Bandenkrieg

Berliner Polizisten fordern härteres Vorgehen gegen Rocker

Eine Gruppe Berliner Hells-Angels-Rocker geht zunehmend gegen Beamte vor. Ein polizeiinterner Gefahrenbericht warnt vor weiterer Gewalt.

Foto: Tagesspiegel

Mit der Rocker-Szene vertraute Experten des Landeskriminalamtes sind alarmiert: „Bei einem Aufeinandertreffen von Angehörigen oder Supportern des Hells Angels MC und des Bandidos MC ist mit sofortigen körperlichen Auseinandersetzungen unter Einsatz von Hieb- und Stichwaffen zu rechnen. Im Einzelfall ist der Einsatz scharfer Schusswaffen einzukalkulieren.“

Zu dieser Einschätzung kommen die Experten in einer aktuellen Gefährdungsbewertung und schauen vor allem voller Sorge auf die Gruppierung Hells Angels Berlin City unter dem Türken Kadir P., dessen Angehörige immer wieder durch brutale Attacken auffallen und zunehmend gegen Polizisten vorgehen.

Bedrohungen und Beleidigungen sind an der Tagesordnung. Kürzlich wurden bei einem Clubangehörigen sogar Maschinenpistolen samt Schalldämpfer sichergestellt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert einen neuen Umgang mit den Rockern.

„Es macht keinen Sinn mehr, getrennt voneinander ermittelnde Kommissariate zu haben, die sich jeweils nur mit einem Club beschäftigen, das muss übergreifend geschehen. Ebenso muss es eine Verzahnung mit den Experten der Türsteher- und Rotlicht-Dezernate geben, weil sich die Rocker in diese Zweige orientieren“, so GdP-Geschäftsführer Klaus Eisenreich.

„Sicherlich“, so ein ranghoher Polizeiführer, „haben wir in Berlin mit Extremisten beider politischer Lager zu tun, aber die Rockerkriminalität stellt eine größere Gefahr für Bürger dar, weil Konflikte rücksichtslos auf den Straßen ausgetragen werden.“

Serie von Gewaltakten

Wie weit der Krieg zwischen den Bandidos und den Hells Angels bereits eskaliert ist, belegen Morgenpost Online vorliegende Polizeiakten. Erstmalig kann die beispiellose Serie der Gewalt lückenlos dokumentiert werden:

4. Januar 2012: Unbekannte feuern auf das Clubhaus der Bandidos MC Berlin East Gate an der Provinzstraße in Wedding, die Projektile durchschlagen das Tor, ohne Rocker zu treffen.

10. Januar: Auf den Bandidos-Unterstützer-Club Harami MC an der Koloniestraße in Wedding wird ein Brandanschlag geschleudert.

12. Januar: Drei Hells Angels springen an der Residenzstraße in Reinickendorf aus dem Wagen und stechen auf dem Gehweg einen Bandido nieder.

15. Februar: Zivilbeamte werden von Angehörigen der Hells Angels Berlin City unter Kadir P. ebenfalls an der Residenzstraße beleidigt. Als sie sich als Polizisten ausweisen, kommen 20 bis 25 Rocker aus dem Clubhaus und nehmen eine drohende Haltung ein. Die Beamten werden brüllend aufgefordert, zu verschwinden: „Das ist unser Bereich!“. Erst Bereitschaftspolizisten können die Situation klären.

2. März: Ein Hells Angel erscheint mit einem Armdurchschuss im Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Zu dem Zwischenfall macht er keine Angaben.

4. März: Einem Supporter der Hells Angels wird auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz mit einem Messer in die Leber gestochen.

15. März: Das Clubhaus der Bandidos South Side an der Streustraße wird beschossen. Polizisten stellen einen Tag später im Fahrzeug eines „Bruders“ von Kadir P. eine halbautomatische Polizeipistole mit entfernter Waffennummer, eine halbautomatische Selbstladepistole, eine Maschinenpistole vom Typ Scorpion und eine vollautomatische Selbstladepistole mit Schalldämpfer sicher.

24. März: Hells Angels von Kadir P. verwechseln einen Pizzaboten und dessen Sohn mit „Feinden“, bremsen sie an der Schwedenstraße in Wedding aus und zertrümmern ihr Auto. Ein Rocker versucht, den Sohn des Mannes zu erstechen, die Opfer können fliehen.

6. April: Hells Angels von Kadir P. verfolgen eine Zivilstreife der Polizei und geben ihre Ramm-Manöver erst auf, als sie die Polizeikelle sehen. Bei ihnen werden griffbereite Messer entdeckt.

19. April: Drei dieser Rocker springen auf die Fahrbahn der Residenzstraße, ein Busfahrer muss eine gefährliche Vollbremsung machen. Die Täter schlagen mit einem Messergriff gegen die Scheibe, zwängen sich in den Bus und bespucken den Fahrer.

23. April: Bandidos und Hells Angels gehen an der Scharnweberstraße in Reinickendorf mit Messern, Macheten und Reizgas aufeinander los, ein Mann wird niedergestochen.

24. April 2012: Bandidos schlagen an der Perleberger Straße in Tiergarten auf einen Wagen der Hells Angels ein, einen Tag später werden im Clubhaus der Bandidos South Side 34 Ein- und Durchschüsse an Tür und Mauerwerk entdeckt.

„Ein Krieg, der Unschuldige gefährdet“

„Wer sagt, das sei kein Krieg, der Unschuldige gefährdet, der ist blind“, so ein Beamter. „In Berlin eskaliert es so, weil die Hells Angels Berlin City die härteste Truppe sein wollen und blindwütig auf Feinde losgehen.“

Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte dazu auf Anfrage: „Wir haben es hier mit Gruppierungen zu tun, die das staatliche Gewaltmonopol ablehnen. Einige versuchen dabei auch, rechtsfreie Räume zu schaffen. Das werden meine Polizei und ich nicht hinnehmen. Die Polizei greift regelmäßig, frühzeitig und resolut ein. Das betrifft auch den Bereich um die jeweiligen Vereinsstandorte. Hierzu gehört das Klubhaus der Hells Angels Berlin City, das vor allem in jüngerer Vergangenheit mehrfach spezialpolizeilichen Einsatz- und Durchsuchungsmaßnahmen unterzogen worden ist. Es wird also Druck auf die Szene ausgeübt. Begleitet wird das Konzept durch verstärkte Aufklärungsmaßnahmen von szenekundigen Beamten.“

Doch reicht das aus? Beamte befürchten, dass der Innensenator nicht umfassend von der Polizeiführung informiert wird. Anwohner der Residenzstraße und Umgebung berichteten Reportern der Berliner Morgenpost, dass sie Angst haben und die Polizei „zu selten sehen würden“. Auch in Staatsanwaltskreisen wunderte man sich kürzlich, dass Kadir P. seinen Geburtstag mit zahlreichen „Brüdern“ und deren Harleys an der Residenzstraße feiern konnte, ohne dass auch nur eine Polizei-Streife am Ort des Gschehens gewesen sei, während andernorts in Berlin ein Großeinsatz gegen einen weitaus weniger berüchtigten Rockerclub durchgeführt wurde.

„Inzestkinder und Hurensöhne“

Im Polizeipräsidium hieß es dazu, dass vor dem Hintergrund einer intensiven Lageauswertung keine Hinweise über eine derartige Bedrohung der Menschen an der Residenzstraße vorliege. Das Sicherheitsgefühl unterliege einer hohen subjektiven Wertung, werde aber berücksichtigt. Zu polizeitatktischen Maßnahmen gegen Rocker werde man keine Auskünfte geben.

Der Umstand, dass die Pressestelle der Polizei den Angriff auf den Pizzaboten, die Verfolgung der Zivilbeamten und den Angriff auf den Busfahrer der Öffentlichkeit nicht bekannt machten, wird so erklärt: „Grundsätzlich gibt die Pressestelle jeden Sachverhalt bekannt, von dem auf Grund langjähriger Erfahrung anzunehmen ist, dass er den Medien eine Meldung Wert sein könnte.“

Innerhalb der Polizei wird ein härterer Umgang mit Kadir P. gefordert, schon aus Eigenschutz. Denn erst am 30. April 2012 war er an der Frankfurter Allee in Friedrichshain in eine Kontrolle geraten und hatte die Beamten als „Inzestkinder und Hurensöhne“ bezeichnet. Einem Polizisten drohte er laut Anzeige: „Wir sehen uns nochmal privat.“ Und später fügte er an den Beamten gerichtet hinzu: „Du hast keine Ahnung. Mit Geld erreicht man eine Menge.“ Auf die Frage, ob sich die Polizeiführung um die Beamten im Einsatz gegen Rocker sorge, hieß es: „Um die Sicherheit unserer Mitarbeiter weiter zu erhöhen, wurden spezielle Eigensicherungshinweise herausgegeben.“