Auftritt im Theater

Christian Wulff hatte es schon als Kind schwer

Erstmals seit dem TV-Interview hat Bundespräsident Wulff öffentlich über die Affäre gesprochen. In Abwesenheit seiner Kollegen. Und doch fühlt er sich noch geliebt.

Es ist eine einsame Ruferin, die am Sonntagvormittag in Bertolt Brechts Berliner Ensemble ihrem Unmut Luft macht. „Ist ja unerträglich!“, ruft die Dame vom ersten Rang des Theaters am Schiffbauerdamm. Ihre Nachbarn applaudieren laut. Dann aber herrscht wieder Ruhe, und dies gar eine Stunde lang. Das Publikum regt sich nur selten, mit beiläufigem Beifall.

Diese Zurückhaltung mutet merkwürdig an in einem Theater, das es als eine seiner Aufgaben versteht, Herrschende zu demaskieren und Privilegierte bloßzustellen.

Auf der Bühne sitzt schließlich Christian Wulff, der bedrängte Bundespräsident, der um seinen Ruf und den seines Amtes kämpfen muss. Die „Zeit“ hat zu einer Matinee geladen . Wulff sagte vor sechs Monaten zu, in einer Zeit also, als man das Staatsoberhaupt, wenn überhaupt, wahrnahm als Gastgeber seines Sommerfestes oder als Teilnehmer einer fürstlichen Hochzeit zu Monaco.

Seit sechs Wochen steht der Bundespräsident in der Kritik wegen einer Hauskreditaffäre, der Peinlichkeiten und Petitessen folgten, mehrere Erklärungen, der Abgang seines engsten Vertrauten und zuletzt eine Razzia in dessen Eigenheim. Wulff also steht unter Druck, seine Gastgeber aber meinen es gut mit ihm.

Der „Unerträglich!“-Zwischenruf bezieht sich so nicht etwa auf den Präsidenten, sondern auf den „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser, der Wulff ein wenig überhöflich als einen glorreichen, ja zum Präsidenten geborenen Menschen darstellt – und diese schräge Beschreibung geradezu zelebriert. Sein Herausgeber-Kollege Josef Joffe, der eine „Hetze“ von Medien gegen Wulff zu erkennen meint, hält es ähnlich.

Er befragt den Präsidenten freundlich, was diesem zupass kommt. So kann dieser wiederum auf jegliche Medienschelte generös verzichten. Christian Wulff geht so auf der Theaterbühne am kritischsten mit Christian Wulff um – bleibt dabei aber doch recht nachsichtig.

Lauer Applaus, doch einige erheben sich

Es ist ein lauer Applaus, der Wulff zur Begrüßung zuteilwird. Trotzig erheben sich zwei, drei, dann vielleicht acht oder zehn Besucher von ihren Stühlen. Prominente sind nicht zugegen, kein Vertreter der Bundesregierung ist zu sehen, nicht einmal ein Abgeordneter, kein Gesicht aus Kirchen, von Gewerkschaften oder Arbeitgebern. Einen Ansehensverlust, ja einen erheblichen Autoritätsverfall wird wohl der Bundespräsident nicht einmal selbst dementieren.

„Typisch deutsch?“ lautet das Thema der Matinee, doch Wulff wollte und konnte nicht nur über Friedrich den Großen, das deutsche Nationalbewusstsein oder die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 reden, ohne sich zu den Vorwürfen gegen ihn zu äußern.

Die preußischen Tugenden auf der einen Seite, die Versäumnisse Wulffs auf der anderen stehen dabei in einem Kontrast. Wulff jedenfalls vermeidet es, von Aufrichtigkeit oder Redlichkeit zu sprechen. Er betont sein Privileg, als Staatsoberhaupt gewählt, nicht bestimmt worden zu sein.

"Ich glaube, dass ich mein Amt ausüben möchte"

Die eigentliche Botschaft an diesem Sonntagvormittag aber bezieht sich nicht etwa auf das Thema der Matinee, sondern auf Wulff selbst. Sie lautet: Ich bleibe. Ich bleibe standhaft. Ich lasse mich nicht vom Hof vertreiben.

Vermutlich wird Christian Wulff künftig noch manchen Auftritt, noch manches Interview benötigen und benutzen, um diesen Ehrgeiz zu vermitteln – und damit andere Inhalte überstrahlen. „Ich glaube, dass ich mein Amt ausüben möchte“, formuliert das Staatsoberhaupt recht verschwurbelt.

Er mache seine Arbeit gern und werde sein Amt weiter „engagiert und gut ausüben“. Wulff spricht von einer Rede, die er am 5. Mai in den Niederlanden halten will. Er spricht selbstbewusst von einer Bilanz seiner Amtszeit, die in ferner Zukunft, nämlich nach fünf Jahren, gezogen werden möge. Was denn sein Nachfolger eines Tages urteilen solle, wird Wulff gefragt.

„Die elfte Bundespräsidentin“, setzt Wulff mit einem Lächeln an, werde über ihn, den zehnten Präsidenten, hoffentlich einmal sagen, er habe das Land weltoffener gemacht.

"Zivilisatorischer Fortschritt" der Unschuldsvermutung

Das wäre ein freundliches Fazit unter Wulffs Amtszeit. Für die großen Linien und grundsätzliche Reden hat dieser Bundespräsident derzeit nämlich weder Zeit noch Kraft. Er muss sich und seine Ehre verteidigen, das erfordert viel Einsatz und Energie.

So kommt es schon etwas unwürdig daher, wenn der Bundespräsident erwähnt, er wolle angesichts „vieler Irritationen“ Vertrauen wiederherstellen, das Mittelalter indes sei vorbei und „Scheiterhaufen“ gebe es auch nicht mehr.

Den „zivilisatorischen Fortschritt“ der Unschuldsvermutung benennt der selbst so arg Kritisierte dort, wo er sich zu den Vorwürfen gegen seinen früheren Sprecher und Freund Olaf Glaeseker einlässt.

Wulff versucht, genau einen Monat nach seiner Erklärung im Schloss Bellevue erneut in die Offensive zu gehen. Er verweist auf seine zahlreichen Aufgaben, spricht von der völkerrechtlichen Vertretung Deutschlands und seinem Wirken im Lande. „Man bräuchte eigentlich mehrere Bundespräsidenten“, sagt der 52-Jährige.

Vor allem aber schildert er seine eigene Biografie als das Leben eines Mannes, der es in seiner Kindheit nicht leicht hatte und jeweils gar drei Anläufe brauchte, um schließlich Ministerpräsident zu werden und dann Bundespräsident. Er habe Fehler gemacht und sei ins Straucheln gekommen, doch schon in den vergangenen Jahrzehnten sei er stets „wieder aufgestanden“.

Ich habe schon ähnlich harte Zeiten wie jetzt erlebt, lautet Wulffs Hinweis zwischen den Zeilen. Er habe „sehr, sehr viel Zuspruch bis in die heutigen Tage“ und ruhe daher in sich selbst.

"Man soll die Bevölkerung nicht unterschätzen"

In eigener Sache wie zum Thema Deutschsein präsentiert das Staatsoberhaupt im Grunde inhaltsleere und sattsam bekannte Floskeln. „Es sind immer die Begegnungen mit Menschen, die überzeugen“ erfährt das Publikum – oder aber: „Man soll die Bevölkerung nicht unterschätzen.“ Wulff wendet sich gegen Nationalismus und hebt hervor, wie wichtig Nationalstolz sei.

Zahlen und Studien und alte Formeln reiht Wulff aneinander, gewiss korrekt und stets ausgewogen. Einen eigenen, individuellen Ton aber vermag der Bundespräsident zum Thema Deutschsein weder zu finden noch zu vermitteln. Von „Einheit in Vielfalt“ schwärmt Wulff, er lobt den Föderalismus, er würdigt den interreligiösen Dialog und ein wenig überraschend die „Denkfabrik Schloss Bellevue“.

Seiner früheren Neigung, die Medien zu kritisieren, widersteht Wulff nunmehr. Die harschen Urteile der Kommentatoren relativiert er allerdings mit dem Hinweis: „Die Medien sind das eine, der Bundespräsident das andere. Die Bürger sind das Wichtigste.“

Seine Autogrammkarten sind inzwischen vergriffen

Wie sehr Wulff sehr wohl auf sein öffentliches Image achtet (und darunter nun leidet) verrät schließlich die Bemerkung, seine Beliebtheit werde in Umfragen stets erhoben, aber nicht veröffentlicht. Nur jetzt, wo seine Werte fallen , sei dies anders.

Dabei werde doch seine Homepage derzeit öfter als sonst aufgerufen, und seine Autogrammkarten seien inzwischen vergriffen. Und dann ist da auch wieder der Tagespolitiker, der „Tausende Telefonnummern“ in seinem Handy gespeichert hat und der sagt: „Ich simse sehr viel.“

Aus drei Wahlsprüchen Friedrichs des Großen, dessen 300. Geburtstag am Dienstag gefeiert wird, soll Wulff am Ende seinen Favoriten wählen. Er entscheidet sich für: „Man muss es hinnehmen und seinen Ärger hinunterschlucken, wenn einem das Glück zuwider ist.“