Krisen

Wulff und wie er die Welt sieht

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Bundespräsident Christian Wulff ist ein routinierter Politiker. Und doch gerät er immer wieder in Situationen, die nicht richtig ins Bild passen.

Man muss sich einen grauen Tag im brav-biederen Celle vorstellen. Das Gebäude des Kreistags, Feierstunde zum 125.Geburtstag des Landkreises mit Festreden, etwas klassische Musik und viele dunkle Anzüge. Ein Pflichttermin für Christian Wulff (CDU), damals niedersächsischer Ministerpräsident, den er mit Routine, auch schon einer gewissen präsidialen Aura absolviert. Er ist seit mehr als sieben Jahren im Amt.

Da fährt auf einmal ein kanariengritzegrellgelber Sportwagen vor das Landkreisparlament, ein Ferrari, wenn nicht alles täuscht, platt wie eine Flunder. Es steigt ein gut gegelter, älterer Herr aus, mit Sonnenbrille, offenem Kragen, roter Hose, blauem Sakko. Er eilt auf Wulff zu. Die beiden grüßen sich, herzen sich, kennen sich. Die Menschen ringsum wundern sich ein wenig. Niedersachsens zurückhaltender, würdevoller Ministerpräsident und ein offensichtlicher Egozentriker, den man auf den ersten Blick eher Richtung Reeperbahn verorten würde?

Wulff scheut dieses Bild nicht, lässt es zu, ohne Arg. Der Sportwagenfahrer ist ein alter Bekannter, ein privat etwas exzentrischer, beruflich gut beleumundeter Arzt, den Wulff schon lange kennt. Und dessen Sohn gerade ein Praktikum in der Staatskanzlei absolviert. Man kennt sich, und man hilft sich. Der Vater nimmt den Sohn, der Wulff nach Celle begleitet hat, mit nach Hause. Alles ganz normal. Aber auch ein bisschen schräg.

Schwierige Konstellation

Es ist nach Bekanntwerden der Kreditaffäre des Präsidenten der Eindruck kolportiert worden, Wulff habe seinem väterlichen Freund und Förderer Egon Geerkens quasi im Gegenzug für seinen Hauskredit zu einer Teilnahme an einer Delegationsreise des Ministerpräsidenten verholfen. Das ist etwas realitätsfremd, weil es unterstellt, das Mitfahren in solchen Delegationen wäre die pure Freude, und eine Staatskanzlei könne sich kaum retten vor Interessenten. In Wahrheit ist es oft schwierig, überhaupt eine für die Wirtschaft des Gastlandes interessante Delegation zusammenzustellen. Viel wahrscheinlicher ist, dass umgekehrt Geerkens auf einer Reise nach Indien und China von Wulffs Finanznot nach seiner Scheidung erfahren hat und ihm dann – man kennt sich, man hilft sich – zu dem Privatkredit verholfen hat. Das träfe das Verhältnis der beiden vermutlich genauer.

Andererseits kann man über den Schrott-, Schmuck- und Immobilienhändler Geerkens auch lesen, dass er früher ebenfalls zu Extravaganz geneigt hat. Inzwischen, nach einer Krebserkrankung, lebt Geerkens zurückgezogen in der Schweiz. Er steht zu Wulff, und Wulff steht zu ihm. Aber die Vorstellung, dass der sich immer bescheiden gebende Wulff seine erste Hochzeit in dem nicht ganz so bescheidenen Penthaus der Geerkens' gefeiert hat, passt eben nicht so richtig.

Aber auch Wulff passt nicht so richtig in die Klischees, die gerade aus der Schublade gezogen werden. Er ist kein originäres Mitglied jener Hannover-Connection, die sich um seinen Vorvorvorgänger, den späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), gebildet hatte und um Götz von Fromberg, den Chef der „Frogs“, der „Friends of Gerd“. Er hat nicht wie Schröder bei „Plümecke“ Currywurst verschlungen und alle Nase lang bei Fromberg im Keller gekickert. Wulff war in Hannovers Promi-Szene, gerade in seiner langen Zeit als Oppositionsführer, eher ein provinzieller Außenseiter mit Verlierer-Image.

In dieser Ausgangslage kommt in Hannover kaum einer an Carsten Maschmeyer vorbei, den Gründer des Finanzdienstleisters AWD, der einst Schröders Ambitionen unterstützt hat und später auch die von Hannover 96. Die VIP-Tribüne des Vereins in der, ja, AWD-Arena ist der Platz der Landeshauptstadt, wo man sich mal sehen lassen muss, wenn man wissen will, wer mit wem und vor allem gegen wen gut kann. Ein vorsichtiger Typ wie Wulff hatte da keine Chance.

Man kann jetzt lange spekulieren, ob die Beziehung des Präsidentenpaars Wulff zu Maschmeyer und seiner Partnerin Veronica Ferres privater Sympathie oder doch einer Kosten-Nutzen-Rechnung entspringt. Urlaub in der Villa eines Multimillionärs, dessen Image von Minipli und nicht ganz koscheren Geschäften geprägt ist, passt jedenfalls nicht zum höchsten Staatsamt. Wieder fällt der private Wulff etwas aus jenem Rahmen, den der öffentliche Wulff sich gesetzt hat.

Es ist merkwürdig, dass Olaf Glaeseker das Zustandekommen dieses image-ramponierenden Urlaubs nicht verhindert hat. Der gelernte Journalist ist zumindest beruflich Wulffs engster Vertrauter, einer von zwei führenden Mitarbeitern, die der Bundespräsident aus Hannover mit ins Schloss Bellevue genommen hat. Glaeseker, Sprecher des Präsidenten, gilt bei politischen Beobachtern als einer der besten Spin-Doktoren bundesweit. Wulffs Erfolg, auch sein Wandel vom Wahlverlierer zum Anwärter auf höchste Ämter, wird zu einem großen Teil ihm zugeschrieben. Eigentlich unvorstellbar, dass Glaeseker die Gefahr, die im Mallorca-Urlaub der Wulffs bei den Maschmeyers lauerte und ebenso in der Sonderbehandlung, die Air-Berlin-Chef Klaus Hunold den Wulffs zugestanden hatte, nicht erkannte. Ein echter Medienfuchs und eine Image-Trottelei sondergleichen. Passt auch nicht zusammen.

Überrumpelter Ministerpräsident

Ein Hotel in Peking. Eine Wirtschaftsdelegation aus Niedersachsen ist gerade angekommen. An ihrer Spitze der niedersächsische Ministerpräsident. Kaum da, stürmt Jürgen Großmann, Chef des Energiekonzerns RWE, auf ihn zu, zieht ihn zur Seite. Großmann versucht den Politiker für seine Positionen zur Atomenergie zu gewinnen. Er hat Papiere mitgebracht, auf denen alles steht, was man wissen muss. Der Ministerpräsident, überrumpelt, nimmt sie entgegen. Später wird er eine Meinung vertreten, die weit von jener Großmanns entfernt ist. Der Ministerpräsident heißt David McAllister. Er ist Wulffs Nachfolger in Niedersachsen, ein langjähriger Weggefährte des Bundespräsidenten, kein Freund. Großmann, der Schröder gut kennt und auch Wulff, betreibt ein erstklassiges Restaurant in Osnabrück, Wulffs Heimatort.

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