US-Wahlkampf

Mitt Romney und das Misstrauen gegen Mormonen

Mitt Romney gilt neben Newt Gingrich als aussichtsreichster Bewerber der Republikaner für die US-Präsidentschaftswahl. Doch sein Glauben könnte zum Bumerang werden.

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/EPA

Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei von acht Bewerbern um die republikanische Nominierung zur Präsidentschaft einer Kirche angehören, zu der sich nur 1,5 Prozent der Amerikaner bekennen, muss abenteuerlich gering sein.

Also dürfen sich Mitt Romney (64) und Jon Huntsman (51) als Ausnahmepolitiker in einem Ausnahmejahr begreifen. Romney, der frühere konservative Gouverneur im linksliberalen Massachusetts, und Huntsman, zweifacher linksliberaler Gouverneur im konservativen Utah, sind Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, kürzer LDS, oder auch Mormonen-Kirche genannt.

Zwischen Romney und der Nominierung steht, wie es scheint, nur noch Newt Gingrich; Jon Huntsman kommt nicht über fünf Prozent hinaus. Wären die beiden Juden, zumal orthodoxe Juden wie Joe Lieberman, der 2000 zusammen mit Al Gore vor dem Supreme Court gegen Bush/Cheney unterlag, das Thema wöge schwer. Aber Amerika hätte eine Ahnung.

Mehr als die Hälfte der Amerikaner geben zu, von den Mormonen wenig bis nichts zu wissen. Das muss kein Vorteil sein. Die Lehre, die Leo Tolstoi respektvoll „die amerikanische Religion“ nannte, die ihm behage, weil sie aus der Erde gegraben statt vom Himmel gefallen sei, wird von Christen nicht als christlich anerkannt.

Alles Prahlerische liegt ihren Gläubigern fern

Manche sagen, sie habe mit dem Christentum nicht mehr zu tun als der islamische Prophet Mohammed. Schon weil es keinen einen Gott, den Schöpfer, gibt, sondern mehrere Götter. Gott selbst war einmal Mensch, und jeder Gläubige kann Gott werden.

Was der Prophet und Gründer Joseph Smith in den 1830er-Jahren aus dem Boden grub, angeblich goldene Offenbarungstafeln, wurde zur Vorlage des Buchs Mormon, einer von drei heiligen Schriften neben der Bibel. Die Unterschiede in der Doktrin sind unversöhnlich. Was nicht heißt, dass die LDS nicht anständige, bildungshungrige, fleißige Menschen sind.

Mancher sagt ihnen eine Blüte voraus, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg den lange in Amerika diskriminierten Juden gelang. Doch es sind nie die Mormonen selbst; alles Prahlerische liegt ihren Gläubigen fern. Allerdings rechnet es zu den LDS-Tabus, Ungläubige in die Tempel zu lassen. Würde Mitt Romney Präsident, müsste er Exerzitien und Geheimnisse aus den Tempeln vor 98,5 Prozent der Amerikaner bewahren. Eine etwas sonderbare Aussicht.

Umfragen vom Juni dieses Jahres ergaben immerhin 22 Prozent der Wähler, die nicht für einen Mormonen stimmen wollten. Eine Erhebung der Pew-Stiftung von Ende November kam zu dem Ergebnis, dass 88 Prozent der Wähler, die für die Republikaner stimmen oder ihnen zuneigen, entweder nichts von dem LDS-Hintergrund Romneys und Huntsmans wissen oder sich daran nicht stören.

Unter Evangelikalen liegt Romney nur bei 17 Prozent

Doch dieses Votum der Toleranz führt in die Irre. Denn die eifrige, fromme, nie ermüdende Avantgarde der Parteibasis setzt sich zu einem großen Teil aus Mitgliedern der evangelikalen Rechten zusammen. Und dort gilt die LDS als Kult, dem nicht zu trauen ist.

Unter Evangelikalen liegt Romney nur bei 17 Prozent, er ist alles andere als erste Wahl. Erst wenn er nominiert würde und gegen Obama ins Feld zöge, würden sie alle Zweifel fahren lassen. Obama ist der Satan selbst, um ihn aus dem Weißen Haus zu jagen, würden sie sich mit islamischen Fundamentalisten verbünden.

Bei Umfragen zum Mormonentum spielt Jon Huntsman keine Rolle. Seine Todsünde für die Parteibasis ist offenkundig und nicht zu sühnen: Mitten in seiner zweiten Amtszeit 2009 ließ er sich von Präsident Obama zum Botschafter in Peking bestellen.

Der elegante, fremdsprachenkundige Mann hatte Mandarin während seiner Missionszeit in China gelernt. Erst als Huntsman, sehr spät, seine Kandidatur verkündete, trat er von dem Posten ab. Also hat er mit dem Feind Obama fraternisiert, ihn gestärkt. In linksliberalen Kreisen in Utah – auch die gibt es, zumal im als linkem Sündenpfuhl verschrienen Salt Lake City – ist Huntsman der Favorit. Nicht wenige Kolumnisten, die den Demokraten zuneigen, mögen und schätzen Huntsman, wenn auch nur heimlich.

Das Geld von LDS-Spendern fließt in Romneys Kassen

Nicht heimlich genug, um ihn wählbar für die Vorwahlen seiner eigenen Partei zu machen. Es heißt, gerade die jüdischen Wähler in Utah schätzten ihn, weil er seine LDS-Mitgliedschaft locker sehe: Er sei ein „Jack Mormon“, so nennt man Leute, die der LDS nur dem Namen nach angehören und viel zu weltläufig sind, die tumbe America-first-and-only-Weltsicht der Gingrich, Bachman, Perry zu teilen.

Dennoch: Das Geld von LDS-Spendern in Utah fließt in Mitt Romneys Kassen. Er stieg in der LDS-Laien-Hierarchie zwischen 1981 und 1994 steil auf; bis zum „Stake President“ von Boston, einem Bischof vergleichbar. Die Kirche steht Romney viel näher, das ist klar, doch nach außen achtet die LDS streng auf Neutralität. Ihre Mission (und ihren steuerbefreiten Status) zu gefährden, um Kandidaten zu helfen, wäre zu töricht.

„Vielleicht läuft sich Jon Huntsman nur warm für 2016“, vermutet Christopher Karpowitz, Politologe an der Brigham-Young-Universität in Provo, eine Autobahnstunde südlich von Salt Lake City. „Oder er will sich (unter einem Präsidenten Gingrich oder Romney) für ein hohes außenpolitisches Amt empfehlen.“

Jedenfalls, pflichtet ihm sein Fachkollege Kelly Patterson bei, hat Huntsman seine Kandidatur zu spät und mit zu wenig Geld begonnen. Die besten Wahlkampfspezialisten, die verlässlichsten Anhänger und spendabelsten Spender hatte Romney sich schon bei seiner ersten Kandidatur 2007 gesichert. „Im Grunde“, sagt Patterson, „hat Mitt Romney mit dem Wahlkampf nie aufgehört.“

Mormonen glauben nicht an den Schöpfer

Die Gesschichte der LDS ist so wechselhaft wie jene Utahs: Die Mormonen waren einst für Roosevelts New Deal, selbst für Lyndon Johnsons Bürgerrechtsgesetze, dann zogen sie mit Reagan an die Front des Kulturkriegs und kehrten nie zurück.

Wider die Abtreibung, die Schwulenehe, nur nicht gegen den Darwinismus. Mormonen glauben nicht an den Schöpfer. Und sie sind zu gebildet, die Erde zu verflachen. Christopher Karpowitz und Kelly Patterson schwören, dass die LDS sich niemals in Forschung und Lehre an der Universität einzumischen versuche.

„Ich wäre sehr besorgt, wenn sie es versuchte“, sagt Karpowitz, „wahr ist nur, dass die Universität die spirituelle Seite der Studenten ermutigt, nicht leugnet wie vielleicht an einer staatlichen Uni.“

Im Jahr 1960 trat der frisch nominierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten in Houston vor ein Publikum von protestantischen Pastoren, die gegen seine Wahl predigten: John F. Kennedy, katholisch, alles andere als ein treuer Kirchgänger, versicherte den Herren, dass er als Präsident nie Befehle des Papstes entgegennehmen würde. Er wurde der erste Nichtprotestant im Weißen Haus.

Romney wollte seine religiöse Harmlosigkeit beweisen

Im Dezember 2007 pilgerte Mitt Romney an eine texanische Universität, um seinerseits religiöse Harmlosigkeit zu beweisen. Oder, wie manche LDS-Gläubige fanden, zu Kreuze zu kriechen. Er tat es. Es half nichts, nominiert wurde John McCain. Und das Licht der Medien auf das Mormonentum erlosch.

Es wird umso greller blenden, falls Mitt Romney die Nominierung erringt. Er wird viele Fragen zu seiner Kirche und seinem Glauben beantworten müssen. Das Land, in dem sich 85 Prozent als Christen bekennen und das vier Pfarrerssöhne zu Präsidenten wählte, wird sich nicht mit Ausflüchten begnügen.

Im Jahr 2000 hatte es die Wahl zwischen einem wiedergeborenen Methodisten aus Texas, der Jesus zu seinem „liebsten politischen Philosophen“ kürte, und einem Südstaaten-Baptisten aus Tennessee, dessen Leitmotiv „WWJD“ („Was würde Jesus tun?“) lautete.

Barack Obama gilt gerade jenen gottesfürchtigen Evangelikalen als getarnter Muslim, die auch dem Mormonen Mitt Romney misstrauen. Ein Duell zwischen den Ungläubigen könnte neue Maßstäbe im US-Wahlkampf setzen.