Abends, wenn der letzte Wahlkampfauftritt gestemmt und die Reden geschrieben waren, brannten in vielen Büros der Bundestagsabgeordneten in den vergangenen Wochen noch Lichter. Es gab Kuchen und Rotwein, und es wurde gefeiert. Da wurden Geschichten ausgepackt vom Abgeordneten, der mit seiner Sekretärin auf dem Schreibtisch schmuste, während die Jalousien noch oben waren … Oder von dem, dessen Frau die Koffer vor das Paul-Löbe-Haus stellte und aus dem Taxi rief: „Bleib doch hier!“ Die Partys in den Büros waren lang, es wurde Abschied gefeiert. Abschied von einem besonderen Arbeitsplatz, zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor, im Zentrum vom Zentrum der Macht: dem Bundestag.
Rund 6000 Menschen arbeiten im Bundestag und sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Demokratie-Maschine. Außerdem hat jeder der 620 Abgeordneten drei oder mehr Mitarbeiter, deren Position vom Ausgang des Wahlkampfs abhängt. Das heißt: Kehrt der Chef oder die Chefin der Politik den Rücken, dann müssen sich auch die Mitarbeiter einen neuen Job suchen. Bei den meisten Fraktionen sind es in einem Wahljahr rund ein Drittel der Abgeordneten, die nicht mehr weitermachen. Für viele Mitarbeiter von Abgeordnetenbüros waren die vergangenen Wochen doppelt stressig: Wahlkampf auf der einen Seite und nebenbei noch einmal schauen, welche Jobperspektive es außerhalb noch gibt.
Von der Redevorbereitung bis hin zur Ausschussarbeit
Monique Begerow sieht das zumindest für sich entspannt. Die 37-Jährige hat die vergangenen drei Legislaturperioden für die SPD-Kandidatin Petra Merkel im Büro gearbeitet. „Ich habe als studentische Mitarbeiterin angefangen“, sagt sie, „und bin jetzt wissenschaftliche Mitarbeiterin.“ Was das genau bedeutet, welche Arbeit das einschließt, war manchmal schwierig, ihren Eltern zu erklären. „Wir machen alle alles“, sagt sie. „Von der Redevorbereitung bis hin zur Ausschussarbeit.“ Das könne große Bundespolitik wie im Haushaltsausschuss sein oder eben eine verschmutzte Ecke im Wahlkreis von Petra Merkel, Charlottenburg. „Sie hat den Wahlkreis in drei Wahlen direkt gewonnen“, sagt Monique Begerow, „wir hatten immer einen sicheren Job.“ Sie wechselt jetzt als Projektleiterin zu einem freien Bildungsträger.
Die Mitarbeiter haben sich also in den meisten Fällen damit arrangiert, dass sie sich alle vier Jahre neu orientieren müssen. Manche, wie der Büroleiter der CDU-Fraktion, Tim Christopher Zeelen, haben sich von ihrem alten Arbeitgeber zusichern lassen, dass sie wieder in der alten Position einsteigen können. Dann gibt es welche, die bei anderen Abgeordneten unterkommen können, vielleicht sogar einer anderen Partei, oder sich auf einen Posten in der Fraktion selbst bewerben. Doch all die, die ihren alten Job bei einem Abgeordneten behalten wollen, schauen fast täglich auf einer Internetseite vorbei, dem „Mandatsrechner“.
Bei neun Prozent keinen Job mehr
„Das ist ein Programm“, sagt eine Grünen-Mitarbeiterin, „mit dem man genau berechnen kann, wie die Chancen des eigenen Bundestagsabgeordneten stehen.“ Landen die Grünen bei neun Prozent, haben einige keinen Job mehr, bei zehn Prozent schon. Die Mitarbeiterin, die davon erzählt, will anonym bleiben, hat aber in den vergangenen Wochen häufig lange Gesichter auf den Fluren gesehen.
Besonders bei den FDP-Kollegen sei das auffällig gewesen. „Viele wissen da wirklich nicht, wie es weitergehen soll.“ Nur weil es eine andere Partei sei, gebe es da aber keine Häme. „Ich hatte schon Gespräche mit FDP-Mitarbeitern, bei denen man sich so einig war, dass eine grün-gelbe Koalition zur Sprache kam“, sagt sie, „aber darüber entscheiden ja unsere Chefs.“ Wie überhaupt den Chefs viel Macht eingeräumt ist. Sie entscheiden über das Gehalt des Mitarbeiters, der Bundestag gibt jedem Abgeordneten dafür 15.798 Euro, über die er verfügen kann.
FDP-Mitarbeiter haben keine Interessenvertretung
So gibt es Mitarbeiter mit einem Gehalt von 2500 Euro brutto, andere mit 7500 Euro brutto. Die meisten richten sich nach der Bezahlung im öffentlichen Dienst. Gehaltssteigerungen sind dabei unüblich, da die Aufwendung des Bundestages eben gleich bleibt. Eine Gewerkschaft gibt es aber nicht, nur vier Parteien (CDU, SPD, Grüne und Linke) haben eine Interessensvertretung der Mitarbeiter eingerichtet, die FDP-Mitarbeiter haben gar keine Interessensvertretung. Doch selbst wenn der Job unsicher ist und nach vier Jahren neu verhandelt wird, auch das sagen viele Mitarbeiter: Der Job ist eher ein Sprungbrett als ein Abstellgleis.
Dieses Sprungbrett ist offenbar sogar so angenehm, dass viele nicht gehen wollen und mehrere Legislaturperioden bleiben, so wie Monique Begerow bei Petra Merkel oder die anonyme Grünen-Mitarbeiterin. „Als Arbeitsplatz ist der Bundestag wirklich praktisch“, sagt sie. Viele Mitarbeiter benutzen die „Stummel“-U-Bahn U55, und bei Eis und Schnee können sie dank Tunnelsystem gut zwischen den Bürohäusern wechseln. „Man sieht den Bundestagsabgeordneten in den Sitzungswochen öfter als die eigenen Partner“, sagt eine Grünen-Mitarbeiterin, „da wird es automatisch ein persönliches Verhältnis.“ Die Kantine könnte besser sein („Die im Bundespresseamt ist besser!“), aber in welchem Job kann man sich schon nach dem Mittagessen mit einem Eis an die Spree hinter den Bundestag setzen?




