Ron Paul

Ein libertärer Don Quichotte will ins Weiße Haus

Er hat Anhänger bei rechten Milizen und linken Studenten: Ron Paul ist der eigensinnigste Republikaner, der US-Präsident werden will. Dabei hat er klare Überzeugungen.

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Nicht einmal der Sieger von New Hampshire feierte am Wahlabend seinen Triumph wie der dürre alte Herr, dem Glück, Demut, Dankbarkeit die Züge zeichneten: Ron Paul, 76, seit 35 Jahren der libertäre Don Quichotte im Kongress, verehrt und verlacht als „Dr. No“, hätte tanzen mögen im Rausch seiner erfüllten Mission.

Nie zuvor war der Kongressabgeordnete aus Texas seinem Ziel so nahe: nicht ins Weiße Haus zu gelangen – der Mann ist nicht naiv –, sondern eins zu werden mit der freisinnigen Botschaft von einem auf sich zurückgezogenen Amerika und einem entmachteten Staat, der seinen ermächtigten Bürgern dient.

Pauls Mission hatte auf dem zweiten Rang, 16 Prozentpunkte hinter Mitt Romney, gesiegt. Uneitel und entzückt stand er da, umflutet vom schrillen Jauchzen seiner Anhänger im College-Alter, die ihrem „Rockstar“ huldigten. Keiner der Mitbewerber wirkte so jung wie Ronald Ernest Paul.

Wählten die Amerikaner im November den Politiker zum Präsidenten, der am mutigsten für seine Überzeugungen wirbt und sich am wenigsten um Spenderwünsche, Parteiräson, Massengeschmack schert, Barack Obama hätte gegen Ron Paul keine Chance. Nur gegen ihn nicht.

Neben Paul wirkt Romney wie eine Aufziehpuppe

Neben Paul wirkt Romney so echt wie eine Aufziehpuppe, Gingrich wie ein Kasperle, Santorum wie ein Messdiener, Obama so authentisch wie eine Hollywood-Nachschöpfung mit Denzel Washington. Alles, was begabte Politiker in Washington aus Erfahrung klug und korrupt macht, wie Paul meint, geht ihm ab: die geschmeidige Einsicht in das Unvermeidliche, das Ausspielen der Interessen, das ewige Spenden-Erpressen, erst recht das Aussehen von alternden Kens und Barbies.

Ron Paul ist nach den Vorwahlen in Iowa (Dritter mit 21 Prozent) und New Hampshire (Zweiter mit 23 Prozent) noch im Rennen, weil ihm linke Studenten, verarmte weiße Arbeiter, rechte Milizen glauben, dass er für sie kämpft: dass er meint, was er sagt, und dabei bleiben wird. Seine Wahlkampfkasse wird mit 20-Dollar-Noten gefüllt, nicht mit Schecks von der Wallstreet.

„Dr. Paul“, wie sie den früheren Gynäkologen und Geburtshelfer respektvoll nennen, kann bis zum Parteitag der Republikaner im August marschieren. Nicht, weil er in einem Coup Mitt Romney noch die Nominierung rauben könnte. Sondern um seiner Mission die nationale Bühne zu geben, die sie über Jahrzehnte nie hatte.

Paul will einen Kult hinterlassen. Nicht um seine Person, sondern um das, was er für die Wahrheit und für das Recht jedes Amerikaners hält: so frei wie möglich von einem Staat zu sein, der seine Bürger ausplündert, bevormundet und almosensüchtig macht wie ein Dealer.

Establishment hält Paul für verrückt

Für weite Teile des Establishments der republikanischen Partei steht lange fest, dass Paul verrückt ist.

Und ein gefährliches Ärgernis. Verrückt, weil er die Abschaffung der Zentralbank verlangt, angeblich Manipulatorin und Wurzel allen Übels, dazu die Schließung von mindestens fünf Bundesministerien (darunter Erziehung und Umwelt), den Verzicht auf die Einkommensteuer, obendrein die Aufkündigung aller Sozialprogramme wie der Rente durch Social Security (1935) und der staatlichen Krankenkasse für Pensionäre (Medicare) aus dem Jahr 1965.

Paul sieht das aus europäischer Sicht weitmaschige soziale Netz Amerikas als Betrug, gigantische Geldvernichtung und Bestechung bedürftiger Bürger, die ihren Stolz und ihre Freiheit verlieren. Abgesehen davon, dass dies alles von den künftigen Generationen nicht zu bezahlen sei.

Das sagt auch Romney, der ständig vor den „sozialistischen“ Verhältnissen Europas warnt. Der Unterschied: Paul sieht Amerika längst bankrott, moralisch und wirtschaftlich. Romney verspricht, beides abzuwenden, wenn nur Obama davongejagt würde.

Der Libertäre hat bei seinen Kundgebungen die Jungen auf seiner Seite, wenn er verlangt, sie nicht in die Apokalypse zu locken. „Manchmal scheint es mir“, sagt er, „als lebten wir in einem albtraumhaften Roman wie ,1984‘ oder ,Schöne Neue Welt‘. Wenn die Bedingungen noch schlechter werden, werden sie die ökonomischen wie die Terror-Ängste so weit anfachen, dass sie das Kriegsrecht einführen.“

Paul ist frei, seine Wähler auch

Wirklich? „Es wird sein wie bei der Internierung der Japaner in den Camps im Zweiten Weltkrieg. Nur dass sie diesmal alle abholen, die gegen die Regierung protestieren.“

In Amerika haben solche Verschwörungsahnungen von einem faschistisch-totalitären Staat, dessen Schergen Bürger entwaffnen und einsperren, wenn sie aufmucken, Tradition. Daran glauben inbrünstig rechtsextreme, waffenstarrende Gruppen wie die „Militia of Montana“.

Sie schicken Freiwillige in Pauls Wahlkampf, die auch auf der extremistischen Website „Stormfront“ ausgehoben werden. Mit der Gesinnung dieser Leute habe er nichts zu tun, sagt Paul. Distanzieren von den Helfern mag er sich nicht. Er ist so frei, sie sind es auch.

Es ist wahr – und müsste seine schwärmerischen Anhänger auf der Linken verstören –, dass Paul das Verfassungsrecht, Waffen zu besitzen und zu tragen, als persönlichen Schutz aller anderen Rechte verteidigt. Doch er predigt auch gegen die CIA, die Todesstrafe, die Strafverfolgung von Flaggenschändern, Entwicklungshilfe, die allgemeine Wehrpflicht (selbst bei einem Angriff), Beschränkungen von Parteispenden, Verbote von Marihuana und Pornografie, den „Krieg gegen Drogen“ und den „Krieg gegen den Terror“.

Staatliche Eingriffe sind Teufelszeug

Weniger naturgemäß ist er gegen den Freihandelsvertrag mit Mexiko und Kanada, der zwar Freiheit behaupte, doch das freie Spiel der Marktkräfte zu kontrollieren suche. Der Geburtshelfer, der nahezu 4000 Kindern in die Welt geholfen hat, tritt gegen Schwangerschaftsabbrüche ein, auch bei Inzest und Vergewaltigung.

Er hätte gegen die Bürgerrechtsgesetze von 1964 gestimmt: Jeder staatliche Eingriff, auch wenn er Schwarze schützt, die Jahre zuvor noch gelyncht wurden, sei Teufelswerk.

Wie seine idealistischen Fans an den Colleges und in der „Occupy“-Bewegung sich mit Pauls reaktionärer Seite anfreunden, bleibt rätselhaft. Man kann nur selektive Wahrnehmung vermuten. Der Mann wurde nicht zufällig einmal im „American Journal of Political Science“ zum „konservativsten“ aller 3320 Kongressmitglieder zwischen 1937 und 2002 gekürt.

Kein Politiker hat sich in seinem Abstimmungsverhalten so konsequent dem Mainstream und jedem Kompromiss verweigert wie Paul. Es muss diese Unbedingtheit sein, die bei Jungen aller Couleur so Eindruck macht. Paul ist nicht käuflich. Dafür nimmt er in Kauf, dass er in einem Dutzend je zweijähriger Amtszeiten 482 erfolglose Anläufe benötigte, um für ein von ihm vorgeschlagenes Gesetz eine Mehrheit zu finden. Insgesamt sind es vier von 620, ein Rekord der Erfolglosigkeit.

Warum wird Paul in seinem texanischen Wahlkreis wiedergewählt? Weil er in Gesetze, gegen die er stimmt, Wohltaten des Bundes („pork“) für seine Wähler einschmuggelt.

Die Pauls haben stets den amerikanischen Traum gelebt

Das machen zwar alle. Aber die singen nicht Pauls Hymne von der Hoheit der Selbstregierung und der Entmachtung des Bundes. Er wäre längst nicht mehr im Kongress, beschaffte er seinen Wählern nicht das Fleisch – während er die Schweinezucht weiter verdammt.

Es macht Ron Paul sympathisch, dass er der reinen Lehre nicht immer folgt. Er ist jedoch auch konsequenter als andere, wenn er auf seine (künftigen) Pensionsansprüche verzichtet und alles Gepränge ablehnt. Die Pauls hätten stets den „amerikanischen Traum“ gelebt, notiert seine Gattin Carol in ihrem Familienkochbuch.

Für zehn Dollar kann man das „Ron Paul Family Cookbook“ erstehen, in dem neben Rezepten nett über die Kinder (fünf), Kindeskinder (18) und Urenkel (fünf) geplaudert wird. „Ron und ich verstehen beide, welche Gefahr Amerika droht, und das spornt uns an, das Beste für Familie, Freunde und Nation zu tun.“

Die Pauls leben in Lake Jackson, Texas, südlich von Houston. Beim Erntedankfest kamen sie auf 30 Teilnehmer. Paul liebt Gartenarbeit und Fahrradtouren. Sein Lieblingsfilm soll das Musical über die Trapp-Familie „The Sound of Music“ sein. Ron Paul zwischen Edelweiß und Schlössern in Bayern und Österreich? Eine kuriose Vorstellung.

Er ging nach Vietnam, ohne Protest

Oder auch nicht. Die Urgroßeltern auf seines Vaters Seite wanderten aus Deutschland ein, seine Mutter war irisch-deutscher Abstammung.

Paul wuchs in Green Tree, einem Ort im Westen Pennsylvanias, auf. Der Vater betrieb eine Molkerei. Wenn der Junge beim Ausspülen der Milchflaschen Flecken entdeckte, gab es einen Penny. Immerhin reichte es für die Highschool, ein College-Studium (Biologie) und ein Medizinstudium an der Duke University, das er 1961 abschloss.

Er ließ sich nach Vietnam einziehen, ohne zu protestieren. 1963 bis 1965 diente er als Arzt auf Lazarettflugzeugen der Air Force. Seine Praxis als Gynäkologe und Geburtshelfer eröffnete er 1968 nach dem Umzug der Familie nach Texas. Es heißt, Ron Paul habe oft für reduziertes Honorar oder ohne Bezahlung gearbeitet; doch lehnte er es ab, die Entlohnung durch die staatlichen Kassen Medicaid und Medicare anzunehmen.

Die Initiation als Politiker lässt sich auf den 15. August 1971 beziffern. An jenem Datum koppelte Präsident Richard Nixon den Dollar vom Goldstandard ab. „Nach jenem Tag“, wird Paul zitiert, „wurde alles Geld politisch statt Geld von wahrem Wert. Ich war sprachlos.“

Wer weiß, wie weit Paul früher gekommen wäre

Nicht lange. Er hörte Ludwig von Mises in Houston bei einem Vortrag. Wenige Jahre darauf dinierte er mit Friedrich Hayek und wurde ein Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Es begann ein einsamer Kampf gegen einen metastasierenden Staat.

Die Zeiten waren meist gegen ihn, die Apokalypse schien den meisten Amerikanern nicht so unabwendbar, wie der Prophet Ron Paul sie heraufbeschwor. Unter Jimmy Carter musste er sich bestätigt fühlen, unter Reagans „Morning in America“ weniger.

1988 kandidierte er für die Präsidentschaft im Namen der „Libertarian Party“, zehn Jahre darauf kaum erfolgreicher bei den Republikanern. Wäre die Lehman-Pleite früher gekommen, hätte der Finanzkollaps ihm früher recht gegeben, wer weiß, wie weit Paul gekommen wäre.

2012 ist sein Jahr. Danach, deutet er an, zieht er sich in seinen Garten zurück und lässt seinen Sohn Rand Paul die Bewegung führen. Der Senator von Kentucky ist die Hoffnung der Tea Party, so wie sein Vater ihr intellektueller Vater war.

Redet sich Paul selbst aus dem Rennen?

Rand Paul gibt sich weniger radikal und ist deshalb einerseits wählbar, aber andererseits auch den Puristen verdächtig. Er hat nicht die schalkhafte Wärme des Alten.

Das Establishment der Republikaner hofft darauf, dass Ron Paul seinem Sohn zuliebe auf eine Rebellen-Kandidatur für eine dritte Partei verzichtet, falls er Mitt Romney im Rennen um die Kandidatur bei den Republikanern unterliegen sollte. Denn das hat die Partei schon einmal ein Präsidentenamt gekostet, als Ross Perot 1992 Bush, dem Älteren, die Wiederwahl vermasselte. Nie wieder, schwören sie.

Es könnte sein, dass Paul, der nirgendwo in seiner Partei über 30 Prozent kommt, sich selbst aus dem Rennen redet. Wenn er dem Iran die Atombombe und womöglich die Straße von Hormus überlassen will, wenn er alle US-Truppen in die Heimat zurückziehen, aus Nato und UN austreten, Israel im Notfall sich selbst überlassen will, wird sich auch unter manchen jungen Idealisten Unbehagen regen.

Erst recht, wenn seine alten Newsletter aus den 80er- und 90er-Jahren, die in seinem Namen an Wähler gingen und rassistische, homophobe, antisemitische Tiraden verbreiteten, ernst genommen würden.

Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate?

Er habe das Zeug nicht geschrieben, kaum je gelesen und vertrete bekanntermaßen nicht solche Ansichten, sagt Paul heute. In den Pamphleten wird Martin Luther King als kommunistischer Schänder von kleinen Mädchen und Jungen diffamiert, es werden Ratschläge gegeben, wie man mit einer unregistrierten Waffe auf schwarze Räuber feuert, ohne gefasst zu werden.

Einmal heißt es, 95 Prozent der Schwarzen in Washington seien „halbwegs oder ganz kriminell“. Noch 1996 hat Paul eingeräumt, dass die Zitate akkurat waren, nur aus dem Zusammenhang gerissen. Er leugnete nicht seine Verantwortung.

Das ist heute anders. Nichts will er von diesem Dreck mehr wissen. Martin Luther King sei einer seiner Helden, seine Botschaft der Gewaltlosigkeit Teil der libertären Lehre. Warum der Abgeordnete dennoch gegen die Einführung von Kings Geburtstag im Januar als Nationalem Feiertag stimmte und auch gegen die Platzierung einer Büste Kings in der Rotunde des Senats, bleibt fragwürdig.

Die „New York Times“ erklärte Ende Dezember Ron Pauls Kandidatur für diskreditiert. Sie stand allein. Seine junge Garde, links wie rechts, glaubt an ihn und sieht nur, was ihr ins Konzept passt.

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