Zuwanderung

Migranten sind als Patienten anders

Viele Zuwanderer und vor allem ihre Kinder haben große Gesundheitsprobleme: Sie vernachlässigen die Vorsorge und werden in Kliniken oft schlecht behandelt. Welche Erfahrungen Berliner Ärzte gemacht haben.

Foto: Reto Klar

Ufuk Balimuhac ist Allgemeinmediziner am Kottbusser Tor. Er hat Patienten aus 29 Nationen und kennt die Fragen der Kranken. „Deutsche fragen: ‚Was habe ich?' – Türken fragen: ‚Warum habe ich das?'“, erzählt Balimuhac. Der Unterschied hat Folgen. Denn wenn der türkische Patient keine befriedigende Antwort auf seine Warum-Frage erhält, verliert er das Vertrauen in den Arzt. Und geht zu einem anderen, dem er die Diagnose des ersten verschweigt. Bleibt auch dann eine ihm plausible Erklärung aus, wird eine dritte Praxis aufgesucht. „Insofern gehen Migranten nicht generell zu selten zum Arzt, sondern manchmal zu oft“, sagt der türkischstämmige Arzt und berichtet weiter, dass viele Patienten eine richtige Therapie nur vom Krankenhaus erwarten. „Das liegt auch daran, dass jedenfalls in der Türkei das Gesundheitssystem sehr auf Institutionen beruht und die Menschen höchsten Respekt vor Klinikärzten und deren Maschinen haben.“

Diese Klinikfixierung aber erweist sich in Deutschland als Falle. Denn in hiesigen Institutionen wird den Migranten nicht so gut geholfen. Die Berliner Gesundheitswissenschaftlerin Theda Borde fand bei einer Befragung türkischstämmiger Patientinnen heraus, dass sie deutlich schlechter über ihren Zustand und die erforderliche Therapie unterrichtet waren als deutschstämmige. Diese Informationsmängel nahmen während des Krankenhausaufenthaltes noch zu. Borde verglich die Aussagen der Frauen über deren Diagnose und Therapie mit dem, was dazu in der Krankenakte stand, und prüfte dann, ob sich da etwas durch die Aufklärungsgespräche mit den Ärzten veränderte. Während aber bei Deutschen der Anteil korrekt informierter Patientinnen nach der Aufklärung höher war als vorher, verhielt es sich bei den Türkinnen umgekehrt: Bei ihnen wussten hinterher weniger Frauen über ihre Krankheiten und die Therapien Bescheid als vorher. Das Erschreckende dabei: Dies war auch bei Türkinnen mit sehr guten Deutschkenntnissen so. Offenbar fehlt – unabhängig von Sprachproblemen – beim Krankenhauspersonal zuweilen die Bereitschaft, sich mit Migranten so zu beschäftigen wie mit Deutschen. Ähnliches wird aus Reha-Kliniken berichtet, wo Angestellte bei Befragungen Unlust bekundeten, auf Migranten einzugehen.

„Vielen Ärzten sind diese Probleme bewusst“, sagt Theda Borde im Gespräch mit Morgenpost Online. „Die sind mit ihren Leistungen bei Migranten nicht zufrieden.“ Zumal die Ärzte ahnen dürften, dass es hier strafrechtliche Probleme gibt. Wenn eine Patientin nicht aufgeklärt ist, dann ist ihre Zustimmung zum Eingriff nichtig – und der Eingriff ist Körperverletzung. „Und generell gilt: Das sind Versicherte“, sagt Borde. „Die zahlen Beiträge und haben das Recht auf eine Behandlung, die ihnen gerecht wird.“ Aber wer fragt schon danach im Klinikalltag, wenn die Türkin genickt und unterschrieben hat?

Überhaupt hat lange Zeit kaum jemand nach den Problemen gefragt, die sich bei den mittlerweile gut 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in punkto Gesundheit stellen. Warum auch? Die „Gastarbeiter“ der ersten Generation waren jung und nach körperlicher Fitness ausgesucht worden, anfangs waren Migranten im Durchschnitt sogar gesünder als Einheimische. Erst seit die „Gastarbeiter“ älter und krankheitsanfälliger wurden und viele Migranten auch ins gesundheitliche Prekariat abrutschten, wächst die Aufmerksamkeit für das Thema Migration und Gesundheit. Der Deutsche Ethikrat hat sich damit im Frühjahr befasst, im neuesten Integrationsbericht der Bundesregierung nimmt es breiten Raum ein. Nicht zuletzt die Sprachprobleme hat die Migrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) dabei im Blick. Sie fordert, Dolmetscherdienste in Kliniken in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen.

Bisher müssen die Kosten für medizinisch fachkundige Übersetzer, sofern es die gibt, in Krankenhäusern fantasievoll mit den Fallpauschalen verrechnet werden, obwohl sich am Berliner Gemeindedolmetscherdienst zeigt, wie nützlich diese Hilfen sind, die dort derzeit 115 Übersetzer in 47 Sprachen leisten. Übersetzer senken Kosten, wenn Patienten ihre Beschwerden nicht erklären können und unnötigen Diagnose-Aufwand verursachen oder Medikamente falsch einnehmen, weil sie den Beipackzettel nicht verstehen. „Manchmal“, so die Dolmetscherin Hatice Genc, „kann man auch Eingriffe vermeiden, wenn Türkinnen bei Unterleibsbeschwerden sofort eine Operation wollen und wir ihnen klarmachen können, dass Beckenbodentraining genauso wirksam, schonender und billiger ist.“

Doch dürfte sich in der Skepsis gegenüber dem Beckenbodentraining auch Ignoranz gegenüber Prävention ausdrücken. Vorsorgeprogramme laufen an vielen Migranten vorbei, was nicht nur an Sprachproblemen liegt, sondern auch an einer Einstellung, dass Krankheiten etwas für die Klinik sind, sobald sie manifest werden, man sich aber nicht drum kümmern muss, solange man nichts merkt.

Übergewicht und schlechte Zähne

Besonders deutlich wird dies beim Thema Ernährung und Sport, wo das Robert-Koch-Institut 2008 erhebliche Probleme zumal bei Kindern feststellte. Fast 20 Prozent der Kinder von Eltern, die beide einen Migrationshintergrund haben, sind übergewichtig. Diabetes infolge von Übergewicht droht zur Volkskrankheit der Migranten zu werden, auch weil sie schon im Kindesalter weniger Sport treiben als Deutschstämmige. Schlecht sieht es in den Mündern aus. Zähne werden seltener geputzt, Zahnärzte seltener aufgesucht, bei der Einschulung haben Einwandererkinder häufiger verfaulte Zähne als deutschstämmige. Kein Wunder: Die kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder werden weniger wahrgenommen.

Indes kann man bei all dem nicht von „den“ Migranten sprechen, die einzelnen Volksgruppen unterscheiden sich zum Teil sehr stark voneinander. Der Sozialstatus spielt genau wie bei Deutschstämmigen eine sehr große Rolle, und oft ist gar nicht zu sagen, ob die Menschen Gesundheitsprobleme haben, weil sie Migranten – oder weil sie ärmer sind. Mit dem Grad der Integration ändern sich die Krankheiten. „Je besser die Türken Deutsch sprechen, umso mehr Allergien haben ihre Kinder, wie bei gebildeten Deutschen“, berichtet Emine Yüksel, eine türkischstämmige Gynäkologin, die in ihrer Praxis in Tegel etwa zur Hälfte Patientinnen mit und ohne Migrationshintergrund hat. Mit besseren Deutschkenntnissen, so Yüksel, verschwänden Armutskrankheiten wie Tuberkulose oder Darmparasiten.

Übereinstimmend berichten Yüksel und Balimuhac über eine hohe Zahl von Verletzungen. „Migranten haben im Alltag fast doppelt so viele Unfallverletzungen wie Deutsche“, sagt Balimuhac. „Bei Erwachsenen dürfte das an der harten körperlichen Arbeit liegen und daran, dass sie an gefährlichen Maschinen nicht richtig eingewiesen werden. Bei Kindern könnte der Grund sein, dass sie anfangs kaum einen Schritt ohne Erwachsene machen und nur wenige Risiken kennenlernen.“

Riskante Verwandtenehen

Yüksel ist als Geburtshelferin zuweilen mit den Gesundheitsfolgen türkischen Heiratsverhaltens konfrontiert: mit Ehen unter Verwandten. „Es gibt in Berlin nicht wenige Migrantenkinder, bei denen genetisch bedingte, durch Verwandtenehen verursachte Krankheiten zu vermuten sind“, sagt sie. „Deshalb haben wir in Berliner Arztpraxen eine Umfrage durchgeführt. Die ergab, dass von 340 verheirateten Frauen knapp 30 Prozent in einer Verwandtenehe lebten. Meist waren sie gering gebildet, in etwa einem Drittel der Fälle waren die Paare Cousins und Cousinen ersten Grades.“ Zehn Prozent der Ehen seien Zwangsehen gewesen, 30 Prozent der Paare hätten sich durch Eigeninitiative kennen gelernt. Die restlichen 60 Prozent waren arrangiert, wobei die Frauen hätten ablehnen können. „Fragt man sie nach den Risiken solcher Ehen, sagen diese Frauen, dass es ihre Kinder schon nicht treffen werde oder es gottgegeben sei, wenn das Kind krank wird.“

Mich wird es schon nicht treffen – diese Haltung beobachtet Yüksel auch in der allgemeinen Gynäkologie, wo das Verhalten vieler Migrantinnen davon abhänge, ob sie sich überhaupt für bedroht halten. „In der Schwangerschaft kommen sie ganz regelmäßig zu mir, weil sie sich da als gefährdet erleben, aber später bleiben sie weg. ‚Mir hat nichts gefehlt', sagen sie, wenn sie in der Menopause mit Beschwerden kommen und ich sie frage, warum sie jahrelang nicht da waren.“

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