K-Frage der SPD

Das tragische Spiel von Altkanzler Helmut Schmidt

Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) versucht, Peer Steinbrück als nächsten Kanzler aufzubauen. Besser wäre jedoch, er hielte sich zurück.

Foto: Ingrid von Kruse

Auf den ersten Blick prunkt Hamburg nicht. In der Stadt mit der einzigartigen Koexistenz von Pfeffersäcken und Sozialdemokratie wird Reichtum eher versteckt, laute Töne mag man nicht. Nüchtern und sachlich geht es zu. Karge Kirchen, Fischbrötchen und ein Bürgertum, dem man kaum nachsagen kann, sich für Künstler, kulturelles Leben und geistigen Überschuss zu verausgaben. Hamburg scheint durch und durch rationalistisch zu sein.

Doch der Eindruck täuscht. Man fühlt sich als etwas Besseres, auf alles andere blickt man gelangweilt und ein wenig hochnäsig herab. Und in diesem Gefühl ist Hamburg dann doch ziemlich schwelgerisch, um nicht zu sagen leidenschaftlich. Man weiß es hier immer besser und lässt dies den Rest der Welt auch spüren. Und das hat dann doch etwas von Prunk.

Helmut Schmidt passt gut da hinein. Das fällt nicht gleich auf, denn der SPD-Politiker pflegte ja immer schon einen bodenständigen Lebensstil, Haus wie Ferienhaus sind Bunker der Bescheidenheit. Er machte und macht um alles, was nach Schickimicki aussieht, einen großen Bogen, er wirkt immer im Dienst, scheint immer beim Bohren dicker Bretter zu sein. Doch früh schon wurde an ihm ein anderer Zug erkennbar. Man möchte ihn nicht hoffärtig nennen – sicher ist aber, dass Schmidt von einem kraftvollen, kaum zu erschütternden Überlegenheitsgefühl getragen ist, an dem er Freund wie Feind ohn' Unterlass teilhaben lässt.

Es gibt Politiker, die nach dem Ende ihrer Ämterlaufbahn verstummen, Society-Clowns werden, in wärmere Länder entschwinden oder im Hintergrund Ehrenämter übernehmen. Schmidt ist einen anderen Weg gegangen: Er blieb Politiker, Staatsmann, Weltendeuter. Und: Je länger seine Kanzlerschaft zurückliegt, umso gigantischer erscheint sie. Schmidt wird größer von Tag zu Tag.

Fast ist er, der beliebteste der beliebten Politiker, allen enthoben. Über Schattenseiten und Misserfolge zu reden gilt als Sakrileg. Schmidt ist längst Kassandra, aller Rückkopplung enthobene Instanz, er deutet uns die Vergangenheit, er prophezeit die Zukunft, und er kanzelt – Oberlehrer, der er gerne ist – die Gegenwart ab, die von armseligen Zwergen bevölkert wird, sieht man einmal von dem Riesenstaatsmann Peer Steinbrück (SPD) ab.

Darin findet er nur schwer ein Maß. Wie es aussieht, tut er nichts, um seine Apotheose zu Lebzeiten zu stoppen oder sie wenigstens zu bremsen. Als er vor knapp drei Jahren 90 Jahre alt wurde, feierte man das Ereignis – nicht nur in Hamburg – mit einem Feuerwerk von Festveranstaltungen.

Soeben haben die Helmut-Schmidt-Weihespiele einen neuen Höhepunkt erreicht. Der ehemalige Kanzler, der sehr genau weiß, was er da tut, schickt sich im Alleingang an, den nächsten Kanzler der Bundesrepublik zu küren. Nichts anderes ist der Kern des Buches, das lange Gespräche zwischen Schmidt und Steinbrück im geglätteten und autorisierten Wortlaut wiedergibt.

Das Titelbild zeigt, bis zum Platzen ambitioniert, Steinbrück (links) und Schmidt (rechts), beide gebürtige Hamburger, beim Schachspiel, das sie – eigener Aussage zufolge – seit vielen Jahren gemeinsam pflegen. Die Ikonografie lässt an Wuchtigkeit nichts zu wünschen übrig, wirklich niemandem kann es entgehen, dass hier zwei ausgefuchste Strategen, ja Weltenlenker beisammensitzen, die „Zug um Zug“ (so der Titel des Buches) die Figuren dieser Welt hin und her schieben.

Zitate von Zitaten von Zitaten

Mit Fernsehauftritten sowie Interviews in Zeitungen und Zeitschriften bekommt die Sache seit mehr als einer Woche einen hybriden Dreh. Die beiden stellen das Gespräch, das sie schon einmal geführt haben, ein ums andere Mal nach: Zitate von Zitaten von Zitaten. Alles, auch das Beiläufige, das Alltägliche, ist wie in Stein gemeißelt, für die Ewigkeit. Und die Sprechenden verlieren, von ihrem Sendungsbewusstsein mitgerissen, das Gefühl für Dimensionen. Sie merken nicht, wenn sie das Reich der Komik streifen oder dort hineintauchen.

Schmidt etwa mahnt in dem schweifenden Gespräch, das die Allkompetenz beider beweisen soll, man solle gefälligst etwas feinfühliger mit dem gebeutelten Griechenland umgehen. Er erinnert daran, „dass die Demokratie ihre Wiege in Griechenland hatte“ – um gleich anzufügen: „In den ionischen Städten, genauer gesagt.“ Und dann: Ohne „die alten Griechen“ hätte es keine Renaissance und ohne die wiederum keine Aufklärung gegeben.

Manchmal klingt das, als habe Loriot Regie geführt. Etwa als Schmidt in der Nähe des Glühkerns des Buches, der Kanzlerfrage, einmal den genialen Einwurf macht, es könne durchaus sein, dass die gegenwärtige Bundesregierung auseinanderbreche und die Bundestagswahlen früher stattfänden. Darauf weiß der schlaue Steinbrück zu erwidern: „Dann muss man vorbereitet sein.“

Einer der Höhepunkte des Buches, auch nahe dem Glühkern, beginnt mit Schmidts Bemerkung, das Publikum sei inzwischen geltungssüchtige, aber unseriöse Politiker leid: „Mein Gefühl ist, dass es einen hohen Bedarf an Seriosität und Substanz gibt, und das spiegelt sich wider in der Aufmerksamkeit, die Sie finden, Peer.“ Worauf dieser mit einer Selbsterlebensbeschreibung antwortet, die vor unverhülltem Eigenlob fast birst: „Es kann ja beides richtig sein. Es kann sein, dass es eine größere Sehnsucht nach Substanz und Erfahrung gibt, aber es gibt auch eine Sehnsucht nach einer erkennbaren Persönlichkeit.“ Und, ganz Weltmann, noch einen drauf: „Das ist ja das Gegensatzpaar, das in den USA immer genannt wird: face and substance.“

Steinbrück tut sich keinen Gefallen, sich wie ein Schüler im Matrosenanzug auf feudale, Hamburg-aristokratische Weise zum Kanzlerkandidaten ausrufen zu lassen. Aber auch Schmidt tut sich keinen Gefallen, wenn er an dem Heiligenbild, das seit vielen Jahren von ihm gezeichnet wird, willig mitarbeitet. Denn mit dieser prophetischen Überhöhung, die das von ihm so verachtete Visionäre streift, gibt er das auf, was immer seine größte Stärke gewesen war: die Nüchternheit, das Augenmaß und einen beinharten Pragmatismus.

Er stammt, wenn man so will, aus der heroischen Zeit der bundesrepublikanischen Politik. Heroisch war sie für die skeptische Generation, der er angehört, durch ihre Sachlichkeit. Als Schmidt sein höchstes Amt, das des Kanzlers, 1974 erreichte, war jene schöne Zeit der alten Bundesrepublik gerade vorbei, in der es immer weiter nach oben ging. Es gab Knicks und Dellen – und gerade da konnte er sein größtes Vermögen nutzen. In der Reparatur von Notfällen hat Schmidt Statur gewonnen durch Klugheit, Ausdauer, Standfestigkeit und Bodenhaftung.

Ein Unbequemer, ein Held

Als Hamburger Senator brillierte er schon 1962 bei der großen Flutkatastrophe, seine Entschlossenheit wirkte beruhigend. Er verstand es, die Notstandsgesetze gegen erbitterten Widerstand über die Bühne zu bringen, entlang der Devise, die Demokratie müsse wehrhaft sein. Zur gleichen Zeit wich er der Studentenbewegung nicht liebedienerisch aus, sondern deklinierte ohne Zögern durch, warum der unvollkommene, aber verbesserungsfähige zweitbeste Staat besser ist als das vollkommene Wolkenkuckucksheim. Dieselbe Standfestigkeit bewies er gegenüber der RAF und in der Nachrüstungsdebatte.

Er war ein Unbequemer, ein Staatsfreund und ein Held des Rückzugs – was er nicht sein wollte. Er hat das Ende der sozialliberalen Ära orchestriert. Seine Kanzlerschaft war von Ölkrise, Rezession und dem Ende des Glaubens an den immerwährenden Fortschritt geprägt. Er hatte keine Alternative zum rationalen Durchwursteln, auch daher kommt es, dass seine Kanzlerschaft mit keiner großen Aufbauleistung verbunden ist. Das ist nicht seine Schuld, aber es ist so.

Daher hat es fast etwas Tragisches, wenn er nun wie eine oberste Instanz das Weltgeschehen deutet. Daran sind auch die schuld, die ihm an den Lippen hängen und ihm die Teppiche ausrollen. Es liegt aber auch an ihm, der nicht zu merken scheint, dass sein Ruf längst von seiner Leistung entkoppelt ist. Mit seiner Allwisserheit schadet Schmidt sich selbst – und Steinbrück ebenso.