Yvonne Baumann (36), Angestellte, und Sohn Lukas (6), Reinickendorf

„Ich hoffe, dass sich die neue Regierung mehr um die Bildung der Schüler kümmern und die Armut vieler Rentner. Auch Jugendeinrichtungen müsste man meiner Meinung nach finanziell besser unterstützen. Ich bin auch der Ansicht, dass es eine Obergrenze für Asylbewerber geben sollte. Ansonsten sollte es auch in der Schulpolitik Veränderungen geben. Mein Sohn Lukas ist gerade neu in die Schule gekommen, und ich erhoffe mir für ihn mehr Lehrkräfte und ordentlich sanierte Gebäude.“

Sophie Kühn (27), Gründerin, Kreuzberg

Sophie Kühn
Sophie Kühn© Jörg Krauthöfer

„Von der neuen Bundesregierung erwarte ich als Berliner Gründerin vor allem Verbesserungen bei der Unternehmensfinanzierung. Als selbst finanziertes Start-up erleben wir immer wieder Hürden vonseiten der Banken. Meist werden zum Beispiel Kredite für Wachstumskapital oder Betriebsmittel erst nach drei Jahren des Bestehens vergeben. Das Geld wäre aber früher notwendig gewesen, um Warenvorfinanzierungen zu realisieren oder Arbeitskräfte einzustellen. Deshalb sind bei uns leider einige Kooperationen geplatzt. Hier wäre es schön, wenn der Staat den Banken einen Teil des Risikos abnehmen könnte. Zusätzlich dazu wünsche ich mir, dass der Gründungsprozess für neue Unternehmen vereinfacht wird. Anstelle zeitaufwendiger Behördengänge sollten viel mehr Prozesse einfach online abzuwickeln sein. Den Gründern sind hier die Hände gebunden. Sie können nicht starten, weil sich die Gründung oft über Monate hinzieht. Meiner Meinung nach hat das einen starken Einfluss auf das Entstehen von Innovationen in Deutschland.“

Mike Samuel Delberg (28), Jüdische Gemeinde zu Berlin, Mitte

Mike Samuel Delberg
Mike Samuel Delberg© Jörg Krauthöfer

„Ich wünsche mir von der kommenden Bundesregierung ein entschiedeneres Vorgehen gegen Hate-Speech. Vor allem Internet und soziale Medien fungieren als rechtsfreier Raum, wo nicht nur massiv Persönlichkeitsrechte verletzt werden, sondern auch Hass gegen Minderheiten geschürt wird. Auch das Problem des sicht- und hörbareren Antisemitismus muss durch pragmatische Handlungsstrategien bekämpft werden. So bin ich für die Einführung eines Antisemitismusbeauftragten. Ich wünsche mir außerdem eine lebhafte Gedenkpolitik! In Zeiten, in denen gewisse Politiker hierzulande einen Schlussstrich unter die dunkle Vergangenheit unseres Landes setzen möchten, müssen wir umso eher an die Schrecken der NS-Zeit erinnern. Es liegt in unserer Verantwortung, aus der Vergangenheit zu lernen und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht wiederholt. Wir brauchen innovative Methoden, um die Erinnerung an die Opfer und auch an die Täter am Leben zu halten.“

Medina Dizdarevic (18), Schülerin und Erstwählerin, Spandau

Medina Dizdarevic
Medina Dizdarevic© Glanze/Berliner Morgenpost | Sergej Glanze

„Für uns ist das Wichtigste die Bildung und dass mehr Geld in die Schulen fließt. Bei uns im Lily-Braun-Gymnasium gibt es zum Beispiel gerade kein Papier mehr. Die Lehrer müssen auf dicken Tonpapierbögen drucken oder gar nicht. Das finde ich schon krass. Unsere Schule versucht alles, aber es fehlt überall an Material. Ich erwarte von der Bundesregierung deswegen, dass Schulen mehr Geld zur Verfügung haben.

Für mich ist es außerdem wichtig, einen Studienplatz zu bekommen. Ich möchte etwas in Richtung Wirtschaft, Controlling oder Finanzwissenschaften studieren, weil ich gut mit Zahlen umgehen kann. Meine Freundinnen und ich, wir haben aber keine Ahnung, ob wir hier in Berlin einen Studienplatz bekommen, weil die Universitäten völlig überlaufen sind. Wir wollen zum Studieren nicht nach Bayern oder so gehen. Außerdem kann man es sich kaum noch leisten, hier in Berlin zu studieren, weil die Mieten so hoch sind. Da sollte der Staat viel mehr machen. Warum gibt es keinen Höchstpreis für Mieten?“

Darius Ramazani (48), Fotograf, Steglitz

Darius Ramazani
Darius Ramazani© Glanze/Berliner Morgenpost | Sergej Glanze

„Es gibt einen Punkt, mit dem ich als Vater von zwei Töchtern fast täglich konfrontiert werde: unsere Schulen! Baulich gesehen ist da vieles zu tun. Der Förderverein hat schon für die Renovierung der Schultoiletten und neue Spielgeräte auf dem Hof gesorgt. Das reicht aber bei Weitem nicht. In der Umkleide der Turnhalle befindet sich kein Bodenbelag. Aus dem Wasserhahn zu trinken, ist wegen der alten Leitungen untersagt. In den Klassenräumen darf nichts an die Decke gehängt werden, da diese vermutlich Asbest enthält. Als wir uns im Frühjahr mit unseren Kindern weiterführende Schulen angeschaut haben, hat meine Tochter gesagt: ‚Papa, hier gehe ich nicht hin! Hier sind Löcher in den Decken, die Wände sind dreckig, und die Toiletten stinken. Wie soll ich denn hier Spaß am Lernen haben?‘

An unsere Kinder werden immer mehr Anforderungen gestellt. Ihre Leistungen werden in europaweiten Studien gemessen, aber die Reformen sind halbherzig durchgeführt. Doch es krankt am Fundament und wird immer schlimmer.“

Bernd Krause (61), Pfarrer, Kath. Gemeinde St.-Josef, Weißensee

Bernd Krause
Bernd Krause© Uta Keseling | Uta Keseling

„Ich erwarte eine klare Abgrenzung von links und rechts, damit die Bevölkerung erkennt: Unsere Regierung will diese Position nicht. Wenn in Deutschland gemeckert wird, dann natürlich auf hohem Niveau. Es geht uns gut. Deshalb sollte die neue Regierung den Menschen Mut machen und sie motivieren, andere nicht auszugrenzen. Obwohl ich dafür bin, dass Deutschland ein offenes Land für Menschen sein sollte, die zu uns kommen, sollte dies aber kein Freibrief sein für Kriminalität. Wir müssen Meinungsvielfalt zulassen, aber gegen fundamentalistische Menschen, die gegen die Demokratie sprechen und handeln, schnell Stellung beziehen. Das muss sich die Demokratie nicht gefallen lassen.

Als Nächstes fällt mir der Klimawandel ein. Wer die ökologische Dimension in diesem Sommer nicht erkannt hat, dem ist nicht zu helfen. Ich erwarte daher ein schnelles und kompetentes Handeln ohne Regierungsgerangel und Wirtschaftsverwobenheiten. Und klare Antworten wie: Der Diesel ist ab 2019 nicht mehr erlaubt. Aber ich weiß natürlich auch, dass sich die Parteien nicht immer einig sein werden.“

Peter Witt (61), Kraftfahrer bei der BSR, Schöneberg

Peter Witt
Peter Witt© BM | Peter Witt, BSR

„Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Sicherheit sind absolut notwendig. Gerechtigkeit ist für mich wichtig. Da müssen starke Schultern mehr tragen als schwache, also auch mehr Steuern zahlen. Die Löhne müssen angeglichen werden, Leiharbeit und Zeitverträge darf es nicht mehr geben. Wer hart arbeitet, muss auch davon leben können. Das Gleiche gilt für die Rente. Das Rentenniveau darf nicht weiter sinken, während Miete und Leben teurer werden. Gerade bei schwerer körperlicher Arbeit muss ein früherer Ausstieg – abschlagsfrei – möglich sein. Im Gegenzug müssen wir jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern. Betriebe sollten zur Ausbildung verpflichtet werden oder für die Ausbildung anderer Betriebe bezahlen.

Und was das Gesundheitswesen angeht: Medizin muss bezahlbar sein, und die Beiträge müssen von den Arbeitgebern getragen werden. Ich fordere zudem eine vernünftige Ausstattung der Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sowie ordentliche Arbeitsbedingungen. Wir müssen neue Wege gehen, die Familien entlasten, Kinder aus der Armut führen und die Solidarität stärken. Daran werde ich die neue Bundesregierung messen!“

Jörg Butzke (51), Gewerkschafter, Friedrichshain

Jörg Butzke
Jörg Butzke© Anikka Bauer | Anikka Bauer

„Wir müssen die Tarifbindung stärker vorantreiben. Wenn die Arbeitgeber verpflichtet sind, höhere Löhne zu zahlen, sind auch andere Probleme wie die Rentendebatte einfacher zu lösen. Wenn wir jetzt schon vorausschauend für ein besseres Gehaltsniveau sorgen, fördern wir auch die Wirtschaft und die Rente. Für mich ist es in der Politik wichtig, alles mit Augenmaß zu betreiben. Es ist erschreckend, dass Dieselautos plötzlich als Teufelswerk dargestellt werden und man damit die größte Branche ins Wanken bringt. Ich stehe Elektroautos offen gegenüber, glaube aber, dass zu Beginn der Schwerpunkt für diese Technik in den Städten liegt.

Was Immigration angeht, bin ich überzeugt, dass es eine gute Sache ist, flüchtenden Menschen zu helfen. Ich wünsche mir für diese Menschen nachhaltige Perspektiven. Nicht den Hunger mit einem Fisch stillen, sondern das Fischen lehren. Politiker sollten eine Orientierung geben und auch mal zuhören und die Grundwerte vorleben, die man auch von anderen Gesellschaftsmitgliedern erwartet.“

Manuela Krause (49), Gastronomin, Werder (Havel)

Manuela Krause
Manuela Krause© Glanze/Berliner Morgenpost | Sergej Glanze

„Die neue Bundesregierung sollte sich vor allem wieder mehr um innenpolitische Probleme kümmern. Klar, sie muss die verrückten Vorschläge des US-Präsidenten Donald Trump abwehren, Wladimir Putin kommt auch noch um die Ecke, und die Flüchtlingsfrage ist auch noch nicht geklärt – das ist sicher nicht leicht. Dennoch sollte sie sich wieder mehr um Deutschland kümmern. Die Zustände im Gesundheitswesen sind schlimm. Ich bekomme das gerade im Zusammenhang mit meinen Eltern mit. Drei Monate lang auf einen Termin beim Kardiologen zu warten, das geht nicht. Die Situation in der Pflege ist auch schlimm. Die neue Bundesregierung muss sich auch viel mehr um Kitas und Schulen kümmern, die teilweise in einem katastrophalen Zustand sind. Außerdem muss es eine wirksame Mietpreisbremse geben. Wenn junge Leute in Werder keine Wohnung mehr finden, weil es hier mittlerweile teurer als in Potsdam ist, dann läuft was falsch.“

Stefan Neuber (33) Kita-Erzieher, Neukölln

Stefan Neuber
Stefan Neuber© Anikka Bauer | Anikka Bauer

„Ich bin seit fünf Jahren Erzieher in der Kita Warthestraße in Neukölln. Meine größte Erwartung an die kommende Bundesregierung ist, dass unser Projekt ‚Sprachkitas‘ weitergeführt wird. Dadurch können wir eine Sprachförderkraft anstellen, die uns Erzieher im Alltag unterstützt. Das wird aus Bundesmitteln finanziert, soll nun aber eingestellt werden. Sprache ist aber der Schlüssel zur Welt, und wir brauchen die Hilfe dringend: Wir haben hier in Neukölln ganz viele Familiensprachen – allein in unsere Kita mit 95 Kindern haben wir 18 verschiedene Herkunftssprachen. Die Kinder müssen alle gut Deutsch lernen. Das ist das Wichtigste, um gut ins Bildungssystem starten zu können. Dazu brauchen wir das Projekt dringend.

Ich will außerdem eine Bundesregierung, die den Kitaausbau fördert und unsere Arbeit anerkennt. Dazu zählt natürlich auch die Bezahlung: Wir haben einen extremen Fachkräftemangel. Das hat natürlich auch etwas damit zu, dass wir nicht so toll bezahlt werden. Die 1800 Euro, die ich netto bekomme, locken Berufseinsteiger nicht wirklich.“

Sabine Schumann (52) Polizeihauptkommissarin, Köpenick

Sabine Schumann
Sabine Schumann© Maurizio Gambarini | Maurizio Gambarini

„Ich habe 1993 meine Ausbildung im mittleren Dienst der Polizei Berlin begonnen. Damals war ich bereits Mutter eines Sohnes, der heute 30 Jahre alt ist, auch er hat in diesem Jahr seine berufliche Neuausrichtung mit einem Studium für den gehobenen Dienst bei der Polizei Berlin begonnen. Schon aus diesem Grunde habe ich, genau wie viele Menschen in Deutschland, mit der neuen Legislaturperiode riesige Erwartungen an die neue Bundesregierung. Ich möchte, dass künftig größere Anstrengungen im Kampf gegen Terrorismus und Kriminalität unternommen werden. Der Einsatz modernster Technik und notwendiger Schutzausstattung darf nicht an bürokratischen Hürden scheitern.

Bisher wurschtelt scheinbar jedes Bundesland für sich mit Pilotphasen, Evaluationen, Ausschreibungen und Datensystemen herum. Die jetzigen Befugnisse und Möglichkeiten müssen schnellstens auf ihre Wirkung geprüft werden, denn auch durch die steigende illegale Migration und Zuwanderung haben sich viele neue, besorgniserregende Felder aufgetan, die jetzt beseitigt werden müssen. Mir wird Angst und Bange, dass meinem Sohn im Dienst etwas zustoßen könnte.

Heute ist jeder Polizeieinsatz mit höheren Risiken verbunden, als es noch vor Jahren der Fall war. Die Regierung hat die Pflicht, die Risiken zu minimieren und seine Bediensteten zu beschützen. Ein Helm und eine geeignete persönliche Schutzweste müssen genauso selbstverständlicher Ausrüstungsgegenstand sein wie eine Uniform.“

André Gohlke (52), Einzelhandelskaufmann, Mitte

André Gohlke
André Gohlke© Jörg Krauthöfer

„Von der neuen Regierung habe ich keine großen Erwartungen. Ich gehe davon aus, dass alles bleibt, wie es ist. Was ich mir jedoch erhoffe, sind erstens: Digitalisierung – wir brauchen endlich eine schnelle Internetverbindung und einen Ausbau des Netzes. Im Bereich Elektrifizierung müssen E-Autos weiter vorangetrieben werden, Energienetze ausgebaut und Druck auf die Industrie ausgeübt werden. Was die Flüchtlingsfrage angeht, müssen wir die Ursachen in den Ländern selbst bekämpfen und integrative Maßnahmen wie Sprachkurse verstärken.

Wichtig ist mir auch die soziale Gerechtigkeit: Das Lohnniveau muss steigen, und prekäre Arbeitsverhältnisse gehören abgeschafft. Wer hart arbeitet, muss von seinem Job leben können. Auch in Schulen, Kindergärten und – wobei wir beim letzten Punkt wären – Bildung sollte investiert werden. Nur mit Bildung lässt sich langfristig etwas bewirken.“

Ulrich Schellenberg (57), Anwalt, Zehlendorf

Ulrich Schellenberg
Ulrich Schellenberg© Reto Klar | Reto Klar

„Ich wünsche mir vom künftigen Gesetzgeber weniger Aktionismus. Viel mehr sollte die neue Regierung sicherstellen, dass bestehende Gesetze auch wirksam vollzogen werden können. Wir müssen die Behörden und die Justiz personell und sachlich aufstocken, sodass sie auch ihren Aufgaben gerecht werden.

Da denke ich auch an Terroristen, die den Sicherheitsbehörden schon lange bekannt waren. Mit der anlasslosen Überwachung und Datenerhebung unbescholtener Bürger kommen wir hier nicht weiter. Weiterhin sollte in Gesetze zukünftig eine Überprüfungsklausel eingebaut werden, die veranlasst, das ein neues Gesetz nach einer bestimmten Zeit auf seine Wirksamkeit überprüft wird.


Jürgen Schaffranek (58) Jugendsozialarbeiter, Charlottenburg

Jürgen Schaffranek
Jürgen Schaffranek© Jörg Krauthöfer

Auch wenn es kein klassisches Thema der Sozialarbeit ist – steigende Mieten spielen für meine Arbeit eine entscheidende Rolle. Sie beschleunigen die Armut der Menschen und haben soziale Ausgrenzung zur Folge. Ohne eine echte Existenzperspektive für die Menschen kann auch die beste Sozialarbeit nicht helfen. Ich fordere deswegen, eine bundeseinheitliche Mietpreisbremse und eine Zügelung des Immobilienmarktes bis hin zu Enteignungen, wie es das Land Hamburg ja schon praktiziert.

Eine zweite Herausforderung ist das Thema Flucht und Migration. Ich erwarte ein klares Bekenntnis der nächsten Bundesregierung zum Recht auf Flucht. Es ist unerträglich, dass Menschen. die bei uns Zuflucht suchen, behandelt werden, als wäre das eine besondere Gnade. Kein Obdachloser bekommt weniger Hilfe, weil wir nun auch Geflüchtete unterstützen. Das dritte Thema, was mich beschäftigt ist unsere Finanzierung: In den letzten zwanzig Jahren wurde Jugendsozialarbeit radikal zusammengestrichen. Ein Beispiel: Früher arbeiteten in einen Jugendclub sechs bis sieben hauptamtliche Sozialarbeiter – heute noch ein bis zwei. Dort passiert oft nicht mehr als Elendsverwaltung. Ich erwarte von der künftigen Bundesregierung, dass sie sich an vorhandene Beschlüsse hält und endlich mehr Geld für die Jugendsozialarbeit gibt.

Özer Medeni (48,) Kioskbesitzer, Kreuzberg

Özer Medeni
Özer Medeni© Jörg Krauthöfer

„Wir müssen investieren – aber nicht nur in die Renovierung des Busbahnhofes, sondern in Schulen, Kitas, soziale Einrichtungen. Gerade Bildung ist das A und O, nur so kommen wir gesellschaftlich nach vorne. Als Türke muss ich mir noch immer rassistische Äußerungen anhören, obwohl ich seit 25 Jahren in Deutschland lebe. Letzte Woche haben mich wieder zwei 14-jährige Mädchen als „Scheiß Ausländer“ beschimpft. Für mich gehört zur Schule auch, dass die Kinder dort Respekt und Disziplin lernen. Aber wie soll gehen, wenn es an Lehrern mangelt? Ganz zu schweigen von den Schulgebäuden, bei denen ich mich an die Türkei erinnert fühle. Ansonsten finde ich wichtig, dass Wohnraum wieder bezahlbar wird.

Gauhar Besmil (63), Leiterin Flüchtlingsheim, Charlottenburg

Gauhar Besmil
Gauhar Besmil© Anikka Bauer | Anikka Bauer

„Von der neuen Bundesregierung erwarte ich, dass sie uns weiterhin Sicherheit und Zuversicht gibt. Ich komme aus Afghanistan, lebe seit 1972 in Deutschland und bin von dieser Art der Demokratie vollends verwöhnt. Egal welche Hautfarbe, Religion, politische Einstellung oder sexuelle Orientierung, jeder kann hier so leben, wie er das möchte. Das ist Freiheit, das ist Demokratie. Wir leben in einem Luxus, den es nicht überall gibt auf der Welt. Aber den darf man nicht verkommen lassen, da haben viele Menschen hart für gearbeitet. Zurzeit wird die Schere zwischen arm und reich größer. Es darf nicht sein, dass Menschen auf der Straße schlafen, nur mit eine Pappe unter ihren Köpfen. Ein anderes Thema ist die Rente. Finanzielle und gesellschaftliche Sicherheit ist wichtig im Alter. Wenn ich als Rentnerin meine Medikamente und meine Wohnung nicht zahlen kann, wo kommen wir da hin?

Said Maarouf (47), Restaurant-Besitzer, Lichtenberg

Said Maarouf
Said Maarouf© BM | Yannick Höppner

„Weniger Waffenhandel aus Deutschland – es kostet zu viele Menschenleben. Uns Deutschen nützt es nichts, wenn der Staat auf Kosten anderer Menschenleben reich wird. Und uns Berlinern geht es trotzdem nicht besser als vor 15 Jahren. Es gibt zu wenig Kita-Plätze und zu viele Schulen, die saniert werden müssen. Auch das Schulwesen muss verbessert werden. Außerdem sind die Mieten mittlerweile viel zu hoch. Ich lebe seit 42 Jahren in Berlin, habe vier Kinder und würde gerne in eine größere Wohnung ziehen. Ich finde, die Berliner sollten einen anderen Preis für Wohnungspreis zahlen als Investoren aus dem Ausland. Vielleicht lässt sich das über den Steuersatz machen.“

Reinhard Jung (51), Biobauer aus Lennewitz in der Prignitz

Reinhard Jung
Reinhard Jung© privat

„Vor allem erwarte ich ein klares Bekenntnis zum bäuerlichen Familienbetrieb als der ökonomisch und ökologisch überlegenen Struktur. Es kann nicht sein, dass Großbetriebe mit vielen tausend Hektar, die sich oftmals bereits in der Hand auswärtiger Investoren befinden, komplett durchsubventioniert werden. Bei den Direktzahlungen brauchen wir eine Obergrenze pro Betrieb und die Voraussetzung, dass die Eigentümer ortsansässige Landwirte sind. Außerdem müssen die ganzen komplizierten Vorschriften und Kontrollen weg. Stattdessen sollte ein freiwilliges Agrarumweltprogramm mit Angeboten eingeführt werden, die für viele Betriebe attraktiv sind: Ökolandbau, Eiweißfutterpflanzen, Extensivgrünland, Hecken und Gräben.

Für die milchviehhaltenden Betriebe sollten wir endlich faire Verträge durchsetzen, in denen auch ein Preis drinsteht. Außerdem erwarte ich mehr Unterstützung gegen die Feinde der Landwirtschaft. Also gegen Braunkohletagebaue, Gentechnikkonzerne, Naturschutzbürokraten und Schädlinge wie Wolf und Biber. Der kommende Umweltminister sollte begreifen, dass wir Bauern es sind, die alle satt machen.“

Bettina Lutze-Luis Fernandez (53), Tanzlehrerin, Reinickendorf

Bettina Lutze-Luis Fernandez
Bettina Lutze-Luis Fernandez© Thomas Schubert

„Von einer neuen Bundesregierung wünsche ich mir eine andere Finanzierung für die Kinder- und Jugendarbeit. Derzeit ist es aus meiner Sicht so, dass der Bereich der Jugendarbeit katastrophal unterfinanziert ist. Ich bin Sozialpädagogin und Leiterin des Mädchensportzentrums im Centre Talma in Reinickendorf, meinen Job mache ich seit 1991. In der jetzigen Situation schwinden mir langsam die Kräfte. Eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung von Einrichtungen wäre also mein Wunsch.

Mehr Partizipation für Jugendliche, zum Beispiel über Jugendparlamente, wäre ebenfalls wichtig. Die bisherigen Strategien für die Beteiligung Jüngerer an der Politik scheinen mir nicht richtig zu greifen. In Sachen Frauenpolitik möchte ich gerne noch erleben, dass es für Frauen und Männer gleiches Geld für gleiche Arbeit gibt. Hier muss es endlich Gleichberechtigung geben. Es sollte auch der Vergangenheit angehören, dass wir in Europa noch so weit hinten liegen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Rolf Krüger (61), BVG-Busfahrer, Tiergarten

Rolf Krüger
Rolf Krüger© Jörg Krauthöfer

„Ich erwarte, dass das Rentenniveau so gehalten oder verbessert wird. Das gleiche gilt für die Krankenkassenbeiträge. Wir zahlen immer mehr dazu und das kann nicht sein. Die Politiker sitzen ein paar Jahre im Bundestag und kriegen die volle Rente, wir dagegen arbeiten 45 Jahre. Auch die Sozialleistungen dürfen auf keinen Fall weiter abgebaut werden. Grundsätzlich erwarte ich also eine gerechtere Politik in allen Themenfeldern. So auch beim Diesel. Das ist eine hausgemachte Schweinerei. Während Manager andernorts dafür inhaftiert werden, kriegen sie hier noch eine dicke Abfindung.“

Julia Laube (31), Uni-Absolventin, Neukölln

Julia Laube
Julia Laube© Jörg Krauthöfer

„Ich möchte, dass die neue Bundesregierung ein Grundeinkommen einführt, damit es gerechtere Arbeitsverhältnisse gibt. Die Menschen hätten dann Zeit für Jobs, die unter den jetzigen Bedingungen nicht bezahlt werden. Ich erwarte auch, dass die Politik unabhängig ist von der Wirtschaft. Genauso frage ich mich, wie es sein kann, dass ein Politiker bestimmt, wer der nächste Intendant der Volksbühne wird. Da werden Entscheidungen getroffen, die rein geldpolitisch orientiert sind. Insgesamt finde ich, dass die Bürger mehr mitbestimmen können sollten, etwa durch Volksabstimmungen.“

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