Nordrhein-Westfalen steht ein Turbowahlkampf bevor. In knapp 60 Tagen werden mehr als 13 Millionen Menschen zwischen Rhein und Ruhr aufgerufen, den neuen Landtag des bevölkerungsreichsten Bundeslandes zu wählen. Den Wahltermin 13. Mai legte die Landesregierung jetzt fest. Es ist der spätestmögliche Termin nach Auflösung des Parlaments am vergangenen Mittwoch.

Der Wahlkampf hat bereits ein erstes Thema: die Pläne des designierten CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen im Fall einer Niederlage. Bleibt er dann in Berlin? Der Bundesumweltminister schweigt. Die überraschendste Personalie lieferte ohnehin die FDP. Der ehemalige Generalsekretär Christian Lindner, zuletzt Kandidat für den Vorsitz des FDP-Bezirksverbandes Köln, will die Partei als Spitzenkandidat wieder in den Landtag führen.

„Wir werden das Land umpflügen“, sagte Lindner kurz nach seiner Kür am späten Donnerstagabend optimistisch. Er war in Jeans gekommen, nicht staatstragend und regierungsamtlich wie die anderen, FDP-Chef Philip Rösler, Bundeswirtschaftsminister, und FDP-Landeschef Daniel Bahr, Bundesgesundheitsminister. „Ich hatte andere Pläne“, sagte Lindner. „Aber ich werde nicht in der Reserve bleiben, wenn es darum geht, die FDP wieder in den Landtag zu führen.“

Der 33-Jährige wollte nach seinem überraschenden Abgang im Dezember 2011 wieder unten anfangen. In den vergangenen Wochen konnte man Lindner noch bei der Basisarbeit beobachten. Vor einer Woche wurde er zum Vorsitzenden des FDP-Kreisverbandes Rheinisch-Bergischer Kreis wiedergewählt. Er kümmerte sich um die Geschäftsordnung und Regularien. Er gedachte der Verstorbenen und überreichte einem Anwesenden die Theodor-Heuss-Medaille in Silber für 40-jährige Mitgliedschaft. „Sie gehören jetzt zu den Gusseisernen. Zum Sechzigsten gibt es dann noch eine in Gold“, sagte Lindner.

„Kampfeslustig wie zuvor“

In seinem FDP-Ortsverband Wermelskirchen erzählte er Ende Februar demonstrativ bescheiden: „Ich arbeite jetzt auf einer kleineren Parzelle, dafür kann ich da tiefer graben.“ Er habe sich „vom Generalstab selber versetzt in die Truppe, aber ich bin kampfeslustig und einsatzbereit wie zuvor“.

Nun hat er sich wieder zurückversetzt. Viele hatten gleich an Lindner gedacht, als sich der nordrhein-westfälische Landtag vergangenen Mittwoch überraschend auflöste und die Neuwahl unausweichlich wurde. FDP-Parlamentarier schickten ihm SMS, riefen ihn an, beknieten ihn und sagten: „Du musst es machen.“

Doch sie waren am Donnerstag erstaunt, dass Lindner auch den Landesvorsitz bekam und somit maximal verankert wird in der FDP. Denn niemand hatte damit gerechnet, dass Amtsinhaber Bahr diesen einflussreichen Posten aufgeben würde.

Man sieht Bahr an, dass er kein begeisternder Wahlkämpfer ist

Bahr wird zwar als kompetenter Bundesgesundheitsminister gelobt, doch man sieht in der FDP, dass er sich lieber auf Berlin konzentrieren will und dass er kein begeisternder Wahlkämpfer und Redner ist. Lindner hingegen gehört zu den talentiertesten Rhetorikern in der bundesdeutschen Politik und ist bereit, als Oppositionschef im Landtag weiterzuarbeiten.

„Ich will ernst genommen werden“, sagte Lindner auf Anfrage. Er wolle auch ein „Signal an den Mitbewerber“ geben. Damit ist CDU-Landeschef und Bundesumweltminister Norbert Röttgen gemeint, der nach einer Niederlage in Berlin bleiben will. Der scheidende FDP-Landeschef Bahr erhöhte den Druck und sagte, man müsse sich auf eine Aufgabe konzentrieren.

Lindners förmliche Wahl zum Landeschef auf einem Landesparteitag im April weist ihm eine neue gehobene Stellung innerhalb der FDP zu. Mit seinem Rückzug vom Amt des Generalsekretärs Ende Dezember schien sein Höhenflug einstweilen gestoppt. Er war jüngster Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, jüngster Generalsekretär der nordrhein-westfälischen FDP, jüngster Generalsekretär der FDP-Bundespartei, jüngster Hoffnungsträger mit Parteichef-Potenzial. Nun ist er wieder seitwärts in diese Laufbahn hin zum höchsten Parteiamt eingeschert.

Lindner geht ein hohes Risiko ein

Freilich geht Lindner ein persönliches und politisches Risiko ein: Die FDP wird in landesweiten Umfragen auf zwei Prozent taxiert, fünf braucht sie, um ins Parlament zu kommen. Immerhin scheint mindestens ein Achtungserfolg realistisch, wenn die Freidemokraten über den Prognosen lägen. Lindners Rückkehr jedenfalls beflügelt die Partei. Der angereiste Parteichef Rösler sagte: „Wir schicken den besten Mann, der sich hervorragend auskennt in Nordrhein-Westfalen.“ Er bezeichnete die Neuwahl als Riesenchance. „Von hier wird ein Signal ausgehen auch weit über den Bundesverband hinaus für die gesamte Bundes-FDP.“

Freilich hatte man am Donnerstagabend den Eindruck, dass Rösler fremd wirkte. Teilnehmer der Landesvorstandssitzung schilderten, der FDP-Vorsitzende habe wenig Wichtiges gesagt und nur dabeigesessen. Es gibt wohl auch keine große Neigung, ihn hier oft im Landtagswahlkampf zu sehen. Man will sich lieber auf Landesthemen konzentrieren – und auf die Marke Lindner setzen.