Neuer Bundespräsident

Bei Sonne und Geläut übernimmt Gauck sein Amt

Schlüsselübergabe am Schloss Bellevue: Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat seinem Nachfolger Joachim Gauck seinen Amtssitz übergeben. Zugleich benannte das neue Staatsoberhaupt seinen Mitarbeiterstab: Neuer Chef des Bundespräsidialamtes ist sein Vertrauter David Gill.

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Kaiser-, nein, Präsidentenwetter in Berlin: der Himmel strahlend blau, die Sonne scheint, und für märkische Verhältnisse gibt es – während der letzten Winterstunden – geradezu tropische Temperaturen. Vor dem Schloss Bellevue ist ein roter Teppich ausgelegt. Das neoklassizistische Gebäude leuchtet hell im gleißenden Sonnenlicht. Gleich wird der Amtssitz des Bundespräsidenten offiziell an den frisch gewählten Joachim Gauck übergeben.

Um kurz vor elf Uhr saust die schwarze Limousine mit Standarte und dem Kennzeichen 0-1 mit dem neuen Präsidentenpaar vor das Portal des Schlosses Bellevue. Die alten Hausherren kommen dem neuen auf dem roten Teppich entgegen – das ehemalige Staatsoberhaupt Christian Wulff und Interimsvertretung Horst Seehofer mit Frau Karin. Nicht ganz protokollgerecht fehlt Wulffs Frau Bettina.

Händeschütteln. Ein wenig blinzeln müssen die fünf wegen der strahlenden Sonne. Und während sich Gauck und Wulff recht ausführlich begrüßen, beginnen die Glocken mit dem Elf-Uhr-Geläut. Der im Vergleich mit früheren Zeiten deutlich schlankere Wulff schäkert mit Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt, und die neue „First Freundin“ legt ihre rechte Hand fast zärtlich auf Wulffs Rücken. Dann wendet sich das Quintett ab; als Erster betritt Wulff das Bellevue.

Kurz danach erscheint das neue Präsidentenpaar abermals. Hand in Hand schreitet der neue Bundespräsident mit seiner Lebensgefährtin die Treppe hinunter, um sich den knapp Hundert Fotografen, Kameraleuten und Reportern zu stellen. Beide winken in die Kameras. Ob er eher Respekt oder Vorfreude empfinde, fragen Reporter Gauck. Der deutet auf sein Herz. „Es bummert sehr hier. Das ist jetzt mehr Respekt.“

Gauck ruft den Journalisten ein fröhliches „Ciao“ zu

Auf die Bitte der Journalisten, noch eine Runde über den Rasen des Parks von Schloss Bellevue zu gehen, antwortet der 72-Jährige: „Das machen wir alles später zum Sommerfest.“ Von präsidialer Unnahbarkeit ist bei Gauck wenig zu spüren. „So ist's recht, ja?“, fragt er die Journalisten, als er mit seiner Lebensgefährtin vor ihnen steht. Dann ruft Gauck noch – ziemlich wenig mecklenburgisch – fröhlich „Ciao“ und wendet sich ab.

Anschließend sitzen Gauck, Seehofer und Wulff im Schloss beisammen, das Amt wird übergeben. Gauck stellt sich den Mitarbeitern vor, er verabschiedet Wulffs Staatssekretär Lothar Hagebölling. Zum neuen Staatssekretär und Chef des Bundespräsidialamtes ernennt Gauck David Gill. Er war bisher Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in Deutschland und ist SPD-Mitglied. Seit zwei Jahrzehnten ist der Jurist ein enger Weggefährte Gaucks. 1991 und 1992 war er dessen Sprecher in der Stasi-Unterlagen-Behörde. Er hat bereits in den vergangenen Wochen Gaucks Termine gemanagt. Als Staatssekretär kann er künftig an allen Kabinettssitzungen der Bundesregierung teilnehmen.

Der 46-jährige Gill ist kurz vor der Amtsübergabe mit weit weniger Pomp als Gauck eingetroffen: Um halb elf fuhr Gill mit einem antiquierten grünen Fiat vor, der schon länger keine Waschanlage gesehen hat. Die Polizisten an der Pforte zum elipsenförmigen Präsidialamt im Tiergarten mustern Gill recht ausführlich. Nach ein, zwei Minuten öffnen sie ihm dann die Schranke.

Am Freitag wird Gauck im Bundestag vereidigt

Mit der Amtsübergabe beginnt für Gauck die eigentliche Arbeit. Bereits an diesem Dienstag hat er seinen ersten Termin außerhalb Berlins. In der Leipziger Thomaskirche nimmt er an einer Festveranstaltung zum 800-jährigen Jubiläum des Thomaner-Chores teil. Am Donnerstag ist er zu Gast bei einer Preisverleihung der Herbert-Quandt-Stiftung in Berlin. Am Freitag wird er im Bundestag vereidigt. Dann wird Gauck seine Antrittsrede halten, die mit Spannung erwartet wird.

Bereits am Sonntag gab Gauck den Vorsitz des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ ab. Er war seit Ende 2003 Vorsitzender des Vereins, der die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und das Unrecht der SED-Diktatur wachhalten will. Wer sein Nachfolger wird, ist noch offen.

Seit seiner Wahl am Sonntag erreichen Gauck allerlei Glückwünsche. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagt: „Joachim Gauck wird für manche Überraschung sorgen. Er ist ein Nonkonformist. Das tut dem Amt gut. Er wird Anstöße geben, über die man nicht sofort die Konsenssoße gießen kann.“ Beck sagt, er freue sich über die Wahl Gaucks. „Nun gibt es eine wirkliche Chance, dass Amt und Person zu einer Institution werden, an der sich die Menschen orientieren.“

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) warnt vor zu hohen Erwartungen an Gauck. „Die öffentlichen Erwartungen an Herrn Gauck sollten nicht so hoch geschraubt werden, dass er sie nicht mehr erfüllen kann.“ Bundespräsidenten seien nur Menschen, betont McAllister. „Mein Wunsch ist, dass Herr Gauck mit all seinen Stärken und Schwächen eine faire Chance bekommt – wie alle anderen Bundespräsidenten vor ihm auch.“