Lindner-Rücktritt

Die "Boygroup" der FDP ist gescheitert

Der Rücktritt von Generalsekretär Christian Lindner erschüttert die krisengechüttelte FDP. Philipp Rösler präsentierte schnell einen Nachfolger - Patrick Döring. Kritiker halten die Garde um den Parteichef für am Ende.

Foto: REUTERS

Nach dem Rücktritt von FDP-Generalsekretär Christian Lindner hat dessen designierter Nachfolger Patrick Döring ein Ende der personellen Diskussion in seiner Partei gefordert. „Das Entscheidende ist, dass sich die FDP nicht erneut in Personaldebatten verstrickt, sondern jetzt inhaltlich offensiv die Fahne neu aufrichtet“, sagte Döring am Donnerstag im ZDF-„Morgenmagazin“. Die FDP müsse beweisen, dass liberale Politik „unverzichtbar“ sei. Dies werde ihr gelingen, wenn alle „an einem Strang ziehen“.

Lindner war am Mittwoch nach nur zwei Jahren im Amt überraschend zurückgetreten. Ob der laufende Mitgliederentscheid zur Euro-Rettung oder das anhaltende Umfragetief der Liberalen die Ursache waren, ist unklar. Durch den Schritt ist auch der erst im Mai gewählte neue Parteichef Philipp Rösler unter Druck geraten.

Döring sagte im ZDF, wenn am Freitag die Ergebnisse des Mitgliederentscheids vorlägen, müsse die FDP sich geschlossen „hinter dem Ergebnis versammeln“. Die FDP gehöre zum „Inventar der Bundesrepublik“, weil sie Hüterin der sozialen Marktwirtschaft sei und nicht versuche, „mit Gesetzen und Verordnungen dieses Land zu maßregeln“.

"Der Lächerlichkeitsgrad verschlägt mir den Atem“

Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Holger Zastrow hingegen sieht seine Partei durch den Rücktritt von Generalsekretär Christian Lindner schwer beschädigt. „Der Lächerlichkeitsgrad, den wir mittlerweile erreicht haben, verschlägt mir den Atem“, sagte Zastrow am Donnerstag im Deutschlandfunk. Lindners Amtsaufgabe sei „unprofessionell und nicht verantwortungsbewusst“ gewesen. „Ein Generalsekretär kann nicht einfach so gehen, das macht man nicht“, sagte Zastrow und fügte hinzu: „Das war keine reife Leistung.“

Zastrow sagte, gerade das Spitzenpersonal müsse berechenbar bleiben. „Vielleicht sind bei uns zu viele in der Partei auf einem persönlichen Ego-Trip.“

Zur Nominierung des bisherigen Schatzmeisters Döring sagte er: „Der Parteivorsitzende hat mit der schnellen Nominierung Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit bewiesen.“ Rösler habe eine gute Wahl getroffen. „Die „Abteilung Attacke“ der FDP hat mit einem Generalsekretär Patrick Döring ein neues, frisches Gesicht.“

Kritik aus den eigenen Reihen

Der FDP-Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag, Gerhard Papke, bedauerte den Rücktritt von Lindner und forderte Parteichef Philipp Rösler zu mehr Durchsetzungskraft in der Bundesregierung auf. „Wir brauchen klarere Kante gegenüber der Union. Und das ist vor allem Aufgabe des Parteichefs und Vizekanzlers“, sagte Papke der „Financial Times Deutschland“.

Baden-Württembergs ehemaliger Justizminister Ulrich Goll (FDP) erklärte die „Boygroup“ um Parteichef Rösler für gescheitert. „Christian Lindner gibt letzten Endes auf, weil er sieht, dass er seine Ziele nicht erreicht hat. Das gilt nicht nur für ihn allein“, sagte Goll der „Stuttgarter Zeitung“.

Die „Boygroup“ habe nicht Fuß gefasst. „Deswegen meine ich schon, dass man in Zukunft einen Mix suchen sollte zwischen jüngeren und erfahrenen Politikern.“ Nun biete sich die Chance, die Dinge nochmals zu ändern. „Es ist die letzte Chance für Philipp Rösler.“

Gudrun Kopp (FDP), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, sagte der „Neuen Westfälischen“ (Bielefeld/Donnerstag), es sei „alles andere als hilfreich“ gewesen, dass Rösler den Mitgliederentscheid zum Euro-Rettungsschirm ESM vor Ablauf der Abstimmungsfrist für gescheitert erklärt habe. Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses an diesem Freitag müsse es so sein, „dass wir alle gemeinsam für eine Position stehen“.

Lindner war am Mittwoch ohne nähere Begründung zurückgetreten. „Es gibt den Moment, in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen“, sagte der 32-Jährige. Sein Verhältnis zu Parteichef Philipp Rösler galt seit längerem als angespannt.

Auch die Parteiführung war nach Angaben von Entwicklungsminister und FDP-Präsidiumsmitglied Dirk Niebel nicht über die Rückzugspläne informiert. „Wir waren alle überrascht“, sagte er am Mittwochabend in der ARD-Sendung „Anne Will“. Es habe in letzter Zeit mehr Kritik gegeben und es sei nicht alles so gelaufen, wie man es sich gewünscht hätte. „Aber wir haben nicht damit gerechnet, dass Christian Lindner das Handtuch wirft, schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt“, sagte Niebel.

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