Bildung in Europa

Schavan will es beim Abitur wie Frankreich machen

Im Konflikt über den Wert des Abiturs will sich Bildungsministerin Schavan an Frankreich orientieren und allgemeinbildende Abschlüsse außen vor lassen.

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Ausnahmsweise soll sich diesmal in einer Frage von europäischer Dimension Deutschland an Frankreich orientieren und nicht umgekehrt. Aber es soll ja auch nicht der Euro gerettet werden, sondern ein Projekt, das mit dem Namen Europäischer Qualifikationsrahmen (EQR) sperrig daherkommt, allerdings für Millionen Arbeitnehmer bald große Bedeutung entfalten könnte.

Die akute, von der Europäischen Union gestellte Aufgabe an alle Mitgliedstaaten lautet: Sie müssen ihre Bildungs- und Berufsabschlüsse in ein System von acht Stufen einordnen. Stufe eins für die niedrigste, acht für die höchste Qualifikation. Damit sollen Abschlüsse europaweit vergleichbar werden.

Aufruhr unter den Ministern

In Deutschland vollzog sich das Ranking seit 2008 heimlich, still und leise im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR); bis zu dem Tag im vergangenen Oktober, an dem die Kultusminister das Abitur auf Stufe fünf einordneten und damit über die große Mehrzahl der Berufsabschlüsse stellten.

Es folgte maximaler Aufruhr. Denn die Minister hatten alle übrigen Beteiligten an dem Prozess brüskiert: die Sozialpartner, die Bundesregierung, die Fraktionen im Bundestag, die Bildungsministerin. Sie alle plädieren für eine Einordnung der Hochschulreife auf Stufe vier – gemeinsam mit den drei- und dreieinhalbjährigen Berufsausbildungen. Seither herrscht Krisenstimmung, und über den DQR wird nun auch öffentlich diskutiert.

Schavan will dem französischen Beispiel folgen

Für den 31. Januar hat die Kultusministerkonferenz (KMK) zum Gespräch mit Vertretern von Wirtschaft, Regierung und Verbänden geladen. Dafür liegt nun eine Kompromiss-Lösung der Bundesbildungsministerin auf dem Tisch.

Morgenpost Online liegt der Brief vor, den Annette Schavan einem guten Dutzend Personen, darunter die Vertreter der Verbände, Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sowie der neue Chef der Kultusministerkonferenz Ties Rabe (SPD), zukommen ließ. Darin schlägt die CDU-Politikerin vor, dem französischen Beispiel zu folgen und die allgemeinbildenden Abschlüsse – in Deutschland also Hauptschulabschluss, Mittlere Reife und Abitur – ganz außen vor zu lassen.

„Auch wenn der EQR im Grundsatz bildungsbereichsübergreifend angelegt ist, ist eine Priorisierung von beruflicher und akademischer Bildung neben der Validierung non-formaler und informeller Kompetenzen unverkennbar“, heißt es in dem Schreiben zur Begründung. Die Ministerin sagt dazu: „Entscheidend ist, dass wir den hohen Stellenwert der beruflichen Bildung in Deutschland deutlich machen. Wenn Ende Januar keine Lösung gefunden wird, plädiere ich im ersten Schritt für das französische Modell.“ Die Schulabschlüsse müssten in einem zweiten Schritt dazukommen, wenn man die Entwicklungen in der EU klarer absehen könne. Hierfür brauche man einen festen Zeitplan, ergänzt die Ministerin.

Tatsächlich hat Frankreich bisher als einziges Land darauf verzichtet, Schulabschlüsse aufzunehmen. Folgt Deutschland, dürfte das wie auf anderen Politikfeldern ein Signal geben. Unsicher sind viele. Österreich und die Schweiz etwa warten seit Monaten auf ein Zeichen aus Deutschland. Die Niederlande sahen ihren höchsten Schulabschluss erst auf Stufe fünf, dann wieder auf Stufe vier. Schavan geht es darum, weitere Verzögerungen zu vermeiden.

Bedeutung nicht nur für Europa

Der neue KMK-Chef, Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, hat angedeutet, dass er das Problem wohl in einem Jahr an seinen Nachfolger weitergeben werde. Schavan indes hat betont, dass noch 2012 die Einordnungsziffern auf Zeugnissen auftauchen sollen. Die Ministerin geht davon aus, dass der Qualifikationsrahmen vor allem im europäischen Kontext Wirkung entfaltet. Bei der Bewerbung sollen Arbeitgeber anhand der Zahl erkennen können, welche Qualifikationen ein Kandidat mitbringt.

Aber warum soll das eigentlich nicht in Deutschland genauso gelten? „Ich bin sicher, dass der DQR in Deutschland auch eine Bedeutung entfalten wird, nicht nur in Europa“, sagt Reinhard Böckl von der IG Metall, der seit 28 Jahren in der Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Niederbayern tätig ist. Viele Personalverantwortliche hätten keine Ahnung, was die einzelnen Fortbildungen bedeuten, was gelernt wird und was die Absolventen danach auszeichnet. Durch den DQR bekämen sie ein Gefühl dafür, was einer könne, glaubt Böckl.

Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung

Diese Hoffnung hat auch Stefan Salzinger. Der 30-Jährige macht eine zweijährige Fortbildung zum Technischen Fachwirt bei der IHK. „Mein Chef fragte mich erst mal, was ein Fachwirt eigentlich ist“, erzählt er. Wenn der DQR einmal wirkt, glaubt Salzinger, der als Schichtsteuerer bei der Wacker Chemie in Burghausen arbeitet, könnte ein Verweis auf die Einordnung der Zusatzqualifikation solche Fragen schnell beantworten.

Der Technische Fachwirt soll auf Stufe sechs landen – mit dem ersten Uni-Abschluss, dem Bachelor. „Es ist sehr, sehr wichtig, die berufliche und die akademische Bildung ins Verhältnis zu setzen, das vermittelt dann auch ein stärkeres Bewusstsein für den Wert der beruflichen Abschlüsse“, sagt Böckl. Salzinger ergänzt: „Ich habe schon das Gefühl, gegenüber Uni-Absolventen weniger zu zählen. Wenn ich auf der Bachelor-Ebene bin, ändert sich sicher das Bewusstsein.“

Dynamik des Prozesses ist kaum einzuschätzen

Aussagen wie diese machen deutlich, warum Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände so zäh darum ringen, dass das Abitur nicht mehr gilt als die Berufsabschlüsse. Sie wollen Gleichwertigkeit der beruflichen mit der schulischen und akademischen Bildung – auf dem Papier und in den Köpfen.

Doch wohin führt das? „Früher oder später leitet sich von der Einstufung auch ein ähnliches Gehaltsniveau ab“, sagt Böckl und bricht damit ein Tabu. Denn alle Beteiligten widersprechen da vehement. Sie wollen vermeiden, dass sich aus dem DQR – kostspielige – Rechte und Pflichten ableiten. Die Dynamik des Prozesses aber ist kaum einzuschätzen. Durch die qualitative Abstufung ist das Streben nach der nächst höheren Stufe dem System inhärent. Dass sich daraus Forderungen ergeben, ist logisch. Warum sollte ein Fachwirt, der auf einer Ebene mit dem Bachelor steht, nicht Zugang zum Masterstudium erhalten (Stufe sieben)? Solche Fragen werden kommen.

"Es ist nicht die erste Wahl"

In einem Antrag, der dem Bundestag aktuell zum Beschluss vorliegt, ermahnen die Fraktionen von Union und FDP die Hochschulen, sich „für den gleichberechtigten Zugang von Absolventinnen und Absolventen des Dualen Berufsbildungssystems“ zu öffnen. Die Parlamentarier fordern von der Regierung, dass sie gegenüber den Bundesländern darauf hinwirkt, Abitur und Fachhochschulreife mit den mindestens dreijährigen Ausbildungen im DQR gleichzustellen.

Für den Fall, dass man sich nicht darauf einigen könne, solle – wie von Schavan vorgeschlagen – auf die Schulabschlüsse verzichtet werden. KMK-Chef Rabe zeigt sich dafür zumindest gesprächsbereit. Ein Verzicht auf Abitur und Mittlere Reife sei denkbar. Der Bildungssenator: „Es gehört zu den möglichen Auswegen. Aber es ist sicher nicht die erste Wahl.“