Nordkorea schwört

"Menschliche Gewehre" verteidigen Kim bis zum Tod

Nordkoreanische Zeitungen veröffentlichen eine martialische Neujahrsbotschaft. Es geht um absolute Loyalität – und die Abschaffung des "Wesensfremden".

Nordkoreas Machteliten der Armee und Partei verlieren keine Zeit, um nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il ihr eigenes Volk und das Ausland davor zu warnen, sich Illusionen oder Hoffnungen auf Reformen unter dem neuen, erst 28-jährigen Führer und Nachfolger Kim Jong-un zu machen.

In einem ungewöhnlich ausführlichen Neujahrskommentar, den die drei wichtigsten Zeitungen des Landes als Leitbotschaft an die Nation zum 1. Januar veröffentlichten, wird Nordkoreas Bevölkerung gleich zweimal zur „Gefolgschaft bis in den Tod“ für den Nachfolger aufgerufen. “Die gesamte Partei, Armee und alle Personen müssen zu menschlichen Bollwerken und Schilden zur Verteidigung des Führers werden.“

Direkt an die 1,1 Millionen Truppen adressiert heißt es an anderer Stelle. „Die gesamten Streitkräfte müssten als menschliche Gewehre und Bomben den Führer bis zum Tod verteidigen.“

Streitkräfte müssen Kim absolut loyal folgen

Die martialische Neujahrsbotschaft spricht die Atomaufrüstung des wirtschaftlich heruntergewirtschaften Staates nicht direkt an. Sie betont aber, es sei „notwendig, die nationalen Verteidigungsmöglichkeiten in jeder Hinsicht zu verstärken.“

Nordkorea hat sich mit zwei unterirdischen Atombombentests seit 2006 außerhalb der Staatengemeinschaft gestellt. Die UN verhängten Sanktionen gegen das Land, denen sich auch der politisch Verbündete China anschloss.

Aus der so wichtigen Neujahrsbotschaft wird kein Signal erkennbar, dass Nordkorea zur Lösung seines Atomstreits bereit ist, wieder zu den Sechs-Parteien-Gesprächen in Peking zurückzukehren und ernsthaft über seine Atomwaffenabrüstung zu verhandeln. Der Kommentar gibt eher ein ganz anderes Bekenntnis ab: Pjöngjang hält an seiner militarisierten Songun-Politik (Militär hat Priorität) als Garant der Macht fest. Die Streitkräfte müssten in absoluter Loyalität, so wie schon zu dem vor zwei Wochen plötzlich gestorbenen Vater, nun auch dem „brillianten neuen Kommandeur“ folgen.

Alles soll beim Alten bleiben

Am Sonnabend war Kim junior vom Politbüro der Nordkoreanischen Arbeiterpartei (WPK) bereits als Oberbefehlshaber der Armee offiziell bestätigt worden. Dabei erfuhr das Volk erstmals, dass der Vater den Sohn in einem Geheimbefehl schon im Oktober zum Armeechef ernannt haben soll. Das Politbüro zeichnete Kim Jong-un, von dem es noch immer keinen amtlichen Lebenslauf gibt, als “alleiniges Zentrum der Einheit, des Zusammenhalts und der Leitung der Partei“ aus. Parolen nennen ihn den „weisen Führer.“

Nach dem Titel des Neujahrskommentar will Nordkorea „2012 zum Jahr des stolzen Sieges und zur Ära der Prosperität machen“, so wie es der verstorbene Diktator zu Lebenszeiten geplant hatte. Mit anderen Worten: Unter der Nachfolge von Kim Junior soll erstmal alles beim Alten bleiben. „Unsere Partei ist felsenfest entschlossen, keine Abweichungen und Konzessionen von den einstigen Instruktionen und der Politik Kim Jong-ils zuzulassen und wird keine Veränderungen erlauben.“

Nordkorea, das sich 2012 auf die Hundertjahrfeiern der Geburt Kim Il-sung vorbereitet, des ersten dynastischen Gründers Nordkoreas, bleibt unter Herrschaft einer sich nun in dritten Generation fortsetzenden sozialistischen Erbmonarchie. Pjöngjang setzt folgerichtig seine Polemik gegen das „Marionettenregime“ Südkoreas und dessen „Verräterpräsident“ Lee Myung-bak fort.

Die Propaganda schießt sich auch wieder auf die USA ein. Solange die „US-Aggressoren“ ihre Truppen in Südkorea unterhielten, seien sie das „Haupthindernis für Frieden auf der geteilten koreanischen Halbinsel“. Seit dem Waffenstillstand des Koreakrieges 1953 stehen die USA mit derzeit 28.500 Mann als Schutzmacht in Südkorea. Erst nach einem Friedensvertrag zwischen Seoul und Pjöngjang könnten sie abziehen.

Der in englischer Übersetzung zwölf Seiten lange Leitartikel zum 1. Januar wurde ohne den sonst üblichen Zeitverzug am Sonntag auf die Webseiten von Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA gestellt und weltweit veröffentlicht. Die neue Führung will ihrer Botschaft schnell Gehör verschaffen. Der Propagandaapparat arbeitet auf Hochtouren.. Er preist den Nachfolger, inzwischen auch auf Briefmarken, als Reinkarnation nordkoreanischer Art an, als „den lieben, respektierten Kim Jong-un, der niemand anders als der große Kim Jong-il ist“.

Auch sonst geht es nach dem Kommentar ebenso wundersam wie widersprüchlich im Notstandsland Nordkorea zu. Vater Kim, dessen Tod der „größte Verlust seit 5000 Jahren ist“, habe aus der Hauptstadt Pjöngjang eine „Weltklasse-Cíty“ gemacht und andere Städte und Gegenden „ in sozialistische Märchenlandschaften“ verwandelt. Nordkorea stehe nun im „heiligen Kampf“, um seine „industrielle Revolution mit einer Wissens-Ökonomie nach eigener Art“ zum Sieg zu führen.

Nur wenige Absätze weiter gesteht der Leitkommentar indes ein, dass „das Nahrungsmittel-Problem derzeit für uns eine brennende Frage ist“. Auch „sollten wir um jeden Preis und mit Priorität das Problem des Energiemangels lösen.“ Nordkorea, das von Chinas Nahrungsmitteln- und Ölölieferungen abhängig ist, wird von einem erneuten Hungerwinter bedroht.

"Wesensfremde Elemente mit der Wurzel ausreißen"

Der Kommentar kündigt zudem verschärfte Repression gegen von außen kommende Konsum- und Lebensart-Einflüsse an. „Wir sollten einen intensiven Kampf führen, um die Manöver der imperialistischen ideologischen und kulturellen Infiltration durch unsere Maßnamen zu frustrieren und alle uns wesensfremden Elemente im Lebensstil mit der Wurzel ausreißen.“ Damit könnte fast nur China gemeint sein, das mehr als 80 Prozent des Handels Nordkoreas monopolisert.

Die Zeichen mehren sich, dass Nordkoreas Machtelite den als "obersten Führer von Partei, Armee und Volk" inthronisierten 28-jährigen Kim auf die Fortsetzung des bisherigen Hardlinerkurs einschwören lässt. Seouls Nordkoreaforscher analysierten die Reden vier höchster Parteipolitiker und Militärs, die vergangene Woche zum Abschluss der Trauerfeiern sprachen. Kim junior selbst sagte nichts.

In ihren Reden wurde am häufigsten (22 Mal) die Songun-Doktrin beschworen, nach der das „Militär Vorrang hat“. 13-mal versicherten die Funktionäre, dass Nordkorea an der „Juche“-Ideologie festhalten wird, ein Begriff für einen aus eigener Kraft verfolgten militärsozialistischen Entwicklungsweg. Bisher verhinderte diese nationale Autarkie-Ideologie, dass das Land etwa dem Vorbild Chinas mit Reformen und Öffnung folgt.

Alleinherrscher Kim junior ist offenbar nur nominell Primus inter Pares in einer Altherrenriege der Macht, spekulieren Südkoreas- und auch Chinas Nordkoreaforscher. Den wichtigsten Hinweis auf die neue innere Führung erhielten sie von der Trauerprozession während der Totenfeier am Donnerstag. Sie identifizierten die sieben Männer, die hinter Sohn Kim Jong-un dem Totenwagen zu Fuß das Geleit gaben, als die künftige Machtriege.

Die graue Eminenz ist der als zweiter hinter Kim junior den Wagen begleitende, 65 Jahre alte Jang Son-teak, ein Onkel Kims. Nächster in der Rangfolge ist der 69-jährige Generalstabschef und Vizemarschall Ri Yong-ho. Er gilt als enger Vertrauter der Kim-Familie. Auch die übrigen fünf Funktionäre, darunter drei Generäle, kontrollieren Schaltstellen der Partei und Armee. Drei der sieben Begleiter von Kim junior waren auch Redner der Trauerveranstaltungen. Hinzu kommt die mächtige Wirtschaftsfunktionärin Kim Kyong-hui, die Schwester des verstorbenen Diktators.

Inmitten von Pjöngjangs neuem Führungskollektiv, dessen Mitglieder zu alt sind, um eigenen Ehrgeiz zu entwickeln, zur Nummer 1 zu werden, soll der Nachfolger in die Macht hineinwachsen. So hofft es zumindest die neue Elite.