Grenzgefechte

Syrische Granate tötet Menschen in der Türkei

Eine aus Syrien abgefeuerte Artilleriegranate hat in der Türkei mehrere Menschen getötet - auch einen sechsjährigen Jungen.

Foto: RAUF MALTAS/ANATOLIA / AFP

Bei einem Granatenangriff aus Syrien sind am Mittwoch in einem türkischen Grenzdorf mehrere Menschen getötet worden. Zehn weitere Personen wurden verletzt. Unter den Getöteten sei auch ein sechs Jahre altes Kind, berichtete der Nachrichtensender CNN Türk unter Berufung auf den Bürgermeister der Ortschaft weiter.

Insgesamt sind nach türkischen Angaben mindestens drei Granaten eingeschlagen. Die Ortschaft Akcakale liegt unmittelbar an der Grenze zu Syrien und nahe des lange umkämpften Grenzübergangs Tell Abjad, den syrische Rebellen nach zweitägigen Gefechten eingenommen hatten.

Das Dorf war in der vergangenen Woche bereits von einer aus Syrien abgefeuerte Mörsergranate getroffen worden. Dabei waren Hauswände beschädigt worden. Zuvor waren schon mehrere Türken von Schüssen aus Syrien getroffen worden. Unter den am Mittwoch Verletzten waren auch mehrere türkische Polizisten. Die türkische Regierung hat wiederholt gegen Schüsse über die Grenze hinweg protestiert.

Der Bürgermeister der an der Grenze zu Syrien gelegenen türkischen Stadt Akcakale, Abdulhakim Ayhan, sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu, ein Junge und eine Frau seien unter den Toten. Der Agentur zufolge protestieren wütende Stadtbewohner vor dem Rathaus. Das Verhältnis zwischen Syrien und der Türkei ist angespannt, weil die Türkei syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufnimmt und auch die Rebellen unterstützt.

Die syrischen Oppositionellen geben sich unterdessen in diesen Tagen so siegessicher wie nie zuvor. „Gebt uns 24 Boden-Luft-Raketen und 24 Panzerabwehrraketen, dann ist das Spektakel in wenigen Wochen vorbei“, sagt ein Exilant, der jeden Tag für den Sturz von Präsident Baschar al-Assad betet. „Und falls ihr Angst habt, das Zeug könnte militanten Islamisten in die Hände fallen, dann schickt doch gleich ein paar US-Soldaten mit, die sie bedienen, oder türkische Offiziere.“

Freie Syrische Armee ist gespalten

Der „Independent“ schrieb kürzlich, exakt die Waffen, die sich die Oppositionellen in dieser entscheidenden Phase des Bürgerkrieges wünschen, stünden bereits in der Türkei bereit. Die mit Hilfe des Golfemirats Katar beschafften Raketen seien aber bislang noch nicht an die Rebellen geliefert worden. Sie würden erst nach Syrien gebracht, wenn es den bewaffneten Regimegegnern gelungen sei, sich auf eine gemeinsame Kommandostruktur zu einigen.

Denn die von Deserteuren gebildete Freie Syrische Armee (FSA) ist in mehrere Fraktionen gespalten. Die islamistischen Freiwilligen-Brigaden und viele lokale Bürgerwehren entziehen sich bislang jeder Kontrolle.

Zwar berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira am vergangenen Wochenende exklusiv von einem Treffen der FSA-Kommandeure in der Provinz Idlib, bei dem sich etwa zwei Dutzend Offiziere zu einem gemeinsamen Kommando zusammenschlossen. Doch etliche Kommandeure blieben dem Treffen fern.

„Diese Gruppen, die sich da zusammengeschlossen haben, hatten sich von uns abgespalten, damit sie von den Golfstaaten Waffen geliefert bekommen“, erklärt Malik al-Kurdi verbittert. Der Syrer gehört dem bereits im Juli 2011 gegründeten Flügel der FSA unter Oberst Riad al-Assad an, der mit den von den Saudis und Katarern unterstützten islamistischen Brigaden nichts zu tun haben will.

Die Türkei winkt ab

Außerdem ist der vom katarischen Herrscherhaus finanzierte Sender Al-Dschasira, der sehr wohlwollend über das Treffen in Idlib berichtete, im Syrien-Konflikt schon lange kein neutraler Beobachter mehr. Das Gleiche gilt für den zweiten maßgeblichen Nachrichtenkanal der arabischen Welt, den mit saudischem Geld finanzierten Sender Al-Arabija in Dubai, der diese Woche mit einer besonders merkwürdigen Story aufwartete.

„Türkische Piloten wurden auf Geheiß der Russen vom syrischen Regime getötet“, meldete Al-Arabija unter Berufung auf angebliche Geheimdokumente, die ihm die Opposition zugespielt hatte. Aus den Papieren gehe hervor, dass sich die beiden Piloten der türkischen F4-Phantom, die Ende Juni von der syrischen Luftabwehr über dem Mittelmeer abgeschossen worden waren, zunächst retten konnten und erst später getötet worden seien.

Doch die Türkei, die bislang wenig Interesse an einer von ihrem Staatsgebiet aus geführten Militärintervention gezeigt hat, winkte ab. Verteidigungsminister Ismet Yilmaz erklärte, die Behauptungen von Al-Arabija entbehrten jeder Grundlage. Doch für die Türken wird es immer schwerer, sich dem Konflikt im Nachbarland zu entziehen. Erst fielen Schüsse an der Grenze. Jetzt haben Granaten aus Syrien eine türkische Mutter und ihre vier Kinder getötet. Wer die Granaten abgeschossen hat, ist bislang noch unklar. Doch neben einem Versehen im Kampfgeschehen kommen auch noch andere Theorien infrage: Die Truppen des Regimes wollen den von Präsident Assad angekündigten „Flächenbrand“ mit aller Macht auf die Türkei ausdehnen oder Rebellen wollen die Türkei zu einer Militäraktion provozieren, die letztlich den Regimegegner nutzen könnte.

Zweifel an der Piloten-Geschichte

Die von der islamistischen AKP geführte Regierung sympathisiert ohnehin mit den Zielen der syrischen Revolution. Auf ein militärisches Abenteuer in Syrien haben die Türken jedoch keine Lust – auch weil die innenpolitischen Konsequenzen fürchten müssten. Die westlichen Regierungen möchten das Gemetzel in Syrien zwar auch schnell beendet sehen. Doch sie befürchten, dass eine von der Nato durchgesetzte Flugverbotszone – etwa um in Syrien eine Schutzzone entlang der türkischen Grenze durchzusetzen – zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur den Zivilisten und der FSA helfen würde, sondern auch den von den Golfarabern unterstützten Brigaden, denen vor allem Anhänger der Muslimbruderschaft und der radikal-islamischen Salafisten angehören.

Auch die Intellektuellen unter den syrischen Oppositionellen äußerten gleich Zweifel an der Geschichte von den Piloten, die laut Al-Arabija erst aus dem Meer gefischt wurden, um dann später tot im Flugzeugwrack auf dem Meeresgrund gefunden zu werden. Der Betreiber der oppositionellen Website „All4Syria“, Eiman Abdelnur, ärgerte sich sehr über den Bericht, der aus seiner Sicht dazu angetan sein könnte, die Glaubwürdigkeit der Opposition insgesamt infrage zu stellen.

dpa/dapd/nbo