Bundeswehr-Freiwillige

Zehn Sekunden zum Antreten auf dem Kasernenhof

Kameradschaft und freiwilliger Drill: Die Bundeswehr hat schon mehr als 7000 Dienstwillige angeworben. Allerdings tritt jeder Fünfte bislang vorzeitig zurück.

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Das mit der Kameradschaft stimmte dann doch. „Das sind nicht nur Sprüche“, sagt Lutz Kiesewetter. „Ich glaube wirklich, dass ich bei der Bundeswehr Freunde fürs Leben gefunden habe.“ Der 19-jährige Baden-Württemberger hat gerade seine Grundausbildung als freiwillig Wehrdienstleistender beendet. Nach drei Monaten im Logistikbataillon 172 im brandenburgischen Beelitz ist er nun im Standortkommando Berlin eingesetzt. Hier trifft er sich abends immer noch regelmäßig mit Kameraden, mit denen er durch Schlamm kriechen oder bei Minusgraden zelten musste, und plaudert über die harten Rekrutenmonate.

In den ersten Wochen beim Bund war Kiesewetter schon durchaus überrascht von den neuen Lebensumständen in der Kaserne. „Aber wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat, macht auch das zweite und das dritte Biwak irgendwann Spaß.“ Mittlerweile denkt der 19-Jährige sogar darüber nach, die neun Monate zu verlängern, zu denen er sich verpflichtet hat, vielleicht auch bei der Bundeswehr zu studieren. Auf jeden Fall werde er eine Laufbahn als Reserveoffiziersanwärter einschlagen.

Jeder Fünfte bricht den Dienst ab

Auf Menschen wie Lutz Kiesewetter sind die Streitkräfte heute angewiesen. Seit 100 Tagen zieht die Bundeswehr nun keine Wehrpflichtigen mehr ein. Junge Männer und neuerdings auch Frauen sollen sich aus freien Stücken dazu entscheiden, wenigstens sieben Monate in der Truppe zu dienen, danach eventuell auch mehrere Jahre zu bleiben. Mit mindestens 5000 Freiwilligen plant Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) seine neue Bundeswehr.

Diese Marke hat er schon erreicht: Zum zweiten Einstellungstermin im Oktober haben 4437 Männer und 152 Frauen ihren freiwilligen Wehrdienst angetreten. Damit haben sich seit Aussetzung der Wehrpflicht mehr als 7000 Kandidaten ohne Zwang für die Streitkräfte entschieden. Für ein Halbjahr sei diese Zahl ziemlich gut, sagt de Maizière – „angesichts der Tatsache, dass wir erst spät wussten, wie es weitergeht“.

Problematisch ist aber die Zahl derer, die schnell wieder abspringen. Im Juli waren 3459 Freiwillige angetreten. Von ihnen sind mehr als 780 schon wieder ausgeschieden. Gut jeder Fünfte brach den Dienst ab, weil er andere Vorstellungen von ihm hatte, ein anderes Angebot oder auch zu wenig Ausdauer. De Maizière ist damit nicht zufrieden. Deswegen will er die Gründe für die Abbrecherquote analysieren lassen. „Wir werden weiter daran arbeiten, dass der freiwillige Dienst bei der Bundeswehr attraktiv und eine wertvolle, fordernde Zeit im Lebenslauf junger Menschen ist.“

Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität

Seit über einem Jahr fordert der Deutsche Bundeswehrverband, der die Interessen von mehr als 200.000 aktiven und ehemaligen Soldaten vertritt, Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität. Für die Bundeswehr werben könne nur, wer selber mit diesem Arbeitgeber zufrieden sei. Der Verbandsvorsitzende Oberst Ulrich Kirsch sieht im Moment allerdings eher Frustration in der Truppe, sogar vor Überbelastung und Burn-out warnt er.

Die laufende Reform stelle die Soldaten vor eine nie dagewesene Belastungsprobe. Dadurch sinke die Motivation, auch die Effektivität der Arbeit. „Der Dienst in der Bundeswehr ist zu einem Dauerprovisorium geworden“, klagt Kirsch. Wegen der „auch politisch unglücklich gelaufenen“ Aussetzung der Wehrpflicht hätten sich die Streitkräfte über einen sehr kurzen Zeitraum hinweg völlig verändert.

Damit der Weg in die neue Ära der Freiwilligenarmee gelingt, hält es Verbandsvize Major André Wüstner für unerlässlich, dass der Minister zügig ein Reformbegleitprogramm präsentiert. Darin müssten Maßnahmen für den Personalumbau und die Steigerung der Attraktivität des Dienstes abgebildet sein.

Eltern-Kind-Zimmer und Betriebskindergärten

Bereits Anfang 2011 hat das Ministerium ein 80 Punkte umfassendes Attraktivitätsprogramm erlassen. Von den rund 30 mit Priorität „hoch“ eingestuften Maßnahmen gelten bislang sechs als erledigt. Beschlossen ist zum Beispiel, dass an 170 Bundeswehrstandorten rund 300 Eltern-Kind-Zimmer eingerichtet werden sollen. Außerdem sind Betriebskindergärten an den Bundeswehruniversitäten München und Hamburg sowie an den Bundeswehrkrankenhäusern Koblenz und Berlin geplant.

Allein vier der umgesetzten Punkte sind im „Gesetz zur Unterstützung der Fachkräftegewinnung“ enthalten, das bis Ende 2011 in Kraft treten soll, etwa die Prämien zur Personalgewinnung und -bindung oder die Abschaffung der Altershöchstgrenzen für die Verpflichtung von Soldaten. „Die übrigen Maßnahmen sind in der Planung oder werden weiterhin auf ihre Umsetzbarkeit geprüft“, teilte das Ministerium mit. Für einzelne Punkte aus dem Programm sind im Verteidigungshaushalt für 2012 bisher 200 Millionen Euro veranschlagt, mit Sperrvermerk. Geld fehlt ohnehin an allen Ecken.

"Die Jahrgänge werden kleiner"

Von einer Herkulesaufgabe spricht Detlef Buch, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Ich vergleiche die Bundeswehr im Moment mit einem großen Unternehmen, das von Nord- nach Süddeutschland zieht“, sagt der Oberstleutnant. „Nebenbei betreibt es noch Auslandsniederlassungen, und die Produktion muss ganz normal weiterlaufen.“

In puncto Nachwuchsgewinnung ist Buch noch optimistisch. Ob es auch künftig gelingt, genügend Freiwillige zu begeistern, sei schwer zu prognostizieren. „Die Jahrgänge werden kleiner, und nicht jede oder jeder kommt für den Dienst in den Streitkräften infrage“, sagt er. „Wenn man nun eine Bestenauslese will, dann bräuchte man allein bei den Freiwilligen gut 45.000 Interessenten pro Jahr.“ Das wären immerhin zehn Prozent eines Jahrgangs.

In den Augen des Wissenschaftlers bietet die Bundeswehr in vieler Hinsicht schon mehr als manche Betriebe. „Wichtig wäre es jetzt aber, stärker den zivilen Nutzen in den Vordergrund zu stellen, den junge Leute von einer Karriere bei der Bundeswehr haben.“ Auch mit möglichen Auslandseinsätzen könne man werben, weil junge Menschen dort auch viele Erfahrungen machten, von denen sie im zivilen Leben profitieren könnten. Als ganz neue Zielgruppe betrachtet Buch fertig ausgebildete Spezialisten. „Was spricht dagegen, einen 35-jährigen Ingenieur für vier bis acht Jahre in die Bundeswehr zu holen?“, sagt er. „Die Frage ist dann, ob der nach wie vor alles können muss, was Soldaten bisher gelernt haben.“

"Und jetzt kommt der Winter"

Die Bundeswehr ist sich bewusst, dass die Personalgewinnung eine der großen neuen Herausforderungen ist. Am Sozialwissenschaftlichen Institut hat sie einen Forschungsschwerpunkt eingerichtet, und in der Praxis soll der gesamte Bereich im Zuge der Reform gestrafft, moderner und flexibler werden. Um speziell die Freiwilligenwerbung zu stärken, will das Ministerium in diesen Tagen auch eine Internetseite freischalten.

Ob das alles reicht, um 5000 Freiwillige pro Jahr zu locken, sieht auch Lutz Kiesewetter noch skeptisch. „Im Moment profitiert man noch sehr von den Jahrgängen, die noch gezogen worden sind“, sagt er. „Und jetzt kommt der Winter – bei minus 15 Grad haben da bestimmt nicht so viele Lust auf ein Biwak.“

Dass er frühmorgens auf dem Kasernenhof angeschrien wurde, weil seine Kompanie 15 statt zehn Sekunden zum Antreten brauchte, daran musste er sich auch erst gewöhnen. „Zuerst denkt man nur: Was mache ich hier überhaupt?“ Inzwischen könne er den Ton besser verstehen. „Als wir es beim nächsten Antreten in acht Sekunden geschafft haben, da grinste der Feldwebel über beide Ohren. Weil er wusste, dass wir es schneller können.“ Im Ernstfall müsse ein Soldat eben so schnell sein wie irgend möglich.