Nebulöse Hinweise

Der Polizistinnenmord und das beige-braune Gasthaus

Spurensuche im thüringischen Oberweißbach: Hat die Polizistin Michèle Kiesewetter hier ihren Mörder getroffen? Die örtlichen Behörden widersprechen dem Bundeskriminalamt.

Foto: dpa / dpa/DPA

Auf dem Haus an der Ortsstraße 15 im Ortsteil Lichtenhain der Gemeinde Oberweißberg scheint kein Segen zu liegen. Es ist eine zweigeschossige Gaststätte, Anfang der 90er-Jahre saniert, fast im Jahresrhythmus zogen Gastwirte ein und wieder aus.

Im Moment versucht Nummer fünf sein Glück: David A. Sein Pech: Es handelt sich nicht um irgendeinen Gasthof im beschaulichen Südthüringen, sondern um die Pension "Gasthof zur Bergbahn“. Sie soll eine unheimliche Rolle im Fall der 2007 ermordeten Michèle Kiesewetter spielen. Hier in Oberweißbach sollen sich die Wege der Polizistin und ihres mutmaßlichen Mörders gekreuzt haben.

Gegenüber vom Gasthof gewohnt?

Kiesewetter habe sogar in einem Haus gegenüber vom Gasthof gewohnt. Das sagte BKA-Chef Jörg Ziercke, als er in Berlin vor dem Innenausschuss des Bundestags sprach. Der oberste Kriminalbeamte der Republik sagte außerdem, es habe eine "Beziehungstat“ gegeben. Und dann, in Heilbronn kreuzten sich ihre Wege erneut.


Dort starb Kiesewetter, hingerichtet durch einen Kopfschuss. Und der, der geschossen haben soll, ist Uwe Mundlos, Mitglied der Zwickauer Terrorzelle und inzwischen selbst tot.

In Oberweißbach aber sieht man die Wirklichkeit ein wenig anders als Ziercke. Die Bewohner des beige gestrichenen Hauses bestreiten, dass Kiesewetter je dort gelebt habe. Der Leiter des Ordnungsamtes Oberweißbach, Thomas Weinberg, geht noch weiter. "Nach unseren Informationen hat Michèle Kiesewetter in Oberweißbach nur bei ihrer Mutter gelebt“, sagt er der Morgenpost Online. Alles andere sei "Unsinn“.

Er könne nicht verstehen, wie Ziercke solche Informationen verbreiten könne. Sogar Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) hält die angebliche persönliche Verbindung zwischen der in Heilbronn ermordeten Polizistin und dem Zwickauer Neonazi-Trio für eine Spekulation. Und einer, der das Trio erlebt hat, sagt: "Ich glaube nicht an eine persönliche Sache. Ich wüsste nicht, dass die sich gekannt haben.“

Denn es gibt auch noch die Sache mit dem "Gasthof zur Bergbahn“. Auch da hat Weinberg so seine Zweifel an der Version des Bundeskriminalamts. Ein möglicher Streit über die Pacht des Lokals? Na ja.

Familie Kiesewetter wollte die Gaststätte pachten

Nach Informationen von Morgenpost Online hegte die Familie Kiesewetter im Jahr 1994 den Wunsch, die Gaststätte mit dazugehörigem Hotel zu pachten. Aus finanziellen Gründen sei die Bewerbung jedoch zurückgezogen worden.

Im März 2005 gab es einen zweiten Versuch, aber das Interesse ebbte schnell wieder ab. Erst Ende 2005 erhielt David P. den Zuschlag für die Pacht. Die Frage ist also, wo der Zusammenhang sein soll und was das frühe Pachtinteresse mit dem Mord zu tun haben soll.

Eine interessante Figur ist David P. trotzdem. Er soll ein Schwager der Thüringer NPD-Größe Ralf W. sein, und auch er galt als Sympathisant der rechtsextremen Szene. P. machte den "Gasthof zur Bergbahn“ innerhalb kürzester Zeit zu einem beliebten Treffpunkt von NPD und Freien Kameradschaften.

"Keine Möglichkeit, die Veranstaltung zu verbieten"

Am 18. März 2006 etwa trafen sich dort rund 150 Rechtsextremisten. Motto der Veranstaltung: "Globalisierung – Der Weg in den Abgrund“. Unter den Rednern war NPD-Mann Arne Schimmer aus Sachsen, der rechtsradikale Liedermacher Frank Rennicke trat auf. Ihn stellte die NPD bei der jüngsten Bundespräsidentenwahl als Kandidaten auf.

"Wir hatten damals keine Möglichkeit, die Veranstaltung zu verbieten, weil sie als private Feier angemeldet worden war“, sagt Ordnungsamtsleiter Weinberg. Der ehrenamtliche Bürgermeister und der Leiter der Polizeidienststelle entschieden sich außerdem, die Veranstaltung nicht aufzulösen.

Trotz des Auftritts von Rennicke habe der Abend keinen "überwiegenden Konzertcharakter“ gehabt. Die Stadt, die den Gasthof verpachtet, ließ die Neonazis also gewähren.

Bei dem Internetaufrtitt des Gasthofes geholfen

Interessant ist die Verbindung zwischen David P. und Ralf W. aus Jena, einem Informatiker und bekennenden Neonazi. Er kannte Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe – die Zwickauer Zelle. Ralf W. soll bei der Bundesanwaltschaft ausgesagt haben. Und er war P. offenbar behilflich, den Gasthof darzustellen.

Er war wohl für den Internetauftritt verantwortlich, sein Name stand jedenfalls im Impressum der Webseite.

Irgendwann Ende 2006, noch im Jahr nach der Nazi-Großveranstaltung, stand die Immobilie in Oberweißbach plötzlich leer. Pächter David P. war verschwunden, die Stadt suchte einen neuen Interessenten. Im Frühjahr 2007 erhielt das Ehepaar David und Manuela A. den Zuschlag für den "Gasthof zur Bergbahn“.

Noch wochenlang seien Neonazis auf dem Grundstück gesehen worden, sagt David A. heute. "Wenn man die Webseite unseres Gasthofes besuchte, wurde man automatisch auf die NPD-Webseite weitergeleitet.“ Es habe Monate gedauert, bis diese Erinnerung an die braunen Zeiten technisch behoben wurde. Der neue Pächter hat den Gasthof umbenannt, ein bisschen wenigstens. Er heißt nun "Landgasthof zur Bergbahn“.

War Michèle Kiesewetter jemals in dem Gasthof?

Es ist bislang unklar, ob Michèle Kiesewetter jemals einen Fuß in diesen Gasthof gesetzt hat. Fest steht bisher nur, dass sie schon lange in Baden-Württemberg lebte. 2003 ging Kiesewetter nach Böblingen, um eine Polizeiausbildung zu beginnen. Da war sie 18. Trotzdem kam sie oft an den Wochenenden in ihre Heimat. Wenn sie nach Hause kam, war sie mehr als nur eine Besucherin. Sie organisierte auch die Kirmes im Ort.

Ihre Familie meidet es, sich öffentlich zu äußern. Die Ermittler wissen wenig oder geben wenig preis. Ein Nachbar ihrer Mutter, die bei der Arbeiterwohlfahrt angestellt ist, sagt Morgenpost Online, dass es schon vor Jahren Gerüchte gegeben habe, wonach die Polizistin auch im "Gasthof zur Bergbahn“ verkehrt habe.

Andere wollen sich jetzt auch erinnern, dass der Neonazi Uwe Mundlos vor Jahren in Oberweißbach gesehen worden sei. Einen Beweis dafür gibt es bislang nicht.

Gleiches gilt auch für einen ominösen Koch, der in einem Hotel im Ort gearbeitet haben soll – dem von Kiesewetters Stiefvater. Sein Nachname, so heißt es, sei Zschäpe gewesen, wie der von Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des Zwickauer Trios.

Der Stiefvater, dem in dem Ort das "Hotel im Kräutergarten“ gehört, ist allerdings nicht anzutreffen, das Hotel wirkt verlassen.

Zwei unterschiedliche Theorien

Für die Kriminalisten bei Bundeskriminalamt und dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg gibt es nun nur zwei Theorien: Entweder Kiesewetter kannte Mundlos, möglicherweise gab es sogar eine Liaison zwischen den beiden. Variante zwei: Mundlos und seine Komplizen planten wieder einen Mord in Heilbronn oder Umgebung und fühlten sich von Kiesewetter und ihrem Kollegen gestört. Mundlos könnte die Polizistin erkannt und sie aus Angst, aufzufliegen, getötet haben.

Die Sicherheitsbehörden neigen derzeit zu Version zwei. Für einen gezielten Mord aus Eifersucht oder gekränkter Eitelkeit hätten die mutmaßlichen Täter wochenlang auf Observationstour gehen müssen, denn Michele Kiesewetter sprang an jenem für sie tödlichen Ostersonntag zufällig für einen erkrankten Kollegen ein.

Ob es so viele Zufälle geben kann? Das BKA gibt dazu nur nebulöse Kommentare ab.