Todenhöfer zu Syrien

"Assad ist durch die Krise stärker geworden"

Als Tourist reist Jürgen Todenhöfer regelmäßig nach Syrien. Bei seiner letzten Reise hat ihn Präsident Assad zum Gespräch eingeladen. Mit Morgenpost Online spricht Todenhöfer über den mächtigsten Mann im Land, die Pflichten des Westens und ein Volk, das Demokratie fordert.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Seit zehn Monaten begehrt ein Teil der Syrer gegen das Regime von Baschir al-Assad auf. Nach Informationen der Vereinten Nationen sind bisher gut 5000 Zivilisten gestorben. Die Arabische Liga sandte Beobachter in das Land, um die Gewalt zu beenden. Jürgen Todenhöfer (71) reiste vor wenigen Wochen durch Syrien.

Morgenpost Online: Herr Todenhöfer, wer hat Sie eingeladen, und wie frei konnten Sie reisen?

Jürgen Todenhöfer: Niemand hat mich eingeladen.

Morgenpost Online: Sie sind einfach so als Tourist eingereist?

Todenhöfer: Ja. Ich reise seit mehr als zehn Jahren nach Syrien. Ich habe ein Buch über Syrien und den Irak geschrieben, das auch auf Arabisch übersetzt wurde. Es beginnt beim Hakawati, dem Märchenerzähler an der Omaijaden-Moschee in Damaskus. Da gehe ich jedes Jahr hin. Syrien ist Wiege unserer Zivilisation und Damaskus eine der schönsten Städte Arabiens. In der Omaijaden-Moschee ist der Kopf von Johannes dem Täufer begraben, in Damaskus wurde Saulus zu Paulus.

Morgenpost Online: Verstehen und sprechen Sie Arabisch?

Todenhöfer: Kein Wort.

Morgenpost Online: Wie unterhalten Sie sich dann?

Todenhöfer: Ich habe meist einen oder zwei Übersetzer dabei.

Morgenpost Online: Was hat sie bewogen, gerade jetzt nach Syrien zu fahren?

Todenhöfer: Wenn man zehn Jahre lang immer wieder in dieses Land reist, gibt es keinen Grund gerade jetzt nicht hinzufahren. Dieses Mal gab es anfangs Schwierigkeiten. Ich wurde am Flughafen in Damaskus festgehalten, weil der syrische Geheimdienst ein Einreiseverbot gegen mich erlassen hatte. In der "Zeit" hatte ich einen Artikel geschrieben, den manche in Syrien als zu kritisch ansahen. Es dauerte über zwei Stunden, bis ich endlich ins Land durfte. Das hat mir allerdings später geholfen, weil ein Deutschsyrer diese Szene mitbekommen und sie einige Tage später bei einem Empfang Assad geschildert hat. Daraufhin hat Assad mich zum Gespräch eingeladen.

Morgenpost Online: Assad hat eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung angekündigt. Lenkt er eigentlich selbst sein Land?

Todenhöfer: Ich glaube, dass er der mächtigste Mann im Land ist. Und dass er durch die Krise stärker geworden ist.

Morgenpost Online: Warum?

Todenhöfer: In einer Krise entscheidet sich, ob man die Dinge an sich ziehen kann oder eher anderen übergeben muss. Mir scheint es, dass Assad inzwischen klar die Richtung der Politik vorgibt. Ich glaube, dass diese Volksabstimmung über eine demokratische Verfassung seine Idee ist. Assad hat, als er vor zehn Jahren an die Regierung kam, versucht, das Land zu modernisieren. Er ist dabei auf viele Schwierigkeiten gestoßen. Von innen und außen. Im Westen wurde ja eine Zeit lang der Vorwurf erhoben, er habe etwas mit dem Mord an dem früheren libanesischen Ministerpräsidenten Hariri zu tun. Heute ist es erwiesen, dass es nicht so war. Assad ist jedenfalls mit dem Bemühen, das Land umzugestalten nicht so weit gekommen, wie er es vorgehabt hatte.

Morgenpost Online: Was hat ihn gehindert?

Todenhöfer: In Ländern wie Marokko, Saudi-Arabien oder Syrien gibt es starke beharrende Kräfte. Assad hatte nicht nur das Hariri-Problem, er musste anschließend auch die syrischen Truppen aus dem Libanon abziehen. Das alles hat zu einer innenpolitischen Situation geführt, in der es schwer war, grundlegende Reformen gegen die beharrenden Kräfte durchzusetzen. Assad hat mir ausdrücklich gesagt, dass er Demokratie in Syrien für "zwingend" hält. Und dass die Erarbeitung einer demokratischen Verfassung dabei eine große Rolle spielen müsse.

Morgenpost Online: Will er auch auf das Primat seiner Baath-Partei verzichten?

Todenhöfer: Er hat mir gegenüber betont, alle Parteien würden zugelassen. Die Volksabstimmung im März ist für ein autokratisches Land wie Syrien eine revolutionäre Entscheidung, weil Assad dadurch die Entscheidung über die Zukunft des Landes in die Hände des Volkes legt. Das Volk hat ja nicht nur die Möglichkeit, diese Verfassung anzunehmen, es kann sie auch ablehnen. Ich kenne nicht viele autokratische Herrscher, die eine solche Volksabstimmung wagen würden.

Morgenpost Online: Wie frei wird eine solche Abstimmung sein?

Todenhöfer: Wir sollten fordern, dass es neutrale Wahlbeobachter gibt, wie zum Beispiel die Jimmy-Carter-Foundation. Dieser Konflikt ist so kompliziert und so gefährlich, dass der Westen als Vermittler und nicht als Scharfmacher auftreten sollte. Verhandeln ist die einzige vernünftige Haltung in diesem Konflikt.

Morgenpost Online: Was soll der Westen tun?

Todenhöfer: Die Lage in Syrien ist sehr komplex. Obwohl überraschenderweise nicht nur Assad-Gegner, sondern auch Assad-Anhänger lautstark Demokratie fordern. Demokratie ist in Syrien inzwischen weitgehend unstreitig. Ich habe Demonstrationen in Damaskus erlebt, an denen zwischen einer und zwei Millionen Menschen teilnahmen. Die Menschen riefen in Sprechchören: "Assad, Demokratie", "Assad, Freiheit". Die syrischen Aufständischen wollen natürlich auch Demokratie, allerdings ohne Assad. Es gibt also friedliche Demonstrationen für und gegen Assad, aber immer für Demokratie.

Morgenpost Online: Und die Gewalt?

Todenhöfer: Allerdings gibt es auf beiden Seiten auch bewaffnete Einheiten, die sich gnadenlose militärische Auseinandersetzungen liefern. Dabei werden immer wieder Zivilisten getötet. Das ist völlig inakzeptabel und wird zu Recht hart kritisiert. Mir haben allerdings führende syrische Oppositionspolitiker gesagt, dass auch die oppositionelle Guerilla Zivilisten töte und "Rechnungen begleiche". Wir bekommen im Westen immer nur zu hören, welche Untaten die staatlichen Sicherheitskräfte verüben. Die Untaten der anderen Seite werden totgeschwiegen. Die internationale Berichterstattung ist extrem einseitig.

Morgenpost Online: Warum lässt Assad keine Journalisten zu, die ein objektiveres Bild zeichnen könnten?

Todenhöfer: Das ist ein großer Fehler der Regierung. Ich habe den Wert des freien Journalismus noch nie so stark gespürt wie in Syrien. Zurzeit hat in Syrien die Opposition ein Informationsmonopol, das sie über al-Dschasira und al-Arabia gnadenlos ausübt. Im Homs beispielsweise gibt es vier Satellitenstationen, denen jeder Handyfotograf in Sekundenschnelle seine Bilder übermitteln kann. Das wird verständlicherweise auch genutzt.

Morgenpost Online: Sind die Beobachter der Arabischen Liga gescheitert?

Todenhöfer: Nein. Es ist normal, dass Beobachter zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Auch ich gehe davon aus, dass die syrische Regierung die Beobachter dorthin bringt, wo die Dinge für sie nicht allzu schlecht aussehen, und dass dabei manipuliert wird. Aber die Beobachter haben die Möglichkeit, mit vielen Menschen zu sprechen. So wie ich auch. Ich habe Leute getroffen, die mir gesagt haben "Assad muss weg", und ich habe welche getroffen, die gesagt haben: "Ich liebe Assad". Ich glaube, dass Präsident Assad für jeden Zivilisten, der bisher gestorben ist, die politische Verantwortung trägt. So wie US-Präsident Obama für jeden Zivilisten, der durch US-Drohnen in Pakistan und durch US-Bomben in Afghanistan getötet wird, die Verantwortung trägt. Ich wiederhole: Es gibt nur eine Lösung: Verhandeln.

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