Linkspartei

Zwei Frauen bereiten Gysi Kopfzerbrechen

Linke-Fraktionschef Gysi verhindert vorerst die Doppelspitze mit Wagenknecht. Der 63-Jährige möchte nur Stellvertreter haben. Er muss aber mit Widerstand rechnen.

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Der Frieden hielt nicht lange. Am Sonntag hatte die Linke in Erfurt noch einen Parteitag der Versöhnung gefeiert. Rote Fahnen wurden geschwenkt, man umarmte sich und versprach einander, künftig nur noch über Inhalte zu streiten. Keine 48 Stunden später ist es mit der Harmonie schon wieder vorbei. Der Anlass dafür ist die Frage, von wem die Fraktion künftig geführt werden soll.

Eigentlich war das schon zweimal beschlossen worden – im Herbst 2009 und im vergangenen Jahr noch einmal. Auch eine aussichtsreiche Kandidatin gab es schon: Parteivizevorsitzende Sahra Wagenknecht, einst Galionsfigur der Kommunistischen Plattform, hatte frühzeitig deutlich gemacht, dass sie sich auch in der Fraktion noch zu Höherem berufen fühlt.

Auch Wagenknechts Gegner hatten ihrerseits einen Namen ins Spiel gebracht: Cornelia Möhring. Die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, die 2009 über die Landesliste in Schleswig-Holstein in den Bundestag eingezogen war, war bislang außerhalb der Partei nicht weiter aufgefallen.

Doch auch Fraktionschef Gregor Gysi hat sich schon festgelegt. Er will keine Frau an seiner Seite, zumindest politisch nicht. Der Fraktion legte er am Dienstag deshalb einen Kompromissvorschlag vor: Künftig soll es zwei erste Stellvertreter in der Fraktion geben und zwei zweite.

Wagenknecht und Möhring als erste in der zweiten Reihe

Die ersten beiden sollen Wagenknecht und Möhring sein, die zweiten Vize der Lafontaine-Vertraute Ulrich Maurer und der einstige Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch. Bislang hat Gysi vier gleichberechtigte Stellvertreter; einer davon ist Bartsch.

Die Fraktion stimmte Gysis Vorschlag zwar zu, doch die Stimmung ist angespannt. Das zeigte eine Szene vor Beginn der Sitzung: Da gab Wagenknecht in aller Ruhe weiter Interviews, während Gysi schon mit der allgemeinen Erklärung für die Hauptstadtpresse begonnen hatte. Dass Gysis Gesichtszüge bedrohlich eingefroren wirkten, dürfte aber noch an einer ganz anderen Frau liegen.

Am Dienstagmorgen hatte Parteichefin Gesine Lötzsch überraschend bekannt gegeben , dass sie auch über 2012 hinaus im Amt bleiben will. "Ich trete beim nächsten Bundesparteitag als Parteivorsitzende wieder an", sagte Lötzsch der ARD. Innerparteiliche Gegner von Lötzsch werteten ihren Vorstoß als Versuch, einer Entmachtung zuvorzukommen. Die derzeitige Parteispitze, zu der auch der bayerische Gewerkschafter Klaus Ernst gehört, ist seit Monaten in der Kritik.

Hinter den Kulissen kursieren verschiedene Szenarien, wer sie ablösen könnte. In einem kommt Ex-Parteichef Oskar Lafontaine aus dem Saarland wieder, um für eine Interimszeit noch einmal die Führung der Partei zu übernehmen.

Vermutlich nicht viele Unterstützer für Lötzsch

Ein anderes sieht vor, an der Stelle der jetzigen Führung doch Sahra Wagenknecht und einen Vertreter des Reformerflügels zu Parteichefs zu küren. Gemeinsam haben die Szenarien eines: Gesine Lötzsch taucht in ihnen nicht mehr auf.

Ihr Vorpreschen hätte also ein machtstrategisch kluger Schachzug sein können. Nur hätte sie dazu zunächst ihre Unterstützer hinter sich versammeln müssen. Doch davon scheint es in Partei und Fraktion nicht mehr viele zu geben.

Gerüchten zufolge hatte Lötzsch weder den anderen Parteichef Ernst noch Gysi über ihren Vorstoß informiert. Auf die Frage, was er von Lötzsch' Ankündigung halte, reagierte dieser bei der Pressekonferenz denn auch entsprechend frostig: "Ich habe das genauso zur Kenntnis genommen wie Sie." Weitere Fragen zum Thema ließ er nicht zu.

Offiziell soll im Juni 2012 auf einem Bundesparteitag über eine neue Parteiführung entschieden werden. Der Berliner Linke-Landeschef Klaus Lederer hatte am Montag in der "Mitteldeutschen Zeitung" für eine Vorverlegung des Parteitags plädiert.

Beliebt an der Parteibasis

Der Parteivorstand solle noch vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein neu aufgestellt werden, sagte Lederer. Diese findet Anfang Mai statt. Von diesem Vorstoß fühlte sich Gesine Lötzsch offenbar provoziert.

Eine Chance bleibt ihr noch. Gäbe es eine Mitgliederabstimmung über die Parteispitze, hätte sie gute Aussichten, im Amt zu bleiben. Bei der Parteibasis genießt die 50-jährige Ostberlinerin immer noch eine gewisse Popularität. Daran haben auch die Debatten über Castro-Glückwünsche, Kommunismus und den Mauerbau nichts ändern können.

Ausgerechnet Klaus Ernst hatte einen Mitgliederentscheid ins Gespräch gebracht. Doch selbst wenn es zu einem solchen kommen sollte und Lötzsch ihn gewänne, so bliebe doch unklar, wie sie weitermachen könnte. Das Verhältnis zwischen ihr und Ernst gilt schon länger als abgekühlt. Auch mit Gysi soll sie sich nicht mehr gut verstehen. So muss ihr jüngster Auftritt wohl als Kampfansage verstanden werden.

Die Schlacht um den Fraktionsvorsitz wird endgültig am 8.November entschieden. Dann wird sich zeigen, ob sich Wagenknecht mit dem Stellvertreterposten begnügt und ob Bartsch eine Degradierung in die dritte Reihe akzeptiert. Beim Thema Einigkeit beweist die Linke schon jetzt eine bemerkenswert kurze Halbwertszeit.