschlagnahmt wurden Schusswaffen, Messer, Macheten, Computer und Handys. Ermittelt, so die Polizei, werde gegen Personen aus dem Rockermilieu. Der Schwerpunkt des Einsatzes lag in Kiel, wo die Polizei am Morgen dem Rotlichtmilieu einen Überraschungsbesuch abstattete. Dabei verschafften sich die Beamten zwar in einigen Fällen mit Gewalt Zutritt zu den betroffenen Gebäuden, auf Widerstand sei man aber nicht getroffen, berichtete ein Polizist.

Welpe erschossen

Im Kieler Stadtteil Altenholz wurde im Zusammenhang mit der Großrazzia auch eine Lagerhalle durchsucht. Dort fahndete man nach Medienberichten mit Leichenspürhunden nach dem seit dem 30. April 2010 vermissten Türken Tekin Bicer (47) aus Kiel-Gaarden. Bicer, der als Türsteher gearbeitet hatte, war damals am helllichten Tag spurlos verschwunden. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. In der TV-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ wurde der Fall vor einem Jahr vorgestellt, ohne dass der oder die Täter ermittelt werden konnten.

Der spektakulärste Einsatz dieses Tages aber blieb der niedersächsischen Provinz vorbehalten. Über dem winzigen Wietzer Sträßchen Eichhornweg kreiste am frühen Morgen ein Hubschrauber im Tiefflug – vermummte Polizisten seilten sich ab. Auch draußen, vor dem massiv gesicherten Grundstück, bezogen vermummte Einsatzkräfte mit Maschinengewehren Position. Das Tor wurde aufgebrochen, auch im Haus gab es offenbar noch Kleinholz.

Gleich zu Beginn der Aktion fiel ein Schuss. Er tötete einen Wachhund, nach Angaben von Hanebuths Anwalt Götz von Fromberg noch ein Welpe. Beamte hätten ihn vor den Augen des zehnjährigen Sohns von Hanebuth erschossen. Das ohnehin stark gesicherte Grundstück des Rockers wird seit geraumer Zeit von Hunden bewacht. Erst im vergangenen September hatten zwei seiner Schäferhunde auf einer Straße Menschen angegriffen.

Hanebuth ist der bekannteste und wohl auch einflussreichste Hells Angel bundesweit; er kontrollierte jahrelang das Rotlichtviertel der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover, wo ihm bis heute zwei Bordelle gehören. Legendär: Jener berühmte „Rocker-Frieden“, den Hells Angel Hanebuth mit einem Vertreter der konkurrierenden Bandidos in Frombergs Anwaltskanzlei schloss. Zum Abschluss gab es Bier und Zigarren auf Frombergs Balkon.

Nachdem die hannoverschen Behörden jahrelang quasi eine friedliche Koexistenz mit Hanebuths Reich geführt hatten, guckt ihm die örtliche Polizeiführung seit vergangenem Jahr gründlicher auf die Finger. Nach Angaben des hannoverschen Polizeivizepräsidenten Thomas Rochell hat sich Hanebuth daraufhin weitgehend aus der Szene zurückgezogen. Angeblich betreibt er jetzt ein Ausflugslokal. Hanebuths Anwalt wies jedenfalls alle Vorwürfe, die von der Kieler Staatsanwaltschaft gegen seinen Mandanten erhoben werden, als „völlig abwegig“ zurück. Das wird sich zeigen. Beamte trugen am Mittag kofferweise Material aus Hanebuths Haus. Danach herrschte dann erst einmal wieder Ruhe im idyllischen Bissendorf-Wietze.