Der Schulterschluss des Erfurter Harmonie- Parteitags hielt keine zwei Tage. Schon am Montag waren alle Appelle der Linken-Führung zur Beendigung der Personaldebatte Makulatur. Der thüringischen Fraktionschef Bodo Ramelow und der Berliner Landeschef Klaus Lederer läuteten mit Personal- und Verfahrensvorschlägen eine neue Runde in der Diskussion um die künftige Machtverteilung in der Partei ein. Linke-Chefin Gesine Lötzsch nervte das offenbar so kolossal, dass sie nur 24 Stunden später die Flucht nach vorne antrat.

Sie wolle das Katz- und Mausspiel endlich beenden und erkläre deswegen ihre Kandidatur für eine weitere zweite Amtszeit, sagte sie. „Ich möchte mit dieser Entscheidung Klarheit für die Mitglieder schaffen, die dieser Debatte überdrüssig sind.“ Gleichzeitig forderte sie alle potenziellen Kandidaten zum offenen Machtkampf auf. „Ich möchte denen Mut machen, die als Parteivorsitzende kandidieren wollen und immer noch zögern.“

Bei vielen ihrer Genossen sorgte Lötzsch damit für große Verwunderung. Der Wahlparteitag soll erst Anfang Juni 2012, also in mehr als sieben Monaten, stattfinden. Sollten sich tatsächlich jetzt schon Gegenkandidaten in Stellung bringen, dürfte die Aufmerksamkeit für das Personalthema eher noch wachsen.

Ein Personalproblem an anderer Stelle wurde am Dienstag von Gregor Gysi erfolgreich gelöst. Durch einen Kompromissvorschlag verhinderte er, dass die Parteilinke Sahra Wagenknecht ihm als Ko-Vorsitzende zur Seite gestellt wird. Die Fraktion hatte sich bereits im vergangenen Jahr für eine Doppelspitze entschieden. Gysi fand die Idee auch zunächst gut, wurde dann aber immer skeptischer als sich abzeichnete, dass Wagenknecht die aussichtsreichste Kandidatin sein würde.

Bereits auf dem Erfurter Parteitag hatte Gysi klar gemacht, dass er nicht mit Wagenknecht auf einer Augenhöhe zusammenarbeiten will. Eine Doppelspitze könne nur funktionieren, wenn es sich bei den Führungspersönlichkeiten um zwei „Zentristen“ oder zwei Flügelkämpfer handele, hatte er gesagt. Sich selbst bezeichnete Gysi als Zentristen. Die frühere Galionsfigur der radikalen Parteiströmung Kommunistische Plattform, Wagenknecht, gilt als Flügelfrau. Die 42-jährige Wirtschaftsexpertin und die frauenpolitische Sprecherin Cornelia Möhring sollen nun erste Stellvertreterinnen werden.

Wagenknecht, die als größtes politisches Talent in der Linkspartei neben Gysi und dem Ex-Chef Oskar Lafontaine gilt, ist damit auch wieder potenzielle Kandidatin für den Parteivorsitz. Dass tatsächlich noch sieben Monate vergehen werden, bis an dieser Stelle Klarheit geschaffen wird, glauben nur die wenigsten in der Partei. Zu groß ist die Sehnsucht, wirklich wieder mit Inhalten zu punkten und aus dem Umfragetief herauszukommen. Die Linke ist seit der Bundestagswahl 2009 von fast 12 auf 6 bis 7 Prozent abgestürzt.

dpa/smb