Rechtsextreme Szene

Die radikale Generation Hoyerswerda

| Lesedauer: 5 Minuten
T. Thissen und J. Wiedemann

Foto: picture-alliance / dpa / picture-alliance / dpa/Z5009_Rainer_Weisflog

Ausländerfeindliche Übergriffe der frühen 90er-Jahre schufen in Hoyerswerda ein Milieu, von dem die Rechtsextremen bis heute profitieren. Und obwohl die Zahl der offen fremdenfeindlichen Gewalttaten zurückgeht, radikalisiert sich die Szene.

Heilsberg war damals nichts Besonderes. Das wird es wohl auch nie. Das Dorf an den Ausläufern des Thüringer Waldes gehört zur Stadt Remda-Teichel: Wälder, Wiesen, kleine Kirchen. Eine Märklin-Landschaft, im Winter mit Schnee überstäubt. Doch eine Idylle war Heilsberg damals nicht, Anfang der Neunzigerjahre, als alles begann.

Heilsberg war ein Zentrum der rechtsextremen Szene Thüringens. Damals kamen die Glatzen in die von „Kameraden“ gepachtete Dorfkneipe, feierten, spielten, und im Sommer streunten ihre Pitbulls durch das Dorf. „Einmal haben sie im Suff mein Auto demoliert. Ich hab' die Polizei gerufen, die traute sich aber nicht hierher“, sagt ein Heilsberger heute. So war das vielerorts im Osten, als die neue Republik noch jung war.

Wendeverlierer aus Plattenbauten

Rund 200 Neonazis trafen sich regelmäßig in Heilsberg. Jugendliche und junge Erwachsene, die ihre Kindheit in der DDR erlebt hatten und nun in postsozialistischer Resignation erwachsen werden sollten, aber nichts hatten außer Suff, Vorbildern, die sie aus alten Wochenschau-Bildern kannten – und Hass: auf den Westen, der die vertraute alte Ordnung ihrer Kindheit hinweggefegt hatte, und auf die vermeintlichen Sündenböcke, die Ausländer, die scheinbar alles bekamen, was ihnen fehlte, und um die sich dieser Staat lieber kümmerte als um sie. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gehörten zu der Heilsberger Gruppe. Damals, vor 20 Jahren.

Es gab ein Erweckungserlebnis für ihre Generation, für die Wendeverlierer aus den Plattenbauten: In Hoyerswerda sorgten Neonazis im September 1991, unterstützt von einem Mob aus Anwohnern, dafür, dass ein Ausländerwohnheim evakuiert werden musste. Fünf Tage dauerte die Menschenhatz, der das ganze Land sprachlos an den Bildschirmen zusah. Sie nannten Hoyerswerda danach „ausländerfrei“ – in Anlehnung an den Nazi-Begriff „judenfrei“. Die Ausschreitungen dort bildeten aber nur den Auftakt für eine Reihe rassistischer Übergriffe in ganz Deutschland: in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Chemnitz. Laut der Amadeo-Antonio-Stiftung töteten Rechtsradikale seit 1990 bundesweit mehr als 180 Menschen.

Gerade die Ereignisse von Hoyerswerda ließen den Schluss zu, dass es in Deutschland eine Zukunft auch für Rechtsradikale gab, dass eine Masse von Bürgern bisher zwar geschwiegen hatte, ihre Ideen allerdings insgeheim unterstützte. Und dass der von ihnen bereits eingeschrittene Weg keine Sackgasse war.

1991 waren Mundlos 18, Böhnhardt 14 und Zschäpe 16 Jahre alt. Von Mundlos gibt es Fotos aus der Zeit, als in Hoyerswerda die Ausländer vertrieben wurden. Die Bilder entstanden, als das Jenaer Jugendzentrum „Winzerclub“ öffnete, eine aufgepäppelte FDJ-Baracke. Er hat einen Seitenscheitel, trägt schwarz-rot-goldene Hosenträger und lächelt in die Kamera.

Für Britta Schellenberg vom Zentrum für angewandte Politikforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München sind die Mitglieder der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund typische Vertreter dieser Generation Hoyerswerda. „Viele Ostdeutsche, die heute um die 30 Jahre alt sind, wurden in einer Zeit politisiert, in der rechtsextreme Ansichten einen regen Zuspruch fanden, in der aber auch niemand genau wusste, wie man damit umgehen muss“, sagt sie. Die alte Bundesrepublik hatte kaum Erfahrung mit diesem Massenphänomen. Damals lösten sich immer mehr Familienbande, Scheidungsraten stiegen, da boten rechte Kameradschaften eine Art Ersatzfamilie mit hohem Bindungsgrad, so Schellenberg.

Der Politologe und Rechtsextremismusexperte Hajo Funke beschreibt diese Kameradschaft als „sehr gewalttätig, sehr gefährlich und sehr beängstigend“. Die Generation Hoyerswerda sei in den 90er-Jahren „in einer Art sozialem Vakuum“ gelandet, das durch die berufliche Perspektivlosigkeit verstärkt wurde. „Viele sehr gestörte junge Persönlichkeiten gerieten damals in die Szene mit ihrer Frustration, die dort neonazistisch und rassistisch aufgeladen wurde“, sagt Funke.

Gefahr unterschätzt

Deutschland habe den rechten Terror unterschätzt, sagt der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick. „Wir haben seit Jahren eine immer härtere Form rechter Gewalt, auch in NRW. Dass sich dann eine Terrorzelle bilden kann, lag nahe, war absehbar.“ Tatsächlich gibt es auch im Westen Aktionsbündnisse nach dem Vorbild der Kameradschaften, etwa den Widerstand West in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz oder die Bündnisse Freies Netz Süd und Freier Widerstand Süddeutschland in Bayern.

Politisch spielt die Generation Hoyerswerda bundesweit keine ernst zu nehmende Rolle, wenn man die Wahlergebnisse betrachtet. Das große Problem aber sei, dass sich viele rechtsextremistische Gruppen wieder auf den Straßenkampf konzentrierten, sagt Zick. „Wenn die Hemmschwelle einmal überschritten ist, sind auch rechtsextreme Amokläufe in Zukunft nicht ausgeschlossen.“