Christian Wulff

Haben Sie Probleme mit der Springer-Presse?

Bundespräsident Christian Wulff und die Pressefreiheit: ein weites Feld. Er sollte Nachhilfe bei den Briten nehmen – und in der Geschichte.

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„Ich muss mein Verhältnis zu den Medien herstellen, neu ordnen, anders mit den Medien umgehen, sie als Mittler stärker einbinden und anerkennen.“ Wie vieles in seinem Gespräch mit der ARD und dem ZDF erinnerte auch dieses Bekenntnis des Bundespräsidenten in seiner Formulierung an die Pflichtaufgaben eines Schülers aus alter Zeit.

Damals, als der Unterricht noch viel autoritärer ablief als heute, wurde uns Sündern wohl manchmal aufgebrummt – „Schreiben Sie, Kielinger: Ich darf im Unterricht nicht stören! Ich will mein Benehmen bessern! Ich muss lernen, anders mit Lernen umzugehen!“

Oder Ermahnungen ähnlicher Art, die stärker wirken sollten, wenn man gezwungen wurde, sie zu Protokoll zu bringen. „Schreiben Sie, Wulff! Ich muss anders mit den Medien umgehen!“

Wer hilft nur dem Bundespräsidenten?

Ja, wie nur? Wer hilft dem Bundespräsidenten in diesem wichtigsten aller Nachhilfefächern: Den Medien, und was es mit der Pressefreiheit auf sich hat?

Wie immer, gibt es auch diesmal einen Nachhilfelehrer, den wir flugs herbeizitieren wollen: die Geschichte. Bekanntlich ist der, der sie ignoriert, dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Das aber sollte unserem Staatsoberhaupt auf jeden Fall erspart bleiben, er will doch weiterkommen mit seiner Amtszeit.

Am Besten, wir engagieren als Lehrmeister einen Briten, nennen wir ihn doch einfach „Sir Charles English“, um ihn von dem kühnen Klamauk-Künstler Johnny English , alias Rowan Atkinson, abzusetzen.

Den Briten steckt Geschichte im Blut, und um die Freiheit der Presse haben sie gerungen wie kein anderes Volk. Da gibt es viel zu lernen für Christian Wulff.

Es muss nicht mit dem Tode enden

Als Erstes führt Sir Charles seinen Nachhilfeschüler zu John Milton. Lange, ehe dieser in seinen späten Jahren sein episches Hauptwerk, „Das verlorene Paradies“, schrieb, war er als begnadeter Pamphletist und Verteidiger dessen aufgetreten, was wir heute die „Bürgerrechte“ nennen würden.

1644 hatte Milton in einer Schrift „Areopagitica“ glanzvoll für die Pressefreiheit gefochten, die durch eine neu im Parlament vorbereitete Zensur eingeengt werden sollte.

Diese Freiheit zu beschneiden, so argumentierte Milton unter anderem, sei etwa so erfolgreich, wie wenn ein reicher Gutsbesitzer des Abends seinen Park abschlösse und damit glaubte, er habe die Vögel ausgesperrt.

Sogar den Königsmord verteidigte dieser frühe britische Fundamentalist in einem Plädoyer von 1651 mit dem bezeichnenden Langtitel: „Verteidigung des Volkes von England bezüglich seiner Rechte, Könige und Magistratspersonen zur Rechenschaft zu ziehen, sie nach gebührender Überlegung abzusetzen und dem Tode zuzuführen.“

Kein Sorge, Wulff, schiebt Sir Charles schnell nach: Sie müssen nichts ähnlich Drakonisches mehr befürchten wie „nach gebührender Überlegung dem Tode zugeführt“ zu werden. Aber über die Zeiten hinweg bleibt die Erinnerung an das Recht des Volkes, „Könige und Magistratspersonen zur Rechenschaft zu ziehen.“ Und wer vertritt dieses Recht heute sichtbarer als die Medien, sofern diese nicht der Versuchung zur Selbstbeweihräucherung und Selbstüberschätzung anheim fallen?

Erste Lektion: Der Vorreiter Milton

Was sich die Macht in England so alles hat gefallen lassen müssen seit der Glorreichen Revolution 1688/89, mit der einhundert Jahre früher als auf dem europäischen Kontinent die Engländer das Gottesgnadentum abgeschafft hatten!

Sir Charles seufzt: Honoratioren aller Couleur, vom Staatsoberhaupt, dem Monarchen, angefangen, mussten sich Stoizismus und die berühmte „stiff upper lip“ zulegen, um mit der Flut an Verunglimpfung öffentlicher Funktionsträger, wie sie jetzt Usus wurde, fertig zu werden.

Aber an dem Recht der Presse, die Macht auf Schritt und Tritt unter Kuratell zu stellen und damit einzuhegen, gab es keinen Zweifel mehr.

Ich habe für Sie als Beleg, so wendet sich Sir Charles an seinen Schüler, einen deutschen Reisenden namens Helferich Peter Sturz ausgegraben, einen Diplomaten in Kopenhagener Diensten, der im Herbst 1768 den dänischen König Christian VII. auf einer Reise nach London und Paris begleiten durfte und seine brieflichen Berichte darüber an einen Hannoveraner Hofrat später publik machte.

Aha-Erlebnis im St. James Park

In seinem 5. Brief aus London, vom 25. September 1768, hat Sturz ein, wie man das heute nennen würde, „Aha-Erlebnis“. Er geht gerade im St. James Park passieren, da begegnet ihm leibhaftig König George III. mit kleinem Hofstaat, der den Monarchen „in schweigender Ehrfurcht umgibt“.

Alles beugt tief vor Majestät und dem „glänzenden Haufen“ der Großen um ihn herum. „Wer die hiesige Verfassung nicht kennt“, so folgert Sturz aus dem Gesehenen, „glaubt, nicht im Lande der Freiheit sondern an dem Hof eines morgenländischen Sultans zu sein.“

Das ist aber nur der Beginn der Geschichte. Sturz fährt fort: „Wenige Schritte von diesem Schauspiel, in dem Café zu St. James, findet man dann ein öffentliches Blatt, das über die Regierung mit aufrührerischem Frevel lästert. Lange kann [der Besucher] sich nicht entscheiden, welche von beiden Erscheinungen ein Traum war: er weiß den Widerspruch nicht zu erklären; endlich glaubt er, dass das Hofgepränge nur eine leere Theaterpracht und die Zeitung der Geist und die Stimme eines zügellosen Volkes ist. Welche Bosheit, ruft er aus, bringt die gepriesene Freiheit hervor! Wie eingeschränkt ist die Gewalt des Monarchen, der diesen Trotz nicht bändigen kann!“

Warum immer nur England?

Schreiben Sie nach, fordert Sir Charles seinen Nachhilfeschüler auf: „Über die Regierung mit aufrührerischem Frevel lästern“.

Und: „Die Zeitung – der Geist und die Stimme eines zügellosen Volkes.“ Schreiben Sie dazu: Schon vor 250 Jahren!

Wulff begehrt auf: Warum immer nur England? Auch Friedrich der Große, dessen 300. Geburtstag ich demnächst feierlich einläuten darf, hatte doch schon am sechsten Tag seiner Regentschaft, am 5. Juni 1740, seinen „Wirklichen Geheimen Staatsminister“ Heinrich von Podewils angewiesen: „Dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber [soll] eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden zu schreiben, was er will, ohne dass solches zensiert werden soll.“

Stimmt, so kontert der Brite, aber damit war die Zensur in Preußen nicht gänzlich abgeschafft, der königliche Befehl bezog sich lediglich auf den nichtpolitischen Teil der Zeitungen. Kunststück! Bei der Politik eben wird’s heikel, da fühlt sich, modern gesprochen, die Macht auf den Schlips getreten durch die Zeitungen, „den Geist und die Stimme eines zügellosen Volkes.“

Ich habe, so fährt Sir Charles genüsslich fort, aus dieser Zeit noch einen anderen Ihrer Landsleute als Kronzeugen dafür, wie deutsche Besucher auf der Insel damals vor allem die englische Pressefreiheit als conditio sine qua non eines gesicherten Gemeinwesens zu schätzen lernten.

Das große Palladium der Freiheiten

Johann Wilhelm von Archenholz aus Danzig-Langfuhr lebte zwischen 1769 und 1779 sechs Jahre lang in England und galt mit seiner ersten Zeitschrift „Literatur und Völkerkunde“ und dem 1785 folgenden Buch „England und Italien“ als der England-Experte seiner Zeit.

Er stimmt den Engländern zu: „Sie nennen mit Recht die Pressefreiheit das große Palladium ihrer Freiheiten. Der Missbrauch derselben wird unendlich von dem großen Nutzen überwogen, den der gute Gebrauch dem Gemeinwesen gewährt.“

Ja, Archenholz konstatiert: „Es wäre unmöglich, dass dieses Reich [...] bis zu unseren Tagen ein freier Staat geblieben wäre, wenn es die wohltätige Pressefreiheit nicht bewirkt hätte.“

Wie das freie Wort die britische Gesellschaft veränderte, begründet er in einer einprägsamen Passage: „Das Bewusstsein der Freiheit und des Schutzes der Gesetze verursacht natürlich, dass der gemeine Mann gegenüber Vornehme, ja selbst gegen die ersten Männer des Staates nur geringe Achtung zeigt, es sei denn, dass sie sich durch ihr Betragen Popularität erworben haben. Sogar der königlichen Würde wird oft wenig Achtung erwiesen. Man sieht den König als die vornehmste Magistratsperson an, die von der Nation bezahlt wird.“

„Die vornehmste Magistratsperson“, und auch noch ausgehalten von der Nation: Angesichts solcher „Dienstbeschreibung“ verschwindet die Aura der Majestät fast vollständig, und es kann gar nicht anders sein, als dass keine Schranke mehr davon abhält, mit dieser „Person“ auch seinen Spaß zu treiben, wie schon Sturz registrierte, wenn er in den Gazetten „aufrührerischem Frevel“ begegnete.

Der zeigte sich gerade in der Ära Georgs III. am Deutlichsten in der Karikatur jener Zeit, die damals ihren ersten Höhepunkt erlebte, vielleicht ihren größten überhaupt. Die königliche Würde stand zum allgemeinen Spott frei.

Zweite Lektion: Glorreiche Revolution und ihre "wohltätigen" Folgen

An dieser Stelle überzieht nachdenkliche Blässe das Gesicht des Nachhilfeschülers Wulff. Wie müssen diese Amtsträger sich damals und seitdem, so schießt es ihm durch den Kopf, als Opfer gefühlt haben bei so viel öffentlicher Herabsetzung!

Als habe Sir Charles Wulffs Gedanken gelesen, hakt er ein: Sie haben doch neulich im Fernsehen versprochen, „ich will natürlich besonnen, objektiv, neutral, mit Distanz als Bundespräsident regieren“.

Gut gebrüllt, Löwe! Sich als Opfer zu fühlen, ob seitens der Presse oder durch wen auch immer, beraubt Sie der Souveränität und versetzt sie, historisch gesprochen, zurück in die Zeit des Absolutismus, als die Macht – die Sie aber gar nicht mehr haben – sprechen zu können glaubte: „Räsonniert, so viel ihr wollt, aber gehorcht.“ So zu reden hatte Ihr Vorzeigephilosoph Immanuel Kant Friedrich dem Großen ausdrücklich attestiert.

Spott als demokratische Tugend

Doch Sir Charles spürt, wie sein Zuhörer leicht bedrückt wirkt von so viel Geschichte. Milde fährt er fort: Nehmen Sie Spott doch einmal nicht nur als Teil der Pressefreiheit, sondern als demokratische Tugend schlechthin, als Mittel für das „zügellose Volk“, sich von der Macht nicht ungebührlich beeindrucken zu lassen.

Das kann geradezu zu einer Variante des Widerstands werden und damit zum Überleben in gefährdeter Zeit. Es gibt eine Radioaufnahme der BBC aus dem Jahr 1940, während des Luftkrieges über England, wo ein Reporter in den Schächten der Londoner U-Bahn die dort untergebrachten Menschen über ihre Reaktionen befragt auf die Vorgänge über Tage.

Gerade hat das Mikrofon eine alte Dame erreicht, da hört man das Krachen einer neuen Detonation bis in die U-Bahnstation hinunter. Die alte Lady, als welche man sie an der Stimme erkennt, reagiert spontan: „Dieser Hitler! Ist das ein Zappelphilipp!“ („a fidget“)

Objektivität und Distanz

Sie haben Probleme mit der Springer-Presse ? fragt der von uns engagierte Nachhilfelehrer im Fach Medien am Ende seines Unterrichts.

Auch da empfehle ich Ihnen Objektivität und Distanz, diesmal die eines leidenschaftslos neugierigen Lesers. Sehen Sie, was ich bei meinen Recherchen gefunden habe – ich mache mir ja ein Vergnügen daraus, die deutsche Presse querbeet zu lesen und sie durchweg interessant zu finden.

In einem Gespräch mit der „Welt“ im Sommer 2007 kam die Psychologin Margarete Mitscherlich auch auf die Beziehung zwischen Macht und Ironie zu sprechen.

„Ich bin in einer Welt aufgewachsen“, sagte sie, „in der klar war, dass man auch Spaß haben kann an der Provokation, dass das alles nicht so ernst gemeint ist. In skandinavischen Ländern wie auch in England ist es gang und gäbe, dass man miteinander ironisch umgeht. Nur in Deutschland nicht.“

Nicht die beleidigte Leberwurst spielen

Eine Erklärung habe sie dafür nicht, bekannte Frau Mitscherlich, fuhr aber fort: „Ich weiß nur, dass die Deutschen seit Jahrhunderten schnell beleidigt sind. Wären sie ironiefähiger, hätte es den Nationalsozialismus nie gegeben, weil niemand Hitler ernst genommen hätte.“

Schreiben Sie auf, Wulff: Ich will als Präsident nicht die beleidigte Leberwurst spielen, wenn nicht mehr vorliegt als kritische Nachfragen der Presse zu einem unerklärten Darlehen oder Ähnlichem. Dünnhäutigkeit hat schon Ihren Vorgänger das Amt gekostet.

Das mit dem Darlehen – das war ja, um mit Talleyrand zu sprechen, kein Verbrechen, sondern viel mehr: eine Dummheit. Die liegt hinter Ihnen – Distanz, auch zu sich selber, dagegen vor Ihnen. Ich wünsche Ihnen Glück.