Annette Schavan

"In Berlin wird viel zu aufgeregt diskutiert"

Die CDU-Vizechefin Annette Schavan beschreibt, wie sie nach einem dramatischen politischen Jahr zur Ruhe kommt – und nimmt den Bundespräsidenten in Schutz.

Foto: Bernhardt Huber

Morgenpost Online: Frau Ministerin Schavan, im März hat der Philosoph Peter Sloterdijk gehofft, 2011 könne sich trotz Fukushima zu einem Wunderjahr, einem annus mirabilis, entwickeln. Ist es am Ende zu einem annus horribilis geworden?

Annette Schavan: Wunder ereignen sich eher selten. Das Jahr hatte Licht und Schatten. Ungewöhnlich viel ist in tief greifender Veränderung.

Morgenpost Online: Was hat Sie am meisten erschüttert?

Schavan: Die Vielfachkatastrophe in Japan: Erdbeben, Tsunami und die Kernschmelze in Fukushima. Das sind die alten Bilder menschlicher Katastrophen, die anders bewegen als politische Erfahrung.

Morgenpost Online: Haben Sie Ihre Geldanlagen in Sicherheit gebracht?

Schavan: Nein. Ich habe alles gelassen, wie es war – zumal es überschaubar ist. Ich lege mein Geld eher konventionell an. Mein Hauptgedanke in der Euro-Krise war ein anderer: Wie umfassend muss Veränderung in Europa sein?

Morgenpost Online: Manche vergleichen 2011 mit 1989. Muss Europa sich neu erfinden?

Schavan: Vor Europa liegt eine historische Aufgabe. Was Generationen vor uns mit den Römischen Verträgen und der Währungsunion wollten, geht jetzt in eine neue Phase. Eine gemeinsame Währung erfordert eine politische Union.

Morgenpost Online: Meinen Sie Vereinigte Staaten von Europa?

Schavan: Da denkt man immer an die USA. Europa muss seinen eigenen Weg finden. Wir sind ein Kontinent ausgeprägter Vielfalt, die kulturell begründet ist.

Morgenpost Online: Weiß die Politik da, was sie tut? Sind die Versuche, den Euro zu retten, mehr als Experimente?

Schavan: Die Politik weiß, was sie tut. Wir erleben aber eine Situation ohne vorhandenes Muster für eine Lösung. Kein Prozess in den vergangenen Jahren ist so anspruchsvoll gewesen wie dieser.

Morgenpost Online: Sie gelten als enge Vertraute von Angela Merkel. Finden Sie noch Zeit, sich beim Wein auszutauschen?

Schavan: Das ist in diesem Jahr eher selten geworden.

Morgenpost Online: Genießt die Kanzlerin ihre dominierende Rolle in Europa?

Schavan: Ich erlebe Angela Merkel als durch und durch konzentrierten Menschen. Auch im Kabinett konzentrieren wir uns auf das Wesentliche und versuchen, Verzettelung zu vermeiden.

Morgenpost Online: In den vergangenen Tagen mussten Sie sich mit der Kreditaffäre des Bundespräsidenten befassen. Sehen Sie das Amt beschädigt?

Schavan: Mit der Art, wie gerade über den Bundespräsidenten diskutiert wird, kann man jedes politische Amt beschädigen. Der Bundespräsident hat Informationen gegeben und sich für sein Verhalten entschuldigt. Jetzt sollten wir zu dem zurückkehren, was wirklich wichtig ist.

Morgenpost Online: Mit welchen Gefühlen werden Sie die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten verfolgen?

Schavan: Nicht anders als in den Jahren zuvor.

Morgenpost Online: Das nehmen wir Ihnen nicht ab.

Schavan: Ich kenne Christian Wulff seit vielen Jahren und bin davon überzeugt, dass er ein Bundespräsident ist, der unserem Land guttut. Das wird auch die diesjährige Weihnachtsansprache zeigen.

Morgenpost Online: Man kennt sich, man hilft sich – hat Adenauer gesagt. Damals, in der Bonner Republik, wurde längst nicht alles aufgeschrieben, was Journalisten so wussten. Die gute alte Zeit?

Schavan: In Berlin wird über manches viel zu aufgeregt diskutiert. In den letzten Tagen habe ich zigfach erlebt, dass mich Kollegen aus anderen Ländern gefragt haben: Was ist eigentlich bei euch los?

Morgenpost Online: Sie haben in diesem Jahr für die Abschaffung der Hauptschule gekämpft und damit Ihren eigenen Kreisverband gegen sich aufgebracht. Die Ulmer CDU weigerte sich, Sie als Delegierte zum Parteitag zu entsenden. Wie sehr hat Sie das mitgenommen?

Schavan: So etwas spornt mich eher an. Und mir ist es ja auch gelungen, die meisten meiner Gegner zu überzeugen. Der Bundesparteitag hat ein zukunftsweisendes bildungspolitisches Programm mit überwältigender Mehrheit beschlossen.

Morgenpost Online: Das Unbehagen an der Basis geht tief. Ihnen wird vorgeworfen, die CDU zu einer beliebigen Partei zu machen…

Schavan: Schulstrukturen sind kein Identitätsthema. Die Hauptschulfrage berührt nicht den Kern christdemokratischer Bildungspolitik. Unsere Bildungspolitik ist erfolgreich und orientiert an Kindern und ihren Talenten. Deshalb sind wir für ein differenziertes Schulsystem. Die Identität der CDU entscheidet sich nicht an der Frage: Wie erhalten wir das, was immer schon war? Wir müssen uns vielmehr überlegen, was in zehn Jahren sein wird.

Morgenpost Online: Sie haben sich von der Atomkraft, der Wehrpflicht und der Hauptschule verabschiedet. Was ist noch konservativ an der Union?

Schavan: Ein Konservativer muss nicht ständig darüber reden, dass er einer ist. Konservativ zu sein ist für mich eine Grundhaltung, aus der sich ergibt, nicht auf jeden Trend zu springen.

Morgenpost Online: Genau das wird Ihnen vorgeworfen.

Schavan: Zu Unrecht. Zukunftsfähigkeit ist nicht am Trend orientiert, vielmehr an Werten und einem sensiblen Verständnis für Veränderung. Nehmen Sie nur die demografische Entwicklung in Deutschland. Sie wird das Land verändern.

Morgenpost Online: Ein konservativer Gesprächskreis, der „Berliner Kreis“, will die CDU prägen. Ist das gut?

Schavan: Eine Volkspartei lebt davon, dass es Gruppen gibt, die sich einer programmatischen Wurzel oder bestimmten Themen besonders zuwenden. Das darf uns nicht nervös machen. Jede gute Idee, unser Land zukunftsfähig zu machen, ist willkommen.

Morgenpost Online: Ihr Koalitionspartner wankt. Wie will die FDP das nächste Jahr überstehen?

Schavan: Ich erhoffe mir vom Dreikönigstreffen eine Stabilisierung und Stärkung der Liberalen.

Morgenpost Online: Tut es einem Unionspolitiker inzwischen weh, wenn er nach der FDP gefragt wird?

Schavan: Nein, weil auch da gilt: Was heute nach Untergang aussieht, kann morgen schon zum Aufbruch werden.

Morgenpost Online: Das klingt eher nach Ostern als nach Weihnachten. Kann dieser Aufbruch mit Philipp Rösler an der Spitze gelingen?

Schavan: Ja. Es hilft der FDP nicht, sich diese Frage immer wieder von Neuem zu stellen. Auch das gehört zur Berliner Aufgeregtheit: zu glauben, die schönsten Stunden seien immer dann, wenn Personen infrage gestellt werden.

Morgenpost Online: Wie viel Wahrheit steckt in dem Satz, dass große Aufgaben große Koalitionen erfordern?

Schavan: Da antworte ich biblisch: Alles hat seine Zeit. Und jetzt ist die Zeit für eine christlich-liberale Koalition. Union und FDP werden noch wichtige Entscheidungen treffen für dieses Land.

Morgenpost Online: Wir sind am Nordufer des Bodensees, wo Sie an jedem Jahresende einige Zeit verbringen. Was bedeutet Ihnen dieser Ort?

Schavan: Das ist für mich seit zwölf Jahren die Region, in der ich Kraft schöpfe, mich zurückziehen kann, neue Anregungen und Ideen finde. Ulm, Oberschwaben und der Bodensee sind ein großartiges Beispiel für eine Region mitten in Europa, die Tradition und Modernität, Natur und Kultur auf wunderbare Weise verbindet.

Morgenpost Online: Der Schriftsteller Uwe Johnson hat gesagt: Heimat ist dort, wo die Erinnerung Bescheid weiß. Sind Sie am Bodensee zu Hause?

Schavan: Das ist eine schöne Beschreibung – auch für meine erste Heimat, das Rheinland. Dort steht mein Elternhaus. Die Weihnachtstage verbringe ich mit meiner Mutter und den Familien meiner Geschwister. Ich habe den Schwaben immer gesagt: Ich bin Rheinländerin, und mir ist Baden-Württemberg ans Herz gewachsen. Der Bodensee ist der Ort des Rückzugs.

Morgenpost Online: Wie dürfen wir uns Ihren Tag am See vorstellen?

Schavan: Ich lese viel – jetzt gerade ein Buch über Lorenzo di Medici, nachdem ich in der Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ in Berlin war. Für die Weihnachtstage habe ich mir vorgenommen, das Johannes-Evangelium noch einmal zu lesen mit der eindrucksvollen Eröffnung: „Im Anfang war das Wort.“ Das ist eine inspirierende Grundlage für Meditation in den Tagen um die Jahreswende.

Morgenpost Online: Sie meditieren?

Schavan: Ich denke nach über Worte der Schrift und lasse sie auf mich wirken. Meditation hilft mir, die christliche Botschaft besser zu verstehen. Ich bekomme Zugang zu den Quellen meines Glaubens. Das geht wunderbar hier am See bei Spaziergängen.

Morgenpost Online: Lassen Sie sich auch von Musik inspirieren?

Schavan: Ich habe gerade in Berlin das Weihnachtsoratorium hören können und danach in der Partitur einige Textstellen entdeckt, die ich bisher noch gar nicht so wahrgenommen hatte.

Morgenpost Online: Die Pianistin Hélène Grimaud hat einmal gesagt: „Gott schuldet Bach eine ganze Menge.“

Schavan: Da hat sie recht. Die Zeit vor Weihnachten ist von Berieselung überlagert. Dann kommen die stillen Tage. Da spürt man, was eigentlich bleibt, und Bachs große Werke gehören natürlich dazu. Ich empfinde das als etwas sehr Stärkendes. Vielleicht liegt das auch am Hang von uns Katholiken, nicht nur das Wort zu bedenken.

Morgenpost Online: Fürs Protokoll: Bach war Protestant.

Schavan: Das stimmt. Da freut sich die Katholikin an der protestantischen Kunst.

Morgenpost Online: Bleibt die Politik von Weihnachten bis Neujahr völlig ausgesperrt?

Schavan: Politik gehört zu meinem Leben. Das ist auch nicht schlimm. Das Handy schalte ich zu bestimmten Zeiten zwar aus. Aber ich muss Politik nicht völlig vergessen, wenn ich mich erholen will. Ich treffe mich am Bodensee auch mit Kollegen auf einen Kaffee, etwa mit Norbert Lammert.

Morgenpost Online: Sie haben keine eigene Familie. Empfinden Sie an den stillen Tagen manchmal auch Einsamkeit?

Schavan: Nein. Ich bin als Politikerin meistens von Menschen umgeben. Und ich pflege Freundschaften über Jahrzehnte. Ich bin ein Mensch, der beides braucht: mitten unter Menschen zu sein – und mich auch mal zurückziehen zu können.