US-Vorwahl in Iowa

Rechts Traktor, links Bagger, dazwischen die Bühne

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Ansgar Graw

Foto: AFP/Reuters/WON

Im bäuerlichen US-Bundesstaat Iowa beginnt traditionell die Vorwahl zur US-Präsidentschaftswahl. Für die drei US-Republikaner hat der Auftakt etwas von Schlussverkauf.

Der Kandidat hat seine Rede kaum beendet und hält noch Hof vor der Bühne, da drängt Tim Westmark Frau und Tochter schon zum Aufbruch. „Kommt, schnell zum Auto, wir fahren zum Nächsten.“

Der letzte Tag des Iowa-Caucus, der ersten Vorwahl zu den Präsidentschaftswahlen im November, hat etwas vom Schlussverkauf. Noch einmal bereisen die sechs aussichtsreichsten republikanischen Anwärter für das Weiße Haus den Bundesstaat im Mittleren Westen, um in der Hauptstadt Des Moines und in Cedar Rapids mit seinen rund 120.000 Einwohnern ebenso wie in kleinen Ortschaften um die Stimmen registrierter Wähler zu werben.

Tim, ein dynamischer Endvierziger, hat gerade den Auftritt von Ron Paul im Atrium eines Hotels am Kirkwood Boulevard verfolgt. Jetzt will er zu Mitt Romney , der im nahen Marion sprechen wird. Am Vormittag war Tim bereits in Walford, um sich Newt Gingrich anzuhören. „Ich habe fast alle Kandidaten zweimal erlebt“, sagt Tim, der draußen auf dem Parkplatz bei eisigen Temperaturen inzwischen in den Jacken- und Hosentaschen nach dem Autoschlüssel fahndet. „Und jetzt habe ich mich wohl entschieden.“

Seit Wochen, zum Teil Monaten ackern die Kandidaten in Iowa, um einen der vorderen Startplätze ins Wahljahr zu bekommen. Der Bundesstaat im amerikanischen Kernland liegt flächenmäßig und mit rund drei Millionen Einwohnern eher in der zweiten Tabellenhälfte.

Sieger von Iowa weit entfernt von Nominierung

Aber hier findet traditionsgemäß der erste Caucus vor jeder Präsidentschaftswahl statt, und das sichert alle vier Jahre nationale wie internationale Aufmerksamkeit. Der Sieger von Iowa ist zwar noch weit entfernt von der Nominierung. Aber er erhält Rückenwind für die nächsten Vorwahlrunden.

„Ich werde wohl für Romney stimmen“, sagt Tim. „Ron Paul ist gut, ich mag seine Ansichten. Aber er würde es nicht schaffen, den Senat von seinen Positionen zu überzeugen.“ Paul, mit 76 Jahren der Senior im Kandidatenfeld, übt mit seinen libertären Ansichten eine besondere Faszination auf junge Wähler auf.

Sie unterstützen in augenfällig großer Zahl die Kampagne des Arztes und Kongressabgeordneten, der gern als Anwalt der jungen Generation auftritt. Paul ist gegen die gewaltige Staatsverschuldung, gegen weitere Kriege, etwa im Iran, und gegen US-Truppen im Ausland, ob in Afghanistan, Korea, Japan oder Deutschland.

Brian Hallsted ist davon angetan. Der 28-Jährige sieht einen Rückzug der USA etwa aus dem Nahen und Mittleren Osten nicht als gefährlich an, selbst dann nicht, wenn der Iran dadurch zur Atommacht würde. Brian, der zu dem mit beeindruckender Perfektion arbeitenden Ron-Paul-Team gehört, argumentiert so, wie es 2008 im Umfeld Barack Obamas klang: „Mit militärischen Mitteln lässt sich eine solche Entwicklung ohnehin nicht stoppen. Man muss miteinander reden.“

Paul steht für "Freiheit und Bürgerrechte"

Sein Mitstreiter Sean Curtin fordert per Schriftzug auf seiner Jacke eine „Revolution“. Es gehe ihm allerdings eher um eine „Restoration“ amerikanischer Werte, versichert der 21-jährige Student auf Nachfrage. Er sei für Paul, weil der „für Freiheit, Bürgerrechte und Frieden“ eintrete.

Paul ging neben Romney und Rick Santorum als einer der Favoriten am Mittwoch in den Caucus. Aber auch Brian und Sean halten seine Nominierung für unwahrscheinlich.

Beide hoffen darum auf Pauls Kandidatur als unabhängiger dritter Bewerber. Würde das nicht Obama in die Hände spielen? Das sei egal, sagt Sean, „denn welcher andere Kandidat auch immer antritt, er wäre nicht wirklich anders als Obama“.

Zwei Stunden vorher war Gingrich mit seinem pompösen Wahlkampfbus in eine perfekte Szenerie eingefahren: rechts ein Traktor, links ein Bagger, dazwischen die kleine Bühne und vor ihr sechs, sieben dicht besetzte Stuhlreihen.

Hier, in einer Lagerhalle im Gewerbegebiet von Cedar Rapids, wartete das bäuerliche und produzierende Amerika, das sich fernab von Ostküsteneliten und Westküstenavantgarde immer noch als Puls der Nation empfindet.

Gingrich holt den größten Beifall

Den rund 150 Zuhörern verspricht Gingrich von der Bühne herab das „Killen“ der Gesundheitsreform des Präsidenten. Das Ende von „Obamacare“ gehört neben Steuersenkungen und weniger Regulierung zum Grundbestand der Wahlversprechen aller republikanischen Kandidaten. Gingrich, der als Sprecher des Repräsentantenhauses Bill Clintons großer Gegenspieler war, holt mit dieser Ankündigung den stärksten Beifall.

Die mit einem Button ihres Kandidaten ausgestattete Cynthia hat sich für Gingrich entschieden. Am Anfang sei sie für Herman Cain gewesen. Der vormalige Pizzaketten-Chef flog aber wegen des Vorwurfs, Frauen sexuell belästigt zu haben, aus dem Rennen.

„Jetzt denke ich, Gingrich hat das richtige Format, um die Dinge in Washington in Ordnung zu bringen“, sagt die Mittfünfzigerin. Dass der lebenslustige Gingrich bereits zum dritten Mal verheiratet ist, stört viele christliche Republikaner vor allem im ländlichen Westen Iowas.

Dort gewann vor vier Jahren der konservative Mike Huckabee den Caucus. Hier, im urbaneren Osten des Bundesstaates, der 2007 Romney wählte, ist man liberaler gestimmt. Auch Cynthia erklärt die Scheidungen zur Privatsache. „Das geht nur ihn und seine Ex-Frauen etwas an.“

"Seine Außenpolitik ist gefährlich"

Der Historiker Gingrich nimmt sich nach der Rede viel Zeit, um Fragen aus dem Publikum zu beantworten und Bücher zu signieren. Auch eine Frage des Korrespondenten wird knapp beantwortet. Sehe er in Obamas Iran-Politik oder in der Gesundheitsreform das größere Verhängnis? Kurzes Nachdenken. „Seine Außenpolitik ist gefährlicher.“

Nun rasch zu Romney, der Unterstützer aus der „Graswurzel-Bewegung“ treffen will, wie es sein Team wissen lässt. Der Begriff erinnert an jenen Zauber, den 2007 und 2008 Obama außerhalb der klassischen Parteireihen entfaltete, als insbesondere Jungwähler, Frauen, Schwarze und Latinos sich politisch engagierten.

Romney setzt nicht auf neue Wählerschichten. Er will die breite Republikanerbasis abholen und darüber hinaus unabhängige Wähler in der Mitte gewinnen, die bei Obama nicht den ökonomischen Aufschwung fanden, den sie erhofften.

Auch Romney kommt im eigenen Bus, auf dem er in kühnen Schriftzügen als „Führungspersönlichkeit“ und „Geschäftsmann“ vorgestellt wird. Dass der 64-Jährige auch Gouverneur von Massachusetts war, ist zum Nachweis von Regierungserfahrung wichtig, steht aber wegen der Politikverdrossenheit der Wähler im Hintergrund.

Romney galt lange als chancenlos

Romney galt im eher konservativen Iowa lange Zeit als chancenlos. Erst in der Woche vor der Entscheidung war er zu einem der Favoriten geworden.

Er bringt seine Familie mit auf die Bühne, seinen Bruder, vier seiner fünf erwachsenen Söhne und Ann, die zwar „wie die jüngste Tochter“ aussehe, aber tatsächlich seit über 40 Jahren seine Frau sei – von so viel heiler Familie mag sich, so die unausgesprochene Botschaft, der Gingrich mal eine Scheibe abschneiden.

Der Auftritt von Romney zieht sich lang hin. Keine Chance, jetzt noch ins 115 Meilen entfernte Altoona zu fahren, um Rick Santorum zu hören oder in Des Moines Michele Bachmann zu treffen. Rick Perry hatte seinen letzten Wahlkampftermin bereits am Nachmittag. Aber die meisten Kandidaten wird man wohl in den kommenden Monaten ohnehin wieder sehen.

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