EKD-Präses Schneider

"Man muss unter Umständen auch töten"

| Lesedauer: 8 Minuten
Simone Meyer

Foto: Simone Meyer

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider spricht über seine Afghanistan-Reise und das Dilemma vieler Soldaten. Doch er sieht Hoffnung.

"Nichts ist gut in Afghanistan“, sagte die damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, vor gut einem Jahr – und löste heftige Empörung aus. Jetzt reiste ihr Nachfolger Nikolaus Schneider fünf Tage lang mit Militärbischof Martin Dutzmann und dem EKD-Friedensbeauftragten Renke Brahms in das Land am Hindukusch – und sieht Hoffnung. Unter anderem besuchte Schneider Camp Marmal, den größten Stützpunkt der Bundeswehr.

Morgenpost Online: Dies war Ihre erste Reise nach Afghanistan. Vor dem Abflug haben Sie mehrere SMS bekommen, von Ihrer Sekretärin, auch von Katrin Göring-Eckard. Was stand in der Nachricht? Was haben Sie geantwortet?

Nikolaus Schneider: Die haben geschrieben, sie denken an uns, sie wünschen uns alles Gute und hoffen, dass wir heil wiederkommen. Ich habe geantwortet, dass ich auch mit dem Grundgefühl reise, dass wir gesund wieder zurückkehren.

Morgenpost Online: ... und dass vielleicht doch irgendwann alles gut werden kann in Afghanistan? I hre Vorgängerin Margot Käßmann hat vor fast einem Jahr mit ihrem „Nichts ist gut“-Satz Aufsehen erregt. Welchen Satz würden Sie heute formulieren, nach fünf Tagen eigener Anschauung?

Schneider: Es ist Hoffnung in Afghanistan, aber auf dünnem Eis. Meine ersten Eindrücke sind, dass es Projekte gibt, mit denen es voran geht. Ich habe zum Beispiel einen Baum vor einer Schule gepflanzt. Ein schönes Hoffnungszeichen. Und ich habe mit einer Schulleiterin geredet, bei der man merkte, wie sehr sie sich freut über diese neue Schule für 3000 Mädchen. Ich habe aber eben auch gehört, dass viele klar sagen: Schon morgen kann alles wieder anders sein. Die Situation ist nicht stabil, sondern fragil. Das ganze Unternehmen kann auch noch scheitern.

Morgenpost Online: Glauben Sie denn daran, dass Ende dieses Jahres die ersten deutschen Soldaten abgezogen werden?

Schneider: Da habe ich unterschiedliche Einschätzungen gehört. Natürlich müssen wir aus Afghanistan auch verantwortlich rausgehen. Man kann hier nicht mit Einheimischen zusammenarbeiten, Entwicklungen einleiten und dann nach fast zehn Jahren sagen: Das war’s, auf Wiedersehen! Das muss schon verantwortlich geschehen, aber auch möglichst schnell. Denn wenn wir Besatzer würden, wären wir auch gescheitert.

Morgenpost Online: Sind Sie mit dem neuen Mandat zufrieden, mit dem der Bundestag den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr jetzt verlängert hat?

Schneider: Damit kann ich leben, weil es ein paar Dinge aufgenommen hat, die uns wichtig sind. Eins ist schade: Dass nicht zumindest formell auch ein politisches Mandat formuliert wurde für den zivilen Wiederaufbau, für die Regierungs- und die Nichtregierungsorganisationen. So fokussiert sich immer alles auf das Militär. Und die Soldaten sagen selber: Es geht gar nicht darum, einen militärischen Sieg zu erringen, sondern wir wollen einen Freiraum schaffen, in dem sich eine andere Sicherheit entwickeln kann, eine langfristige, die mit dem Vertrauen der Menschen zu tun hat – darin, dass es mehr Ausbildung gibt, neue Arbeitsplätze entstehen, es in der Landwirtschaft vorangeht. Daran arbeiten unglaublich viele Menschen. In diesem Land ist viel mehr los, als ich mir das vorgestellt hatte. Schade, dass die politische Debatte zu solchen einseitigen Wahrnehmungen führt.

Morgenpost Online: Sagen die zivilen Aufbauhelfer denn nicht auch: Ohne die Soldaten können wir nichts wieder aufbauen?

Schneider: Die sagen schon: Wir brauchen einen beruhigten Raum, in dem sich etwas entwickeln kann. Sie sagen aber auch: Es geht nicht so, dass die Soldaten an unserer Seite stehen, während wir unsere Aufbauarbeit leisten. Das wäre das falsche Signal.

Morgenpost Online: Wenn das Militär von Erfolgen spricht, bedeutet das auch oft, dass Soldaten Aufständische töten. Wie passen Tod und Nächstenliebe zusammen?

Schneider: Darüber denken auch die Soldaten nach. Einer sagte mir, ihm sei klar, dass das, was er hier tue, nicht im Sinne Gottes sein könne. Für ihn sei es ein Dilemma. Denn das Tun bedeutet genauso, schuldig zu werden, wie das Unterlassen. Positiv angesprochen hat mich, dass sich die Strategie für Afghanistan offenbar so verändert hat, dass das Töten das allerletzte Mittel ist. Die Isaf-Truppen sagen nun, wir gehen in bestimmte Regionen hinein, reden mit den Stammesältesten und erklären, was wir wollen. Das erfahren irgendwann auch die Taliban, und die gehen dann hoffentlich, weil sie wissen, sie haben keine Chance gegen uns. Nur wenn sie sich wehren, dann wird gekämpft, und dann muss man unter Umständen auch töten. Man tut aber alles, um das zu vermeiden. Das ist von der Strategie her etwas völlig anderes als dieses Identifizieren, Stellen, Eleminieren. Das kann ich dann auch gut hören.

Morgenpost Online: Und rechtfertigen?

Schneider: Hinnehmen. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Auf diesen Satz lasse ich nichts kommen. In unserer Friedensdenkschrift legen wir es fest: Töten ist eigentlich nie zu legitimieren, aber es kann hinnehmbar werden unter bestimmten Bedingungen.

Morgenpost Online: Ein Großteil der Bevölkerung denkt offenbar anders: Nach jüngsten Umfragen steht nur etwa ein Viertel der Deutschen hinter diesem Einsatz.

Schneider: Das ist nachvollziehbar. Wer sich die ganze Zeit das Militärische fokussiert, wird er schwer zu begründen, weil ja sozusagen der erste Ansatz – zu verhindern, dass Afghanistan der Heimathafen des Terrorismus wird – offensichtlich gelungen ist. Dass die Taliban zurückkehren, kann immer noch passieren. Aber die Ziele haben sich verschoben. Jetzt heißt es, eine stabile Lage in afghanische Verantwortung zu übergeben. Und die größten Hoffnungszeichen für mich sind erstens die Ziele der Entwicklung: dass die Bevölkerung sagt, das wollen wir. Man muss die Herzen und die Köpfe der Leute erreichen. Denn wenn die Taliban bei ihnen nichts mehr werden können, haben die auch verloren. Zweitens wird offensichtlich ein eigener afghanischer Sicherheitsapparat aufgebaut, der zuverlässiger wird. Man merkt, dass dieses System auf Nachhaltigkeit angelegt ist. Das ist eine ganz andere Plausibilität, als wenn man nur diese Sisyphusarbeit vor sich hat, Taliban zu jagen und sie am Ende doch nicht alle zu kriegen.

Morgenpost Online: Viele Soldaten beklagen, dass sie zu wenig Rückhalt in der Gesellschaft erfahren. So wie Sie haben in den vergangenen zwei Monaten fast 500 offizielle Gäste die Truppen hier besucht. Lässt sich daraus ein wachsendes Interesse ablesen?

Schneider: Ich glaube, es ist eher ein Zeichen der Verunsicherung. Der gesellschaftliche Rückhalt ist eben nicht gegeben, deswegen denken viele: Ich muss doch mal gucken, was da los ist. Ich glaube, wenn man das zivile Engagement stärker fokussiert, wird das auch ganz anders von der Bevölkerung getragen. Und das hätten die Soldaten auch verdient. Die, mit denen ich gesprochen habe, sind alle aus Überzeugung hier sind, weil sie eine Chance für dieses Land sehen. So etwas kann eine Gesellschaft auch viel besser hören und mittragen. Ich jedenfalls war vom Auftreten unserer Soldaten sehr angetan! Das sind echte Bürger in Uniform. So wie die Bundeswehr auftritt, nämlich absolut nicht martialisch, damit kann ich gut leben, obwohl ich schon immer sehr militärskeptisch gewesen bin.

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