Die Brandmauer um Philipp Rösler war schon ein gutes Stück hochgezogen. Die Politarchitekten im Thomas-Dehler-Haus, der Parteizentrale der FDP in Berlin, hatten den Plan entworfen, ihren umstrittenen Vorsitzenden von den absehbar schlecht ausgehenden Landtagswahlen dieses Jahres weitgehend abzuschirmen. Die Argumente dafür waren bereits in Umlauf gebracht.

Das Ergebnis im Saarland, mit seinen nur sechs Landkreisen und einer Million Einwohnern, sollte als provinzielle Besonderheit abgetan werden. Und in Schleswig-Holstein habe der Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki ja bereits selbst gesagt, bei der Wahl in Kiel gehe es allein um den Norden: Die Bürger an der Küste sollten bitte schön über die erfolgreiche Arbeit der schwarz-gelben Landesregierung abstimmen und nicht über die Streithansel der gleichfarbigen Koalition in Berlin.

Ob dieser Rösler-Schutzwall gehalten hätte, kann nun dahingestellt bleiben. Seit Mittwoch ist klar, dass innerhalb der nächsten 60 Tage auch in Nordrhein-Westfalen gewählt werden muss. Und diese Abstimmung lässt sich mit noch so geschickter Politrhetorik nicht als regionaler Sonderfall abtun. NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland, rund 14 von 62 Millionen wahlberechtigten Deutschen leben an Rhein und Ruhr. Deshalb ist der Kampf um die Sitze im Düsseldorfer Landesparlament immer auch eine kleine Bundestagswahl – mit Auswirkungen auf die Regierenden in Berlin. Vor allem auf Philipp Rösler.

Bahr drückt sich, Lindner wird Spitzenkandidat

Ein Mann, der auf beiden politischen Bühnen aktiv ist, hat das nun ganz offen ausgesprochen. „Das ist eine Schicksalswahl“, sagte Daniel Bahr, Bundesgesundheitsminister und Landesvorsitzender der Liberalen in Düsseldorf. Es gehe um nicht weniger als die Rolle der FDP im deutschen Parteienspektrum. Zurückhaltender gab sich Bahr bezüglich seiner eigenen Rolle.

Während sein Kollege Norbert Röttgen, Bundesumweltminister und CDU-Landeschef, keine Sekunde zögerte, die Spitzenkandidatur für die Wahl zu übernehmen, lavierte Bahr. Man habe viele Persönlichkeiten in der Partei, „die profiliert sind, die es könnten“. Natürlich, er wolle seinen Beitrag leisten, aber erst einmal müssten die Gremien beraten.

Nach einer Sitzung des Landesvorstands am Donnerstagabend war dann klar: Bahr drückt sich. Nicht er, sondern der erst im Dezember als Generalsekretär zurückgetretene Christian Lindner soll die Partei als Spitzenkandidat in den Wahlkampf führen. Auch sein Amt als Landeschef will Bahr an Lindner abgeben. Zuvor hatte das Zögern des Gesundheitsministers bereits für Lästereien in der Partei gesorgt.

Er habe sich im November 2010 an die Spitze des größten Landesverbandes gedrängt, hieß es, nun könne er sich nicht in die Büsche schlagen. Liberale, die den steilen Aufstieg des erst 35 Jahre alten Gesundheitsministers skeptisch sehen, sagen: „Der geht doch in keine Abstimmung, von der er nicht vorher weiß, dass er sie gewinnt.“

Lindners Verhältnis zu Rösler ist zerstört

Das stimmt nicht ganz, in seiner frühen Karriere hat Bahr sich durchaus schon Kampfkandidaturen gestellt. Zum Beispiel gewann er 1999 knapp den Bundesvorsitz der Jungen Liberalen gegen den heutigen Generalsekretär Patrick Döring. Aber wahr ist, dass Bahr zu den vorsichtigen Taktierern gehört, die ihr Handeln sorgsam abwägen.

Als Gesundheitsminister zum Beispiel lässt er gern durchblicken, dass sich er gut eine Abschaffung der Praxisgebühr oder die Senkung der Kassenbeiträge vorstellen kann. Öffentliches Vorpreschen in diesen Fragen allerdings vermied er bislang.

„Ich halte mich an die asiatische Weisheit: Man sollte nie versuchen, ein fallendes Messer mit der Hand aufzuhalten“, sagte Bahr jüngst "Morgenpost Online“. Daran hält er sich nun auch in Nordrhein-Westfalen.

Lindner, mit 33 Jahren noch jünger als Bahr, also soll es machen. Der ehemalige Generalsekretär von Bundes- und Landespartei ist noch immer beliebt in Düsseldorf, auch wird ihm die notwendige Schlagkraft für einen Wahlkampf zugetraut. Überraschend kam die Entscheidung dennoch, schließlich war Lindner gerade erst im Streit aus der ehemaligen „Boygroup“ mit Rösler und Bahr geschieden.

Und er hatte oftmals betont, seine politische Zukunft in aller Ruhe anzugehen. Aber er ließ sich in die Pflicht nehmen. „Das ist eine ernste Wahl. Es geht um die Zukunft der FDP“, sagte Lindner. Für Parteichef Rösler ist das ein Schlag ins Kontor: Er wollte, dass Bahr den Job übernimmt, sein Verhältnis zu Lindner gilt als zerstört.

"Mal sehen, wie er diesmal den Frosch in den Topf kriegt"

In der Union schüttelt man einmal mehr den Kopf über die Liberalen und Rösler. Habe die FDP beim Streit über die Nominierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten nur die CDU auf unverantwortliche Weise in Schwierigkeiten gebracht, hätte sie sich jetzt sogar selbst ins Knie geschossen.

Einen „völligen Mangel an strategischer Führung“ bescheinigte ein Unionsgrande Rösler und spottete: „Tja, mal sehen, wie er diesmal den Frosch in den Topf kriegen will.“ Damit spielte er auf eine Äußerung Röslers in einer TV-Sendung an, in der dieser Kanzlerin Merkel indirekt mit einem Frosch verglichen hatte, der in einem Topf gekocht werde und dies zu spät bemerkt.

Hinter dem Sarkasmus steht aber eine echte Sorge. Die FDP wird auch von den Unionspolitikern, die ihr prinzipiell wohlwollen, als zunehmend unberechenbar gesehen. Niemand könne vorhersehen, ob Rösler nun auf gute Zusammenarbeit setze oder, im Gegenteil, auf schroffe Abgrenzung gegenüber der Union.

FDP Wahlkampf könnte gegen ihren Koalitionspartner machen

Für die Balance innerhalb des Bündnisses befürchten vor allem die Christdemokraten das Schlimmste – zum Beispiel, dass der junge Landeschef Bahr der Versuchung erliegt, mit der Abschaffung der Praxisgebühr Wahlkampf gegen seinen Koalitionspartner zu machen.

Als unglücklich für Schwarz-Gelb im Bund wird zudem angesehen, dass in NRW zwei CDU-Politiker an der Spitze stehen, die bei der FDP kaum Vertrauen genießen. Da ist einmal der Spitzenkandidat Röttgen, der schon seit Jahren ein Parteiensystem ohne die FDP vorhersagt. Und da ist Karl-Josef Laumann: Der Fraktionsvorsitzende in Düsseldorf und Bundesvorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA gilt als der „Vater des CDU-Mindestlohnes“.

In Berlin verhandeln gerade Abgeordnete von CDU, CSU und FDP über die konkrete Ausgestaltung eines als „Lohnuntergrenze“ verbrämten Mindestlohns. Diese Verhandlungen dürften nun wesentlich schwieriger werden, vermutet man, da die FDP ihrem Wahlkampfgegner Laumann kaum diesen Erfolg gönnen werde.

Düsseldorf vergiftet die Stimmung in Berlin

Laumann ging seinerseits bereits auf Konfrontationskurs. Er ließ seinen CDA Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) öffentlich auffordern „den Parteitagsbeschluss zum Mindestlohn noch vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen umzusetzen“.

Ein gar nicht so kleiner Affront gegen die FDP. Die wiederum ließ in Gestalt von Papke verlauten, dass Röttgen für „einen schwarz-grünen Kurs“ stehe und Laumann „gut in die SPD passen“ würde. So vergiftet Düsseldorf die Stimmung in Berlin und Berlin jene in Düsseldorf.

Einig sind sich die Strategen beider Lager immerhin darüber, was eine gegen Rot-Grün verlorene Schicksalswahl in NRW bedeuten würde. In der FDP werde dann Rainer Brüderle den Parteivorsitz übernehmen müssen. Die Union sieht in dem 66-Jährigen einen zuverlässigen Partner bis 2013, danach müssten dann SPD oder Grüne gewonnen werden.

Die FDP erhofft sich von Brüderle eine Mobilisierung der mittelständischen Kernklientel. Das könnte bei der Bundestagswahl dann für fünf Prozent der Stimmen reichen – aber nicht mehr für Schwarz-Gelb.