Weissrussland

Diese Journalisten schreiben gegen die Diktatur

Journalisten in Weißrussland leben gefährlich. Wer unabhängig berichtet, landet schnell im Gefängnis oder Krankenhaus. Nicht alle lassen sich davon einschüchtern.

Foto: Gerhard Gnauck

Michal Jantschuk ist erleichtert. Auch an diesem Morgen findet er seinen Arbeitsplatz so vor, wie er ihn tags zuvor verlassen hat. Er stellt seine Tasche ab und setzt Teewasser auf. „Wenn die nächste Krise kommt, und das passiert in Weißrussland etwa einmal im Jahr, müssen wir wieder umziehen.“

Der letzte Umzug war zu Beginn dieses Jahres. Zuvor hatten die Männer von der Staatssicherheit (sie heißt hier immer noch KGB) nachts die Tür aufgesägt, Materialien beschlagnahmt, danach die Tür versiegelt und dem Mieter Hausverbot erteilt. Die letzte Krise: Sie hatte begonnen, als am Tag der Präsidentenwahl am 19. Dezember 2010 die Behörden mehrere Kandidaten krankenhausreif schlagen und ins Gefängnis werfen ließen.

Begriff Studio ist etwas irreführend

Aber heute ist ein ganz normaler Tag in Minsk, und selbst im Hauptstadtstudio eines recht ungewöhnlichen Fernsehsenders wie Belsat herrscht Routine. Wobei der Begriff Studio etwas irreführend ist: Es befindet sich in einem unscheinbaren Wohnhaus in einer Dreizimmerwohnung mit Küche, keine riesigen Apparaturen stehen hier, dafür eine Couchgarnitur und ein paar Laptops. Unter den Händen dreier junger Journalistinnen klackern die Tasten.

Belsat ist ein von Weißrussen betriebenes und vom Staat unabhängiges Fernsehen, das von Polen aus über Satellit sendet. Etwa 40 Mitarbeiter hat der Sender im Land. Sie alle, so heißt es in der Redaktion in Warschau, hatten bereits Kontakt mit der Staatsgewalt: Festnahmen, Verhöre, vom Gericht verhängte Strafen. Mehrfach wurden Kameras und Laptops konfisziert. Selbstverständlich darf der Sender die Übertragungswege des Staatsfernsehens nicht nutzen.

„Wir senden unsere Aufnahmen von maximal zwei Minuten Länge als komprimierte Videodateien nach Warschau“, erläutert Jantschuk. „Vor fünf Jahren war das ein großes Problem, inzwischen geht es.“ Die Übertragung einer Datei dauere eine bis anderthalb Stunden. „Aber immerhin, so können wir täglich unsere vier Nachrichtensendungen bestücken.“

Der 38 Jahre alte Jantschuk, der in Polen studiert hat und fließend Englisch spricht, sieht aber auch Vorteile. „Gegen Satellitenfernsehen ist kein Kraut gewachsen. Störsender können uns nicht behindern. Und die Zahl der Antennenbesitzer wächst. 2007, als wir auf Sendung gingen, waren es sieben Prozent, jetzt sind es 20 Prozent der Haushalte.“

Bei einem Durchschnittsverdienst von umgerechnet etwa 230 Euro ist eine Satellitenschüssel für gut 150 Euro sehr teuer. Aber man sieht viele Schüsseln auf Dächern und Balkonen, nicht nur in Minsk. Vor ein paar Jahren versuchten die Behörden, die Antennenflut einzudämmen. Bald gaben sie es auf.

Belsat finanziert sich aus Mitteln der Regierungen Polens und Schwedens und nutzt in Warschau Räume und Technik des polnischen Fernsehens; dort ist der sogenannte Uplink, die Abschussrampe zum Satelliten. Jantschuk, der Bürochef in Minsk, hat eine Mission: „Wenn die Bürger keine unabhängigen Informationen haben, ist alles verloren. Wir wollen zeigen: Es gibt ein anderes Weißrussland, und wir hoffen, dass es eines Tages unter dem Eis hervorkommen kann.“ Lukaschenko hat die Existenz von Belsat inzwischen zur Kenntnis genommen und auf seine Weise kommentiert: „Ich gucke diesen Sender nicht.“

Der Lebensweg von Aljaksander Ulizionok, Jahrgang 1954, verlief ganz anders als der seines jüngeren Kollegen. Er war in den letzten Jahren der Sowjetunion Korrespondent der Moskauer „Prawda“ in Weißrussland. Korrespondent des Zentralorgans, das bedeutete unter anderem eine große Wohnung im Zentrum von Minsk – er bewohnt sie bis heute.

Mit Wehmut denkt er an seine Arbeit für die „Prawda“ zurück: „Ich bin stolz auf diese Zeit, ich habe damals viel gelernt.“ Er schrieb für die Zeitung den ersten großen Text über die Auswirkungen von Tschernobyl in Weißrussland. Wann das war? Zwei Jahre nach der Explosion, erzählt er, also 1988. Erst damals hatten Gorbatschows Perestrojka und Glasnost richtig begonnen.

Nach dem Ende des alten Systems nutzten Ulizjonok und zwei Freunde ihre Beziehungen und gründeten eine Zeitung, deren Verleger und Redakteure sie bis heute sind: „Swobodnyje Nowosti“ (Freie Nachrichten). Die Auflage erreichte bald 100.000 Exemplare. „Wir haben uns damals in Zentrumsnähe ein zweistöckiges Redaktionsgebäude errichtet und an die 40 Personen beschäftigt“, erzählt Ulizjonok.

"Niemand weiß mehr, ob er reich ist oder arm"

Aber 1994 kam Präsident Lukaschenko. Beim ersten Mal noch demokratisch gewählt, wurde sein Regime immer autoritärer. Wer heute die Redaktion der „Swobodnyje Nowosti“ sucht, muss deshalb an den Stadtrand fahren, in die Jakubowa-Straße, dann in einem Wohnblock mit dem Fahrstuhl in den 15. Stock und das eine Zimmer aufsuchen, in dem die verbliebenen fünf Mitarbeiter die Zeitung machen.

25 Quadratmeter haben sie, den Korridor mitgerechnet. Ein Redakteur verdient hier, grob gerechnet, etwa 200 Euro im Monat. „Aber rechnen Sie vorsichtig“, lacht Ulizjonok, „der Kurs ändert sich fast stündlich. Es ist Wahnsinn, wie Anfang der Neunzigerjahre, das totale Chaos. Niemand weiß mehr, ob er reich ist oder arm.“

Dreimal wurde die Wochenzeitung, Trägerin des Buceriuspreises der „Zeit“-Stiftung, verboten und neu gegründet. Sie wurde aus dem Postvertrieb verdrängt, ist nur noch am Kiosk erhältlich. Dem Staat ist jede Schikane recht. Die regierungsnahen Blätter, rechnet Ulizjonok vor, bekommen ihr Papier fast um die Hälfte billiger als die unabhängigen.

So liegt die Auflage heute bei 31.000. Aber die gehen am Kiosk alle weg. Dann benutzt Ulizjonok ein Wort, das man anderswo immer seltener hört: Informationshunger. „Sogar die Rentner sind hungrig, sie wollen wissen, was los ist, sie legen zusammen und kaufen eine Zeitung.“

Probleme mit dem Papierpreis sind Iryna Widanawa fremd, sie setzt aufs Internet. 33 Jahre alt ist sie, eine filigrane Person in einem roten Rollkragenpulli. Iryna hatte vorgeschlagen, sich im „Newton“ zu treffen, einem sehr angesagten Café in einem ehemaligen Fabrikgebäude aus der Zarenzeit. Für Minsk ein neuer, ungewöhnlicher Ort. Vor dem Nachbargebäude steht immer noch eine Lenin-Büste.

Iryna bestellt ein für Weißrussland absolut exotisches Getränk: Latte macchiato. Angefangen hatte sie mit einer Studentenzeitung, bis eines Tages die Auflage vom KGB beschlagnahmt wurde. Seitdem sind sie und ihre Truppe online und „andergraund“, wie man in Weißrussland sagt.

Iryna klappt ihren Laptop auf und klickt sich durch die Internetzeitschrift, die sie redigiert. Sie heißt „34mag.net“ – ein Hinweis auf Artikel 34 der Verfassung, der umschreibt, dass in Weißrussland Informationsfreiheit herrscht.

Mehr Leser als es auf Papier je möglich wäre

„Unpolitisches Andergraund-Multimedia-Projekt“ nennt sich Irynas Magazin. Die Frau klickt und klickt und erzählt. Was auf dem Schirm erscheint, ist eine Art Stadtmagazin, aber mit Tiefgang. Ein bekannter Fotograf, ein Musiker, ein gerade freigelassener politischer Häftling, alles Leute unter 30, erzählen in Videoclips über ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Träume.

Veranstaltungen werden angekündigt, ein neuer Musikklub vorgestellt. Inzwischen hat auch ein Schriftsteller sein neues Buch auf „34mag.net“ online gestellt, „der erste Fall von E-Publishing in Weißrussland“, erzählt Iryna stolz. Auf diese Weise habe der Autor mehr Leser erreicht, als es auf Papier je möglich gewesen wäre.

1500 Leser pro Tag

Irynas Vater ist Historiker, hat über die Verbrechen der Sowjetzeit gearbeitet. Auch sie hat Geschichte studiert und dann in Amerika noch einen Master in Public Policy draufgesetzt. Jetzt ist sie zurück in ihrer Heimat. Warum? „Ich will, dass unsere Generation an Veränderungen mitwirkt.

Unsere Eltern haben es versucht und sind gescheitert. Aber es ist interessant, dieses Online-Magazin zu machen, paar Schritte vor den anderen zu sein und zu sehen, dass man dieses System überwinden kann.“

Kann man wirklich? Man kann, da ist sich Iryna sicher: „Unser Magazin hat im Durchschnitt 1500 Leser pro Tag. Auf Facebook haben wir 2700 Freunde. Das ist noch nicht viel. Aber die zehn beliebtesten unabhängigen Internetseiten haben zusammen so viele Leser pro Tag, wie das erste staatliche Fernsehprogramm Zuschauer hat – etwa 800.000.“