„Wahlzettel in Brailleschrift? Das gibt es bei uns aber nicht.“ Jitendra Singh schüttelt den Kopf. Der Parlamentarier ist einer von vier Indern, die gestern auf Einladung von Bundestag und Bundesregierung ein Wahllokal in Mitte besucht haben und den Ablauf der Wahlen kommentierten. „Wer blind ist, bringt bei uns zu den Wahlen einen Helfer mit, der für ihn abstimmt – und das geschieht bei uns inzwischen elektronisch“, sagt Singh. Zum Vergleich: In Mitte dürfen Eltern nicht mal ihr Kind mit in die Wahlkabine nehmen. „Sie könnten das Abstimmungsergebnis verraten“, erklärt die Vorsitzende des Wahllokals an der Niederwallstraße 6, Sotiría Polychronidu. Und Ulrike Rockmann, stellvertretende Landeswahlleiterin und Präsidentin des Landesamtes für Statistik, ergänzt, dass elektronische Wahlen in Deutschland nicht erlaubt seien. „Wir zählen alles von Hand aus, direkt nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr“, sagt Rockmann.
Eine Wählerin betritt das Lokal, Singh sagt zu seinen Mitbeobachtern, dem Kongressabgeordneten Vijay Inder Singla und dem Vorsitzenden des Jugendkongresses Vikram Malhotra sowie Pawan Khera: „Los, wir schauen zu!“ und reibt sich erwartungsvoll die Hände. Eine Frau geht zu den Wahlhelfern und bekommt den Wahlzettel ausgehändigt. Sie betritt die Wahlkabine, stimmt ab, tritt zur Wahlurne. Eine andere Helferin überprüft ihre Daten, hakt den Namen auf ihrer Liste ab, dann darf die Frau ihren Stimmzettel in die Urne werfen. „Wir haben eine andere Reihenfolge, und das ist viel besser“, sagt Vijay Inder Singla. „Erst wird der Name überprüft, dann darf gewählt werden – sonst gäbe es zu viel Unruhe, weil Menschen kämen, die nicht wählen dürfen“.
Stutzig macht die indischen Politiker auch eine Besonderheit dieses Lokals. „Wir erheben hier Daten zur wahlstatistischen Auszählung“, erklärt Rockmann. Dazu werden die Wahlzettel nach Geschichte und Geburtsjahrgängen der Wähler aufgeschlüsselt. Singh fragt entsetzt: „Kann man die Daten zurückverfolgen? Das ist bei uns verboten!“. Rockmann beruhigt ihn und erklärt, dass weder Nummer noch Namen auf den Zetteln stünden. Nach 30 Minuten nicken die Inder zufrieden. Ihre Begleiterin vom Auswärtigen Amt nimmt sie mit zum nächsten Termin: die Wahlparty der Bundeszentrale für politische Bildung. Rockmann fährt weiter in den Reichstag. Dort haben der Landeswahlleiter und seine Mitarbeiter einen Stand aufgebaut. Sie sammeln und analysieren dort die Wahlergebnisse der Bundestagswahl aus Berlin und Brandenburg sowie die Ergebnisse der Landetagswahl in Brandenburg.
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