Ausländer in Berlin

Necla Kelek rechnet mit dem Islam ab

Necla Kelek ist eine der größten Kritikerinnen des Islam. Auch mit ihrem neuesten Buch wird sie provozieren. "Der Islam ist nicht in der Moderne angekommen", lautet ihr Fazit.

Necla Kelek ist es gewohnt, sich in die Nesseln zu setzen. Ihre ersten Bücher „Die fremde Braut“ und „Die verlorenen Söhne“ erregten solche Empörung in der türkischen Community, dass sie 2004 aus Angst vor Übergriffen keine Interviews mehr geben wollte und von Hamburg nach Berlin übersiedelte. Inzwischen, sagt sie, habe sich die Lage entspannt. Auf der Straße bitten sie türkische Jugendliche um ein Autogramm, und zu ihren Veranstaltungen kommen Muslime – Männer wie Frauen –, um sich mit ihr über ihre Thesen zu streiten. „Wir diskutieren, wir haben endlich eine Debatte“, sagt Kelek.

Eine Debatte, die ihr neues Buch („Himmelsreise“) von Neuem anfachen wird. Denn dieses Mal geht sie an den Kern – den Islam selbst. „Der Islam ist nicht in der Moderne angekommen“, sagt sie. „Er war nie allein ein Glaube, sondern von Anfang an kriegerisch und auf Eroberung ausgerichtet.“

Da der Islam nicht zwischen Alltagssitten, Glaube und Recht trenne, sei er zu einer „Leitkultur mit einer eigenen Werteorientierung“ geworden, „die zu einem anderen als in der deutschen Mehrheitsgesellschaft üblichen Verhalten führt“. Ihr Buch ist eine Abrechnung mit dem „System Islam“.

Kelek schert sich nicht um Political Correctness

Es ist absehbar, dass ihr wieder vorgeworfen werden wird, sie bediene die deutsche Islamophobie. Aber Kelek schert sich nicht um Political Correctness. „Es gibt kein Land in der muslimischen Welt, wo der Islam nur ein Glaube und die Gesellschaft eine Demokratie ist, wo neben dem Islam ein Rechtsstaat existiert“, legt sie nach. „In Deutschland leben 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, aber gerade die muslimischen Gruppen haben Probleme, ein Teil der demokratischen Gesellschaft zu werden. Das ist für mich kein Zufall.“

In ihrem Buch zeichnet Kelek Inhalte und Geschichte des Islam nach, immer unter der Fragestellung: Warum wurden der Koran als „Offenbarungsbuch“ und die Lehre Mohammeds nie angezweifelt? Warum entwickelte sich keine Hermeneutik des Islam – eine kritische, historische Auslegung – wie im Christentum?

Keine Aufklärung im Islam

Abgesehen von wenigen aufklärerischen Gelehrten blieben in der islamischen Geisteswelt laut Kelek immer zwei Grundsätze verbindlich: das „Prinzip des nachahmenden Konformismus“ in der Lehre und das Dogma, der Koran sei „überzeitlich“. Eine Trennung zwischen Offenbarung und Philosophie, wie Lessing sie zu seiner Zeit gegen die wortgläubige lutherische Orthodoxie verteidigte, habe im Islam nicht stattgefunden.

Kelek wirft vor allem den frommen türkischen Migranten vor, sich als Opfer zu stilisieren. „Sie sagen: Unsere Bildungsmängel, autoritären Familienstrukturen und Integrationsprobleme haben überhaupt nichts mit dem Islam zu tun, sondern damit, dass die deutsche Gesellschaft uns nicht akzeptiert, uns nicht hilft.“ Kelek hält dagegen: „Natürlich tragen sie selbst Verantwortung dafür, wie sie hier leben – und nicht Deutschland.“

Ihr Buch platzt in eine aufgeheizte Zeit. Die Schweizer lehnen den Bau von Minaretten ab. In vielen deutschen Städten darf dagegen der Muezzin fünfmal am Tag vom Minarett zum Gebet rufen. In Dänemark dürfte eine Frau mit muslimischem Kopftuch Richterin werden. In Frankreich fordert ein Parlamentsausschuss ein gesetzliches Verbot der Burka in Schulen, Krankenhäusern, Bussen und Bahnen.

Doch es gibt auch Hinweise, dass gerade die Muslime in Westeuropa auf dem Weg sind, einen säkularen, zivilgesellschaftlich orientierten Islam zu entwickeln. Nicht in der Türkei, sondern in Deutschland fordert die Anwältin Seyran Ates in einem gleichnamigen Buch: „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“. Nicht in Ägypten, sondern in den Niederlanden gab der Islamforscher Nasr Hamid Abu Zaid eine erste hermeneutische Koran-Interpretation heraus. In Hessen gründete sich 2005 eine „Initiative von säkularen und laizistischen BürgerInnen aus islamisch geprägten Herkunftsländern“ (ISL).

Kultur ohne aufklärung

Der Islam, so scheint es, erlebt seine Aufklärung nicht in den Herkunftsländern, sondern hier – bei uns. „Wo Schweinefleisch nicht zu bekommen ist, muss sich niemand entscheiden, ob er Hotdogs isst“, schreibt der britische Islamforscher Malise Ruthven.

Wo Jungen und Mädchen früh getrennt werden, muss über Kopftücher und Badeanzüge nicht diskutiert werden. Aber wenn Muslime in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien leben, werde die Frage „Wie soll sich ein Muslim in der Moderne verhalten?“ unausweichlich.

Rückzug oder Konfrontation

Dieser Druck führe einerseits zu einem Rückzug in starre, fundamentale Frömmigkeit, andererseits aber zu einer echten Konfrontation mit neuen Fragen, so Ruthven. Die islamischen Länder selbst stünden heute unter einem enormen Modernisierungsdruck, dem sie sich nicht entziehen könnten. Ein Beispiel gab Großscheich Mohammed Sayed al-Tantawi, die höchste Rechtsautorität des sunnitischen Islam, mit seinem Verbot des Gesichtsschleiers an der Al-Azhar-Universität in Kairo.

Seine Begründung: Dieser „Niqab“ sei völlig unislamisch. Den Musliminnen in westlichen Ländern riet Tantawi, die dortigen Gesetze zu befolgen: Sie könnten sich auch gegen die Verschleierung entscheiden. Die Europäer, die so stolz auf ihre eigene Aufklärung im 18. Jahrhundert sind, sind indessen auf die Aufbrüche im Islam nicht vorbereitet. Sie reagieren verwirrt und widersprüchlich. In England etwa meldete sich der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, 2008 mit der bizarren Idee zu Wort, britische Muslime sollten sich in Zivilrechtsfragen auch an örtliche Scharia-Gerichte wenden dürfen, falls sie dies vorzögen. Es hagelte Proteste, gerade von pakistanischen Einwanderinnen.

Auch Deutschland übt offenbar noch. In einer „Handreichung für Schule und Elternhaus“ des Bundesinnenministeriums auf Grundlage der Islamkonferenz 2009 heißt es: Es müsse Schülerinnen „in Ausübung ihrer Religionsfreiheit“ freistehen, sich an öffentlichen Schulen religiösen Vorschriften gemäß zu kleiden: „Das Tragen des Kopftuches kann daher nicht in Schulordnungen, Elternverträgen oder Ähnlichem untersagt werden.“

Integrationspolitik voller Fehler

Aber wer setzt eigentlich diese religiösen Normen? Die Islamverbände, die nur 15 Prozent aller vier Millionen Muslime in Deutschland repräsentieren und untereinander selbst so uneins sind wie die Länder der Arabischen Liga?

Für Necla Kelek wäre es ein typischer Fehler der Integrationspolitik, der Religionsfreiheit einen höheren Rang einzuräumen als etwa der Gleichberechtigung. Oder die Scharia als Rechtssystem neben dem europäischen Recht anzuerkennen. „Das hieße: Wenn Menschen anderswo glauben, dass die Scharia von Allah kommt, müsse sie eben höher gestellt werden als das von Menschen beschlossene Gesetz in Europa.“

Die türkische Autorin Hilal Sezgin wirft Kelek eine pauschale Verallgemeinerung vor: Sie unterstelle mit ihrer Islamkritik, „dass vier Millionen Muslime in Deutschland denselben unreflektierten, unbeweglichen Islam praktizieren“. Das weist Kelek zurück. „Manche Muslime glauben und praktizieren, manche nicht. Manche haben ihr Land verlassen, um sich aus dem System Islam zu befreien. Aber die Islamkritiker, die sich in Deutschland zu Wort melden, sind Einzelpersönlichkeiten. Es gibt noch keine Bewegung, die das System infrage stellt und reformiert.

Überväter nicht in Frage stellen

Denn in der islamischen Kultur hat man nicht gelernt, die eigenen Überväter infrage zu stellen, weder Allah noch viele nationale Führerfiguren.“ Keleks These, dass viele Integrationsprobleme am „System Islam“ und nicht in erster Linie an Bildungsmangel und Armut liegen, wird Widerspruch ernten. Ist es nicht ohnehin falsch, Einwanderer aus Bosnien, Tunesien, Pakistan oder der Türkei auf ihre Religionszugehörigkeit zu reduzieren und pauschal unter „Muslime“ zu summieren? Ist das „künstliche Islamisierung“? „Es gibt die starke Tendenz, soziale Probleme religiös umzuformulieren und sie damit unter die Zuständigkeit der religiösen Verbände zu bringen“, warnt Ezhar Cezairli, Vertreterin der säkularen Muslime in der Islamkonferenz.

Kelek bleibt dabei, dass viele Integrationsprobleme, die sie plastisch an Berliner Schulen erlebt, vor allem mit dem Islam und nicht mit Unterentwicklung zu tun haben. „Viele islamische Länder baden in Geld“, sagt sie. „Saudi-Arabien ist eines der reichsten Länder der Welt. Warum investieren die Saudis Milliarden Dollar in Moscheen und nicht in Universitäten?“

Kelek ist überzeugt, dass der Streit über Religion und Demokratieverständnis zu einer „ganz neuen Art von Debatte um europäische Identität“ führt. Mit ihrem Vorstoß will sie auf die Bürgergesellschaft zielen: „Die Muslime sollen Teil dieser Bürgergesellschaft werden und nicht die Bürger zu Religionsgemeinschaften.“ Auf Veranstaltungen treffe sie oft Deutsche, die sagten: Die Muslime haben ja wenigstens ihre Religion, ihre Werte, wir haben ja gar nichts mehr, unsere Kirchen sind so leer. „Daraus spricht eine Abwertung von Errungenschaften, die mich ganz fassungslos macht“, sagt Kelek.

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