Finanzkrise

Kommt in Deutschland die D-Mark zurück?

Im globalen Finanzchaos rufen viele Deutsche wieder nach der alten Währung. Was aber hätte die Rückkehr zur D-Mark für Vor- und Nachteile für Deutschland - und für Europa?

Gemeinsame europäische Anleihen könnten das letzte Mittel sein, um einen kränkelnden Euro zu retten. Man weiß in Berlin allerdings auch, dass die Hürden hoch und die Kosten immens wären. In Deutschland hofft man, dass einem dieser Weg erspart bleibt. Einfach und schnell ist er ohnehin nicht zu gehen. Deshalb halten viele Beobachter Euro-Anleihen höchstens für die ungeliebte Endstation in einem Prozess, der mit der Erweiterung des europäischen Rettungsfonds EFSF an Fahrt gewonnen hat. Demnächst darf der Fonds die Anleihen notleidender Euro-Staaten direkt am Kapitalmarkt aufkaufen. Das ist dann die Vorvorstufe zu den gefürchteten Euro-Anleihen.

Theoretisch hätten Euro-Anleihen und die Transferunion vor allem eine Folge: Alle Staaten der Währungsunion würden gemeinsame Anleihen begeben. Die Zinsen für Euro-Schuldensünder wie Griechenland oder Portugal dürften also sinken, weil Länder mit besten Ratingnoten wie Deutschland ebenfalls mit an Bord wären. Für diese soliden Staaten allerdings wäre das Ganze von Nachteil, denn für sie würden die Zinsen im Vergleich zum heutigen Niveau steigen. Die südliche Peripherie würde profitieren. Der Norden hätte dagegen Zinsnachteile. Wir müssten für unsere Schulden höhere Zinsen aufbringen.

Allerdings argumentieren Befürworter dieser Idee, dass Deutschland heute nur deshalb so niedrige Zinsen zahle, weil der Euro gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes unterbewertet sei. Die Deutschen würden also einen Teil der Vorteile des schwachen Euro zurück an jene Länder im Süden transferieren, die dafür verantwortlich sind, so die Freunde dieses Finanzinstruments.

Allerdings sind das eher technische Argumente, über die sich streiten lässt. Größter Vor- und Nachteil von Euro-Anleihen ist die gemeinschaftliche Haftung aller Schuldner der Euro-Zone für diese Anleihen. Das heißt: Wenn Italien seine Schulden nicht mehr bedienen kann, müssten die anderen dafür aufkommen. Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Österreich und Co. müssten zahlen. Bei einem Riesenschuldner wie Italien wäre schnell die Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit erreicht. Vermutlich wäre es nur eine Frage der Zeit, bis Deutschlands Spitzenrating gefährdet wäre. Und aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre klug geworden, fürchtet die schwarz-gelbe Bundesregierung, dass Haushaltsdisziplin für die Südländer damit endgültig zu einem Fremdwort werden könnte. Gleichzeitig allerdings wüssten die Finanzmärkte, dass diese Euro-Zone nicht mehr so leicht auseinanderzudividieren ist. Sie würden vermutlich weniger auf deren Zerfall spekulieren – so das Kalkül der Euro-Anleihen-Befürworter.

In Berlin weiß man um diese Argumente. Hier hält man Euro-Anleihen allerdings nur für möglich, wenn die gesamte Euro-Zone nach den gleichen Maßstäben tickt. Schuldenbremse in allen Ländern, Wirtschaftsregierung, Eingriff in die Haushaltsplanung, Weg vom Vetorecht für Einzelstaaten, automatische Sanktionen – all das sind Begriffe, die für Deutschland als Vorbedingung für die Euro-Anleihen gelten. Bislang galten so weitgehende Eingriffe in die Souveränität nationaler Regierungen und Parlamente in Europa als unvorstellbar. Regierungen wie die von Griechenland haben dann weniger Rechte in ihrer nationalen Politik als der Bürgermeister einer europäischen Großstadt. In Deutschland ahnt man, dass sich dieser Weg nicht von heute auf morgen gehen lässt. Die europäischen Verträge müssten neu ausgehandelt werden. Daher hält man Euro-Anleihen hier für das Ende eines sehr langen Wegs. Am liebsten würde man ihn nicht gehen.

Harte Jahre drohen

"Sie möchte nicht als die Kanzlerin in die Geschichte eingehen, die den Euro beerdigt hat“, sagte kürzlich jemand, der Angela Merkel gut kennt. In einer Union, die oft noch von den guten Zeiten Helmut Kohls träumt, ist das eine unerfreuliche Alternative. Der Altkanzler war nicht nur der Kanzler der Einheit, er war auch der Kanzler europäischer Visionen und damit des Euro. Ihn, nicht die Kanzlerin, nennt man heute einen großen Europäer.

Was aber hätte die Rückkehr zur D-Mark für Vor- und Nachteile für Deutschland und für Europa? Eigentlich scheint doch alles klar: Die Deutschen bekommen ihre geliebte Mark zurück. Die wird wieder so stabil wie früher. Außerdem müssen wir nicht mehr Schuldensünder wie Griechenland, Portugal und bald vielleicht auch Italien stützen. Und als Sahnehäubchen obendrauf bleiben die Zinsen für Bundesanleihen so niedrig, dass auch der Bundesfinanzminister einen goldenen Schnitt macht.

Allerdings ist das nur eine Seite der Medaille: Nach der Wiedereinführung einer Art Mark oder des Nord-Euro im Bündnis mit Österreich, den Niederlanden und Finnland wertet die neue Währung rasant auf. Über Nacht verliert Deutschland alle Wettbewerbsvorteile, die sich die hiesige Wirtschaft in 15 Jahren qualvoll erarbeitet hat. Aufträge im Maschinenbau gehen plötzlich nicht mehr nach Baden-Württemberg, sondern nach Südtirol. Tausende verlieren ihre Jobs. Das aber sind nur die Auswirkungen für die deutsche Exportindustrie: Im gleichen Atemzug, in dem der Nord-Euro aufwertet, verliert der Süd-Euro schlagartig an Wert. Die Kredite aber, die die ohnehin schon hoch verschuldeten Südländer in den vergangenen Jahren aufgenommen haben, laufen weiter auf die alten, teuren Euro-Kurse. Weil die Schuldensünder mit ihrer schwachen Finanzkraft diese Volumina aber nicht mehr bedienen können, ziehen sie einen harten Schuldenschnitt durch. Banken, Investmentfonds und europäische Versicherer verlieren über Nacht hohe Milliardenbeträge. Wieder einmal muss Deutschland einen Rettungsschirm für die Branche aufspannen. Und anders als beim letzten Crash geht es dieses Mal auch jenen Sparern an den Kragen, die ihre 30, 50 oder 150 Euro im Monat in Lebensversicherungen gesteckt haben.

Angesichts dieser Folgen steht Europas Wirtschaft zunächst einmal vor dem Kollaps. Kaum ein Land kann es sich angesichts der Schuldenstände leisten, seiner Wirtschaft mit neuen Konjunkturpaketen unter die Arme zu greifen. Deutschlands größte Handelspartner wackeln. Harte Jahre stehen nicht nur unseren früheren Schuldenbrüdern an der Euro-Peripherie bevor. Harte Jahre drohen auch den Deutschen, weil die Arbeitnehmer den Gürtel enger schnallen müssen, um verloren gegangene Wettbewerbsvorteile zu kompensieren.

Neben den wirtschaftlichen Folgen hat die Teilung Europas auch politische Auswirkungen. Zunächst einmal wird der viel kleinere Nord-Euro auf weltpolitischer Bühne im Vergleich zu China, Indien, Brasilien und den USA ins Hintertreffen geraten. Deutschland wird beim Treffen der 20 größten Industriestaaten der Welt nicht mehr gefragt, wenn es um wichtige Entscheidungen geht – es wird nur noch informiert. Und in Europa selbst wird der Wettbewerb ums nackte wirtschaftliche Überleben beginnen. Der freie Kapitalverkehr innerhalb der Europäischen Union wird als erstes Opfer einer Euro-Teilung fallen. Zoll- und Handelsschranken könnten die nächsten Maßnahmen sein, um die eigene Wirtschaft vor dem ungebetenen Konkurrenzkampf zu schützen. Auf Jahre wäre Deutschlands Wachstum vermutlich stark limitiert.