Gewaltwelle

Im Nahen Osten eskaliert die Gewalt gegen US-Einrichtungen

Demonstranten dringen auf das US-Botschaftsgelände im Jemen vor. Auch in Teheran demonstrieren Hunderte Menschen.

Foto: DAPD

Die antiamerikanischen Angriffe im Nahen Osten wegen eines islamfeindlichen Films weiten sich aus. Am Donnerstag stürmten Hunderte aufgebrachter Demonstranten das Gelände der US-Botschaft im Jemen. Sie skandierten „Tod für Amerika“, holten die US-Flagge ein und zündeten sie an.

Anlass war offenbar wie zuvor bei Angriffen auf US-Vertretungen in Libyen und Ägypten ein islamkritischer Amateurfilm eines in Amerika lebenden Regisseurs, der im Internet aufgetaucht war.

Jemenitischer Präsident spricht von „Krawallmachern”

Der jemenitische Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi entschuldigte sich für den Angriff auf die US-Botschaft in Sanaa. Er sprach von „Krawallmachern“, die die engen Beziehungen zwischen dem Jemen und den USA beschädigten wollten, und kündigte an, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Nach Angaben eines US-Botschaftssprechers wurde bei dem Angriff niemand verletzt.

Im Jemen ist der aktivste Arm des Terrornetzwerks Al-Kaida beheimatet. Washington ist der wichtigste Unterstützer der jemenitischen Regierung bei deren Antiterrorkampagne. Am Dienstag war bekannt geworden, dass der Vizechef des Terrornetzwerks in der Region bei einem mutmaßlichen US-Luftangriff getötet wurde.

Proteste vor Schweizer Botschaft in Teheran

Vor der Schweizer Botschaft im Iran demonstrierten am Donnerstag rund 500 Menschen gegen den als blasphemisch empfundenen US-Film. Gegen Mittag seien die Demonstranten wieder abgezogen, teilte das Schweizer Außenministerium mit. Mehr als 200 Polizisten hätten die Demonstranten vom Botschaftsgelände ferngehalten. An der Schweizer Botschaft – die in Teheran auch die Interessen der USA vertritt - sei kein Schaden entstanden.

Im Irak drohte eine militante schiitische Gruppen am Donnerstag ebenfalls mit Angriffen auf US-Ziele. Der Führer der vom Iran unterstützten Miliz Asaib Ahl al Hak, Kais al Chasali, bezeichnete das Amateurvideo in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP als „abscheulich“ und „unverzeihlich“. Er rief alle Muslime auf, „sich unserem gemeinsamen Feind zu stellen“. Die amerikanische Botschaft in Bagdad ist mit schätzungsweise 15.000 Mitarbeitern die weltweit größte diplomatische Vertretung der USA.

Nach dem Tod ihres Botschafters in Libyen hatten die USA weltweit die Sicherheitsmaßnahmen für ihre Botschaften und Konsulate erhöht. So waren vor der Botschaft in der philippinischen Hauptstadt Manila Wachen und Polizei-Sonderkräfte mit Sturmgewehren zu sehen.

Hinweise auf geplanten Angriff verdichten sich

Unterdessen verfolgten die US-Geheimdienste Hinweise, wonach es sich bei dem Angriff auf die US-Vertretung in Bengasi um einen gezielten Terroranschlag gehandelt haben könnte. Der Angriff sei „geplant, koordiniert, organisiert ausgeführt“ worden, erklärte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, Mike Rogers. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte dagegen, es sei noch zu früh für ein klares Urteil. Bei dem Angriff wurde der Botschafter der USA in Libyen, Chris Stevens, getötet.

Das Pentagon verlegte unterdessen zwei Kriegsschiffe vor die libysche Küste. Aus US-Regierungskreisen verlautete, der Zerstörer „USS Laboon“ habe seine Position bereits am Mittwoch erreicht. Die „USS McFaul“ sei auf dem Weg und werde innerhalb weniger Tage ihr Ziel erreichen. Weiter hieß es, die Schiffe hätten keine konkrete Aufgabe. Sie gäben den Kommandeuren jedoch die Möglichkeit, flexibel auf jeden Einsatz zu reagieren, den der US-Präsident anordne.

Proteste als Ablenkungsmanöver

Der Fernsehsender CNN berichtete unter Berufung auf US-Quellen, die Angreifer hätten die Proteste vor dem Konsulat als Ablenkungsmanöver genutzt. Ob die Angreifer die Proteste initiiert oder nur für ihr Vorhaben ausgenutzt hätten, sei allerdings unklar. Die Gewährsleute schlossen jedoch aus, dass der Angriff Botschafter Stevens galt, wie CNN am Mittwoch auf seiner Webseite berichtete.

Am Donnerstag telefonierte US-Präsident Obama mit den Präsidenten von Ägypten und Libyen, und forderte diese zur weiteren Zusammenarbeit beim Schutz des diplomatischen Personals auf. Obama habe dem libyschen Präsidenten Mohammed el Megarif für dessen Anteilnahme gedankt, teilte das Weiße Haus mit. Mursi verurteilte den Angriff in Ägypten bei einem Besuch in Brüssel am Donnerstag scharf. Sein Land werde derartige Übergriffe nicht akzeptieren und mit aller Kraft verhindern, sagte er.

Obama erklärte am Mittwoch, seine Regierung betrachte Ägypten nicht als Verbündeten, aber auch nicht als Feind. Ägypten habe eine „neue Regierung, die versucht, ihren Weg zu finden“, sagte Obama am Mittwoch in einem Interview mit dem spanischsprachigen Fernsehsender Telemundo. Falls diese zu unverantwortlichen Maßnahmen greifen werde, wäre dies „ein wirklich großes Problem“.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai verschob wegen der Krawalle eine geplante Reise nach Norwegen, wie die Behörden mitteilten. Er sprach ebenfalls mit Obama und äußerte sein Beileid über den Tod der vier Amerikaner in Bengasi.