Lindner-Rücktritt

In der FDP bleibt ein Trümmerhaufen zurück

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Nach zwei Jahren im Amt beendet Christian Lindner vorerst seine fast unverschämt steile Karriere – und blamiert damit Parteichef Philipp Rösler.

Christian Lindner ist ein eher lausiger Schauspieler. Es brauchte keine großen psychologischen Fähigkeiten, um bei dem gut gelaunten Rheinländer zu spüren, wenn er als Generalsekretär Entscheidungen von FDP-Ministern oder -Vorsitzenden in ein rechteres Licht rücken musste, als es die Sachlage eigentlich hergab. Lindner fand in der Regel einen eleganten Weg, wenn er Guido Westerwelles fragwürdige Enthaltung im Weltsicherheitsrat rhetorisch auffrisieren musste. Oder wenn er wie am Sonntag gebeten wurde, die vorlaute Erklärung seines Freundes und Parteivorsitzenden Philipp Rösler einzufangen, der ohne Not zwei Tage vor Ende der Mitgliederbefragung die Euro-Kritiker für besiegt erklärte.

Stoisch, bisweilen für sein Alter erstaunlich abgebrüht, hat Lindner in seinen zwei Jahren als Generalsekretär versucht, seine Vorstellung von einem lebendigen Liberalismus, der weit über die Steuerfrage hinaus in die Feinstverästelungen des Sozialen und Kulturellen ragte, in der FDP zu implantieren und mit den aktuellen politischen Debatten zu verknüpfen. Das Thomas-Dehler-Haus war ihm dabei weniger Unterstützung denn Klotz am Bein. Wie eine FDP mit Lindner aussehen würde, konnte man beispielsweise auf dem von ihm organisierten und dramatisierten Zukunftskongress in Berlin 2010 sehen, als selbst parteifernste Beobachter nicht anders konnten, als sich auf eine diskursfähige, unorthodoxe, originell denkende liberale FDP zu freuen.

Eine riesige, monströse Last

Wenig von diesem Ideenlabor überlebte im Alltag der Parteizentrale. Uninspirierte Apparatschiks, mediokre Bürokraten und eine für eine liberale Partei unflexible Personalpolitik verhinderten jenen Aufbruch, zu dem Lindner alle Hände und Köpfe gebraucht hätte. Weder die Homepage noch die Kampagnen hatten die Reiseflughöhen jener Gedanken, die Lindner unermüdlich in Interviews und Talkshowauftritten aufbot. Mitunter griff Lindner dabei daneben: wie in seinem voreilig verkündeten Ausstieg aus der Atomenergie oder seinen zu forschen Formulierungen zum Elterngeld.

Dennoch sahen viele Liberale in der Partei wie außerhalb der Funktionsriege den heute 32-Jährigen schon im Frühjahr dieses Jahres als Nachfolger von Guido Westerwelle. Doch Lindner, der über einen für Politiker stark ausgeprägten Sinn für Selbstkritik verfügt, hielt sich für zu jung. Die ihm zugetragene Anerkennung und die mit ihm verbundenen Hoffnungen freuten ihn, doch gleichzeitig spürte er, dass in ihn oft genug etwas Irreales, ja Erlöserhaftes hineinprojiziert wurde. Für einen kühlen Rationalisten ziemlich befremdlich.

Als Christian Lindner im April 2010 mit einem furiosen Ergebnis zum Generalsekretär gewählt wurde, wollte der Applaus der Delegierten gar nicht aufhören. Lindner schien dies fast unangenehm. Dem damals 31-Jährigen wurde spätestens in dieser Sekunde bewusst, dass die Partei in der existenziellen Krise vor allem ihm vertraute. Es war eine riesige, monströse Last, die Lindner zu schultern versuchte. Dabei wollte er eigentlich in Ruhe wachsen können: organisch, ohne die Hast des Hypes, nicht kurzatmig, hektisch und marktschreierisch, wie das unter Guido Westerwelle geschehen ist.

Sein engster Verbündeter bei diesem Plan war stets und bis vor Kurzem Philipp Rösler. 2009 gaben die beiden ein Buch heraus, das der FDP eine neue Wertediskussion verordnen sollte. Rösler war damals noch Minister in Niedersachsen und Lindner Generalsekretär in NRW. Als Kontrastmittel zur FDP eines Westerwelle, Niebel oder Brüderle wirkten die beiden grazilen Jünglinge habituell und kulturell wie Antithesen zum existierenden Parteiestablishment. In dem Moment jedoch, in dem die beiden die Partei gemeinsam führen sollten, verflog der Zauber der genialischen jungen Männer im Nu. Viel von der fantasievollen Rhetorik, die auch linke Medien für die beiden schwärmen ließ, hielt dem Druck undankbarer Regierungspolitik nicht stand. Außerdem war klar, dass die beiden nach außen und auch nach innen als zu ähnlich erschienen. Zudem erkannte Lindner schnell, dass der neue Parteivorsitzende den Generalsekretär vor allem als Feuerwehr und nicht als Architekten einer neuen Partei benötigte.

Mit seiner Erklärung vom Dienstag macht Lindner deutlich, dass diese Kombination, die insbesondere für viele Erstwähler der FDP so verheißungsvoll erschien, nicht funktionierte. Lindners Formulierung, dass mit einem neuen Generalsekretär „neue Impulse“ zum Erfolg für die FDP führen können, macht klar, dass dies in der nun beendeten Konstellation nicht möglich war. Obwohl das einst innige Verhältnis zwischen Rösler und Lindner schon seit Längerem merklich abkühlte, vermied Lindner einen direkten Angriff. Er bedankte sich für die Zusammenarbeit und verabschiedete sich mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“.

Genau zwei Stunden später wurde auf derselben Bühne im Thomas-Dehler-Haus deutlich, wie kalt und erloschen die Verbindung zwischen Rösler und Lindner geworden war. Hölzern, emotionslos und fahrig würdigte Rösler seinen ehemaligen Verbündeten und Freund, um relativ schnell zur Tagesordnung überzugehen. Der neue Generalsekretär soll noch diese Woche bestellt werden, alles werde gut, man müsse jetzt nach vorne schauen, ja, nach vorne schauen. Bleich tritt Rösler ab, und nur Monate nach dem kometenhaften Aufstieg der beiden Ausnahmetalente ist von beiden und der Partei nur mehr ein Trümmerhaufen übrig. Rösler wirkte wie jemand, der seine Zukunft schon hinter sich hat, während Lindners Abschiedsformel auch eine Drohung an jene war, die glauben, aus der FDP wieder eine biedere, seniorale Ärzte- und Apothekerklientelpartei machen zu können.

Der falsche Mann zur falschen Zeit

Am Abend vor seinem Rücktritt soll Lindner in aufgeräumter Stimmung im „Borchardt“ gesessen haben und den Ausblick auf ein neues, anderes Leben genossen haben. Christian Lindner ist frisch und für alle sichtbar sehr glücklich verheiratet. Als Bundestagsabgeordneter könnte er neben der Fraktionsarbeit (wenn auch nicht in Ruhe) promovieren und als stille Reserve auf künftige Parteiämter im Hintergrund Akzente setzen.

Von seiner ganzen Anlage war Christian Lindner der falsche Mann zur falschen Zeit. Eher ein Filigrantechniker denn ein Holzer von der Spielanlage, musste er mit Blutgrätschen und verbalem Ball-Wegdreschen sein Team vor der täglichen Niederlage im politischen Geschäft bewahren. Das kann kurzfristig Spaß machen, aber auf Dauer laugt das auch den motiviertesten Überzeugungstäter aus. Das Schlimmste war wohl die Aussichtslosigkeit. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt rutschte die FDP in den Umfragen in die Todeszone, an und schließlich unter die Fünfprozentmarke.

Für einen, der bislang nur Erfolg hatte, ein Albtraum. Mit 18 Jahren landete er im Landesvorstand der FDP in Düsseldorf und gründete gleichzeitig eine Werbeagentur, wenig später zog er in den Landtag ein und wurde 2004 Generalsekretär der NRW-FDP. Wer so schnell nach oben aufgestiegen ist, dem hilft ein Karrierebruch oft, um in Ruhe über sich nachdenken zu können. Für die FDP könnte dies mittelfristig eine große Hoffnung sein. Wieder einmal.

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