Neonazi-Trio

Heilbronner Mord an Polizistin war Beziehungstat

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Neue Wende bei den Ermittlungen zum Neonazi-Trio aus Zwickau: Bei dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn könnte es sich um eine Beziehungstat handeln. Unterdes werden auch die Zweifel am Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt immer größer.

Überraschende Wende in den Ermittlungen um die Hintergründe des Neonazi-Trios aus Zwickau: Zwischen der getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter und dem Trio soll es offenbar doch eine engere Verbindung gegeben haben als bislang bekannt. Bei dem Mord handele es sich möglicherweise um eine Beziehungstat, sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, am Montag im Bundestags-Innenausschuss.

Auch Sicherheitskreise sprachen am Montag davon, dass es sich doch um einen gezielten Mord gehandelt haben könnte.

Die Bundesanwaltschaft wollte die Spekulationen nicht kommentieren. Das Zwickauer Neonazi-Trio stehe weiter unter dringendem Tatverdacht, die Hintergründe seien aber Gegenstand internster Ermittlungen und würden nicht an die Öffentlichkeit gegeben. „Die Tat passt in die Ideologie der Gruppe“, sagte ein Sprecher der Behörde am Montag lediglich. Man gehe selbstverständlich jedem greifbaren Hinweis nach.

Die aus Thüringen stammende Polizistin Michèle Kiesewetter war am 25. April 2007 in Heilbronn auf einer Festwiese mit einem Kopfschuss getötet worden. Ihr damals 24 Jahre alter Streifenkollege wurde schwer verletzt und lag mehrere Wochen im Koma.

In der vergangenen Woche hatte es noch vom Landeskriminalamt in Baden-Württemberg geheißen, der Mord an der Polizistin habe wohl nichts damit zu tun, dass die Beamtin selbst aus Thüringen stammt. Dafür hätten keine Anhaltspunkte vorgelegen, hieß es damals.

Die Familie der Polizistin soll versucht haben, einen Gasthof in Thüringen anzumieten, der dann aber an einen Mann aus dem Umfeld des Zwickauer Trios gegangen sei. Die Polizistin selbst habe jahrelang gegenüber dem Gasthof gewohnt. Ihr Bruder soll in einem anderen Gastronomiebetrieb einen Koch mit dem Nachnamen Zschäpe beschäftigt haben.

Die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wird für die Mordserie an neun Geschäftsleuten türkischer und griechischer Abstammung zwischen 2000 und 2006 und die Ermordung Michèle Kiesewetters 2007 verantwortlich gemacht.

Weitere Erkenntnisse hat die Sondersitzung des Bundestags-Innenausschusses am Montag nach Teilnehmerangaben nicht gebracht. Weitere Festnahmen seien nicht ausgeschlossen worden. Mehrere Verdächtige würden beobachtet, hieß es von den Teilnehmern.

Die beiden Neonazis Böhnhardt und Mundlos sollen mit zwei Schüssen Selbstmord begangen haben. Doch Anwohner wollen nun keine Schüsse gehört haben. Tag für Tag tauchen ferner neue Details über die Terrorzelle um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf. Viele Fragen sind aber noch nicht geklärt, immer wieder gibt es auch Zweifel an der Darstellung der Ermittler. Auch was die Neonazis mit einer 1997 bei Jena gefundenen Bombe zu tun haben könnten, bleibt offen. Die wichtigsten Fragen und Antworten: Sind in dem Wohnmobil in Eisenach Schüsse gefallen?

Die Polizei hatte direkt nach dem Banküberfall in Eisenach am 4. November nur von zwei Knallgeräuschen aus dem Inneren des Wohnmobils berichtet – auch auf Nachfragen wollte sie zunächst nicht von Schüssen sprechen. Eine Explosion sei es aber auch nicht gewesen, erklärten die Ermittler. Erst drei Tage später hieß es auf einer Pressekonferenz mit Innenminister Jörg Geibert (CDU), beide Männer hätten sich erschossen. Anwohner und Augenzeugen aber hörten laut Medienberichten selbst bei offenem Fenster keine Schüsse.

Laut „stern.de“ suchten am Sonntag Ermittler in der Nähe vergeblich nach einem Projektil. In den Tagen nach dem Banküberfall waren immer wieder Zweifel am Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt laut geworden. Beide wurden als brutal und rücksichtslos geschildert. Im Wohnmobil wurden mehrere Waffen gefunden, mit denen sich Mundlos und Böhnhardt gegen die Polizei hätten wehren können. Unklar ist, ob die beiden durch Abhören des Polizeifunks wussten, wieviel Kräfte bereits auf dem Weg waren. Haben sich Mundlos und Böhnhardt beide selbst erschossen?

Die Ermittler sprachen offiziell bislang lediglich von Selbstmord mit Langwaffen. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem Obduktionsbericht soll Mundlos seinen Komplizen durch einen Schuss mit einer Pistole in die Schläfe getötet haben. Dann soll er die Waffe selbst gegen sich gerichtet haben. Ob es einen Konflikt oder eine Verabredung für ein tödliches Ende beim Auffliegen gab, ist offen. Die Ermittler schließen die Beteiligung eines Dritten aus. Warum hatten die Bankräuber das Geld aus einem früheren Überfall dabei?

( dpa/bee )