Sein Flugzeug war kaum in Rio gelandet, da twitterte Umweltminister Peter Altmaier (CDU, @peteraltmaier) schon wieder drauflos, was das Zeug hielt. Er stecke im Verkehr fest, erfuhren die 18.632 Abonnenten seiner Mitteilungen („Follower“). Und kurz darauf vom Verhandlungstisch: „Brasilianer haben Verhandlungsführung übernommen und Papier vorgelegt, kann aber nicht so bleiben.“ Keine Frage, dass Altmaier Stunden später die Geburtstagsglückwünsche seiner Follower via Twitter in Empfang nahm und dort auch beantwortete.
Peter Altmaier ist – obwohl er sich erst kürzlich einen Account zulegte – schon einer der einflussreichsten Nutzer jenes Internet-Nachrichtendienstes, der sich spätestens mit dem Aufstieg der Piratenpartei zu einem wichtigen Instrument der politischen Kommunikation entwickelt hat. Das hat die Agentur Burson-Marsteller ermittelt, die ihn in ihrer Twitter-Studie in einer Reihe mit Familienministerin Kristina Schröder (CDU), Regierungssprecher Steffen Seibert und dem Chef der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning (SPD), nennt.
Überhaupt scheint der Dienst alle, die sich dort anmelden, „in eine Mischung aus Zeitung und Fernsehsender“ („Stern“) zu verwandeln, was Volksvertreter verlockend finden. Von den insgesamt 620 Mitgliedern des Deutschen Bundestags haben inzwischen mehr als 200 einen Twitter-Account – Tendenz steigend. Unter den Neuzugängen sind auch Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und der Parlamentsgeschäftsführer der Unionsfraktion, Michael Große-Brömer (CDU).
Ein Zeichen von Modernität
„Der Reiz, den Twitter für politische Akteure hat, liegt in der schnellen Verbreitung eigener Ansichten. Die Tweets landen innerhalb von Sekunden auf den Smartphones der Abonnenten, ohne dass die Politiker auf klassische Medien als Übermittler angewiesen sind“, sagte der Berliner Medienwissenschaftler Jo Groebel der Berliner Morgenpost. So ließen sich durchaus auch Stimmungen beeinflussen. „Twitter ist – auch wenn die Mitteilungen auf 140 Zeichen beschränkt sein müssen – ein Instrument, mit dem sich Themen setzen lassen.“ Außerdem könnten Politiker damit demonstrieren, dass sie habituell auf der Höhe der Zeit sind: „Dieses Motiv ist nicht zu unterschätzen“, sagt Groebel. „Die Verwendung von Twitter gilt – ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht – als Nachweis, dass man modern und in der digitalen Welt zu Hause ist.“
Auch bei Altmaier war das ein Motiv. Er kam sich offensichtlich altmodisch vor, als Christopher Lauer von den Piraten ihm in einer Talkshow vorführte, was sich mit Twitter alles anstellen lässt. Kurz darauf twitterte er selber. Und Altmaier erweckt – siehe Rio – auch nicht den Anschein, als wolle er in seinem neuen Job als Minister das Smartphone häufiger zur Seite legen wollen. „Man kann sagen, dass Peter Altmaier durch Twitter überhaupt erst zu einem populären Politiker wurde“, bestätigt Groebel. Der Dienst sei ein hervorragendes Instrument, um Informationen aus einem inneren Zirkel an die Öffentlichkeit zu bringen oder zumindest so zu tun, als ob. „Mit Twitter lässt sich der Eindruck von Reinheit und Authentizität vermitteln, weil die Botschaften echter klingen als ausdiskutierte Sprachregelungen nach internen Gremiensitzungen“, sagt Groebel. Das mache ihn für Politiker besonders interessant. Andererseits sei jedem Volksvertreter und seinen Mitarbeitern klar, dass er mit dem vermeintlichen 1:1-Charakter seiner Tweets Kommunikationsprozesse in bestimmte Richtungen lenken könnte, weshalb bei Twitter manches weniger authentisch sei, „als es den Anschein hat“.
Beispiel Sigmar Gabriel. Der SPD-Bundesvorsitzende setzte, nachdem er sich ein Twitter-Konto zugelegt hatte (@sigmargabriel), zunächst derart viele Mitteilungen ab, dass im Berliner Regierungsviertel erhebliche und nachvollziehbare Zweifel daran aufkamen, ob der SPD-Bundesvorsitzende da überhaupt selber am Drücker ist. Auch die Formulierungen in seinen Tweets lasen sich nicht in jedem Fall wie eine spontane Gabriel-Eingebung – gerade, wenn er auf Fachfragen antwortete und mit Zahlen nur so um sich schlug. Als ihm die Debatte zu schaden drohte, twitterte Gabriel prompt die Telefonnummer seines Abgeordnetenbüros und ging an den Apparat, als es klingelte. Im Willy-Brandt-Haus wird außerdem darauf hingewiesen, dass sich die Zahl seiner Tweets inzwischen deutlich reduziert hat. Gabriel selbst sagte der Berliner Morgenpost, er twittere jetzt „vor allem, wenn ich im Auto sitze – zwischen Terminen in Berlin oder während der Fahrten nach Hause“. Sein Eindruck nach den ersten Monaten: „Diese Form der Kommunikation ist sehr direkt und schnell. Manchmal irritiert mich die Härte der auf Twitter geführten Auseinandersetzungen. Aber wer als Politiker austeilt, muss halt auch einstecken können.“
Harte Auseinandersetzungen
Auch der raue Ton, den der digitale SPD-Vorsitzende anschlägt, klingt inzwischen authentisch. So antwortet er auf frech formulierte Tweets schon mal patzig: „Sie können Ihre Erziehung gut verbergen!“ oder: „Geht's Ihnen nach ein paar Beleidigungen besser? Dann nur Mut, Teile meines Gehalts sind Schmutzzulage.“ Gabriel sagt, er wolle „auf möglichst viele an mich gerichtete Fragen antworten“, aber das gelinge aus zeitlichen Gründen „natürlich nicht immer“. Das Spannende an Twitter sei aus seiner Sicht „die unmittelbare Interaktion“. Natürlich lasse sich in 140 Zeichen nicht die Welt erklären, aber das gelinge auch in längeren Interviews nicht immer. Praktisch: In der selbst erklärten „Babypause“, die Gabriel am kommenden Montag in Magdeburg bei Tochter Marie antritt, will der SPD-Chef per Twitter mit der Außenwelt in Verbindung bleiben.
Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck (@Volker_Beck), der mit bis zu 20 Tweets pro Tag und 22.000 Followern ebenfalls zu den Zwitscher-Königen zählt, sieht in Twitter „Chance und Gefahr für politische Kommunikation zugleich“. Wer nur Belanglosigkeiten à la „tolle Diskussion im Ortsverband XY“ verkünde, vertue die Möglichkeiten dieses Kanals. Doch wer vergesse, „dass jeder Tweet morgen in der Zeitung stehen kann, kann auch böse Überraschungen erleben“.
Beck will zum Beispiel beobachtet haben, dass Altmaier in seinen Äußerungen weniger offen ist, seitdem er mit einem missverständlichen Tweet über Christian Wulff „auf dem Online-Parkett ausgerutscht ist“. Andererseits meint auch Beck: „Wenn sich Politiker dafür entscheiden zu twittern, sollten sie das am besten auch selbst machen.“
Es sei zwar üblich, dass Abgeordnetenbüros im Team twitterten. Das halte er aber nur für okay, „wenn es transparent ist. Sonst geht ja der Witz daran verloren.“ Wenig witzig dürfte Altmaier es indes gefunden haben, als sein Twitter-Zugang von Hunderten Nachrichten überschwemmt wurde, die ihm dort Anti-Atom-Aktivisten geschrieben hatten. „Lieber @peteraltmaier, warum wollen Sie mich 10 weitere Jahre dem Risiko eines Super-GAU aussetzen?“, fragten sie ihn unisono. Anlass war der erste Jahrestag der Kabinettsentscheidung, der unter anderem den Weiterbetrieb von neun Atomkraftwerken vorsah, die stufenweise bis zum Jahr 2022 abgeschaltet werden sollen. Altmaier antwortete, dass er seinen Zugang ungern filtern und blockieren wolle. Doch „die „Super-GAU-Tweets“ bewirkten, „dass Tweets von anderen nicht von mir gelesen werden“. Der Appell des Ministers: „Sagt, wie viele Ihr seid, aber spamt bitte nicht.“ So viel Direktheit beeindruckte selbst die Aktivisten.

