Nach Granatenangriff

Vergeltungsschlag - Türkei beschießt Ziele in Syrien

Wenige Stunden nach einem Granatenangriff auf ein türkisches Grenzdorf hat die türkische Armee Ziele in Syrien angegriffen.

Foto: ADEM ALTAN / AFP

Eskalation im Syrien-Konflikt: Wenige Stunden nach einem Granatenangriff auf ein türkisches Grenzdorf hat die türkische Armee am Mittwoch erstmals Ziele in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Nachbarland angegriffen. Der Einsatz sei eine Reaktion auf eine Attacke syrischer Regierungstruppen, bei der fünf Türken getötet worden waren, teilte das Büro des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit. International löste die Ausweitung des Konflikts Besorgnis aus.

Die Nato nannte den Angriff auf das türkisches Dorf nach einer eilig einberufenen Sondersitzung der ständigen Nato-Botschafter einen flagranten Bruch internationalen Rechts und eine Sicherheitsbedrohung für den Verbündeten Türkei. „Wie schon am 26. Juni festgestellt, beobachtet die Allianz die Situation in Syrien sehr genau“, teilte das Bündnis am späten Mittwochabend in Brüssel mit. Damals hatte es bereits nach dem Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs Beratungen nach Artikel vier des Nato-Vertrags gegeben. Diese Konsultationen kann ein Verbündeter beantragen, wenn er seine Sicherheit als bedroht ansieht.

Noch vor Bekanntwerden des türkischen Gegenangriffs hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sich zutiefst besorgt über die Lage gezeigt. Die Türkei müsse alle Kommunikationskanäle zu syrischen Behörden offenhalten, um einen weiteren Aufbau von Spannungen zu vermeiden, sagte Ban nach Angaben eines Sprechers bei einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu. sich

Die USA verurteilten den Angriff auf das türkische Dorf. „Wir sind empört darüber, dass Syrier über die Grenze geschossen haben“, sagte Außenministerin Hillary Clinton am Mittwoch in Washington.

Bei einem Telefonat mit Davutoglu nannte Bundesaußenminister Guido Westerwelle „die erneute Verletzung der territorialen Integrität der Türkei aus Syrien“ einen schwerwiegenden Vorgang. „Wir verurteilen diese Gewalt in aller Schärfe“, erklärte er am Mittwochabend am Rande einer Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Paris. Zugleich bat er seinen türkischen Kollegen, „bei aller verständlicher Empörung mit Besonnenheit und mit dem Blick für die außerordentlich gefährliche Lage in der ganzen Region zu handeln“.

In dem türkischen Dorf Akcakale waren nach türkischen Angaben mindestens drei aus Syrien abgefeuerte Granaten eingeschlagen, von denen eine vier Kinder und deren Mutter tötete. 13 weitere Menschen wurden verletzt, darunter mehrere Polizisten. Fernsehsender zeigten Dorfbewohner, die in Panik über die Straßen rannten oder Deckung suchten.

Man habe die Angreifer mit Hilfe von Radargeräten identifiziert, teilte die Regierung in Ankara mit. Die türkische Artillerie habe sie dann unter Feuer genommen. Berichte über Opfer auf syrischer Seite wurden zunächst nicht bekannt.

Die Ortschaft Akcakale liegt unmittelbar an der Grenze zu Syrien und nahe des lange umkämpften Grenzübergangs Tell Abjad, den syrische Rebellen nach zweitägigen Gefechten eingenommen hatten.

Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland mehr als 93 000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die Forderung Ankaras, eine Schutzzone für Vertriebene auf der syrischen Seite der Grenze einzurichten, hat international keine ausreichende Unterstützung erhalten. Die türkische Regierung sympathisiert mit den Assad-Gegnern. Versuchen der Konfliktparteien, die Türkei zu einem militärischen Eingreifen zu bewegen, hatte Ankara bisher widerstanden.

Auch in anderen Teilen Syrien dauerten die Kämpfe am Mittwoch an.

In den Städten Aleppo und Deir as-Saur explodierten insgesamt fünf Autobomben vor öffentlichen Gebäuden. Bei allen fünf Explosionen seien vor allem Angehörige der Regierungstruppen getötet worden, meldeten Aktivisten. Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter sprach von 48 Toten und etwa 100 Verletzten alleine in Aleppo. Insgesamt sollen am Mittwoch in Syrien landesweit 136 Menschen getötet worden sein.

Syrien ruft nach türkischem Angriff zu Zurückhaltung auf

Syrien hat nach dem türkischen Vergeltungsangriff zu Zurückhaltung aufgerufen und eine Untersuchung zu dem vorangegangen Granatenbeschuss auf das Nachbarland angekündigt. Es werde geprüft, woher die Granate stamme, erklärte Informationsminister Omran Zoabi am Mittwoch. Man respektiere die Souveränität der Nachbarländer. Zugleich aber müssten auch die Nachbarn die Souveränität Syriens respektieren und dafür sorgen, dass keine Terroristen nach Syrien eindringen könnten.

Die Regierung in Damaskus den Familien der fünf türkischen Todesopfer ihr Beileid ausgedrückt. „Syrien übermittelt den Familien der Opfer und unseren Freunden, dem türkischen Volk, sein tiefes Beileid“, erklärte Informationsminister Omran Soabi in der Nacht zum Donnerstag laut einem Bericht des syrischen Staatsfernsehens.