TV-Debatte

Die Atombombe für den Iran? Nicht gefährlich!

Es war die letzte TV-Debatte der US-Republikaner vor Beginn der Vorwahlen. Beim Thema Außenpolitik kam es zu eher unamerikanischen Äußerungen.

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„Dies hier sind alles meine Freunde“, tönte Newt Gingrich zum Ende der Debatte und deutete ein beidarmiges Herzen der neben ihm im Podium stehenden Konkurrenten um die republikanische Präsidentschaftskandidatur an. Sie seien „allesamt besser als Barack Obama“.

Das Ende des Kürlaufs

Da war er wieder, der freundliche Gingrich, der über keinen Parteifreund etwas Böses sagen mag. Die letzte TV-Debatte vor dem Beginn der Vorwahlen, gewissermaßen das Ende des Kürlaufs vor dem Auftakt zur Pflicht am 3. Januar in Iowa, hat noch einmal deutlich gemacht, in welcher Disziplin die einzelnen Bewerber vorne liegen.

Also: Gingrich, einst Sprecher des Repräsentantenhauses, ist der Ausgleichendste . Rick Perry, Gouverneur von Texas, der Witzigste. Michele Bachmann, Abgeordnete aus Minnesota, die Aggressivste. Ron Paul, der libertäre Texaner, der Querigste. Jon Huntsman, Barack Obamas Ex-Botschafter in Peking, der Seriöseste. Rick Santorum, einst Senator für Pennsylvania, der Nebensächlichste. Und Mitt Romney, der Ex-Gouverneur von Massachusetts, der Lächelndste.

Dabei hatte Gingrich alles andere als einen leichten Stand. Der derzeit in den Umfragen führende Republikaner wurde attackiert von den Mitbewerbern, die sich nicht unbedingt als seine Freunde zu erkennen gaben, und von den beiden Moderatoren des konservativen Kabelsenders Fox-News, der die Debatte aus Sioux City in Iowa live übertrug.

Lobbyisten-Vorwurf an Gingrich

Gingrich habe 1,6 Millionen Dollar an Honoraren von Freddie Mac, der mit Steuergeldern arbeitenden Hypothekenbank, und vom Konkurrenten Fannie Mae erhalten, ätzte etwa Bachmann. Sie sei schockiert, dass er die beiden Kreditgiganten, die zu den Opfern wie Tätern der seit 2008 währenden Immobilienkrise gerechnet werden dürfen, immer noch verteidige.

Er habe nie als Lobbyist für Freddie Mac gearbeitet, widersprach Gingrich. Schon seit Wochen tingelt der Geschichtswissenschaftler und Autor Dutzender Bücher mit der Darstellung durchs Land, er sei von den Bankern ausschließlich als Historiker bezahlt worden.

Was Bachmann in der Fernsehdebatte zu der Entgegnung veranlasste, man müsse nicht „unter die technische Definition eines Lobbyisten fallen, um Einfluss zu verkaufen“.

Romney sei kein echter Konservativer

Romney hingegen musste sich die gewohnten Vorwürfe gefallen lassen, er sei kein echter Konservativer und ändere immer wieder, je nach Publikum und Anlass, seine Meinung zu Themen wie Schwulenrechte und Abtreibung.

Jein, antwortete Romney. Er sei weiterhin gegen die Diskriminierung von Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung, aber er habe sich immer gegen die Anerkennung der Homosexuellen-Ehe ausgesprochen. Zur Abtreibung, ja, da habe er seine Meinung geändert und sei vom einstigen Befürworter der Entscheidungsfreiheit der Frau zum Schwangerschaftsabbruch innerhalb der gesetzlichen Grenzen zum bedingungslosen Anwalt des ungeborenen Lebens geworden.

Und um weitere Fragen nach seiner an der Republikaner-Basis als zu liberal geltenden Agenda zu vermeiden, griff Romney lieber Barack Obama an. Der Präsident sehe ein „post-amerikanisches Jahrhundert“ kommen. Er, Romney, werde als Präsident sicherstellen, dass Amerika der Führer der freien Welt bleibt, „und die freie Welt muss die gesamte Welt führen“.

Lange Zeit unkaputtbar gewirkt

Romney hatte seit dem Beginn des Debatten-Marathons am 5. Mai in Greenville (South Carolina) lange Zeit unkaputtbar gewirkt. Neben ihm tauchten andere Favoriten auf, die aber nach wenigen Wochen einbrachen: Bachmann beispielsweise, die Ikone der Tea-Party-Bewegung. Danach Perry, der in einer Debatte leider nicht bis drei zählen konnte.

Schließlich Herman Cain, der ehemalige Chef einer Pizzakette, der aus der Kurve flog , nachdem ihm mehrere Frauen sexuelle Zudringlichkeiten vorgeworfen hatten.

Und jetzt plötzlich liegt Gingrich vorne, der doch in den ersten Monaten des Kandidatenrennens wie der letzte Dinosaurier wirkte, der den Kometeneinschlag verschlafen hat.

Provokant milder Selbstspott

Aus der Defensive heraus hatte Romney am Tag vor der TV-Debatte Gingrich als „clownesk“ bezeichnet. Vielleicht wollte er den Konkurrenten aus der Reserve locken. Aber Gingrich reagierte mit provokant mildem Selbstspott, als er Romneys Schmähung aufgriff und sagte, er hoffe jetzt nicht „clownesk“ zu wirken.

Und dann lobte er Romney gar, sowohl in der Debatte wie auch nach deren Ende, als er generös urteilte, aus seiner Sicht gehe diese Runde an den Ex-Gouverneur.

Ron Paul ist der amerikanischste aller Amerikaner, wenn es um die Freiheit des Individuums und der Wirtschaft und das Vertrauen auf die eigenen Kräfte geht. Aber er wirkt gänzlich unamerikanisch, wenn er die Rüstung der USA kritisiert, den Pentagon-Etat halbieren will und die Außenpolitik Washingtons so geißelt, wie man es sonst nur aus der Occupy-Wallstreet-Szene kennt. Die Atombombe für den Iran? Nicht gefährlich!

Viel gefährlicher sei ein „überreagierender Präsident“ im Weißen Haus. Man müsse für das Streben Teherans angesichts seiner geopolitischen Situation Verständnis haben, sagte Paul. Einem Staat mit Atomwaffen bringe man Respekt entgegen. Wie sei es schließlich mit Libyen gewesen?

„Wir haben mit denen geredet, wir haben denen Nuklearwaffen ausgeredet, und dann haben wir sie gekillt“, sagte Paul mit Blick auf das Schicksal von Diktator Muamar al-Gaddafi.

Huntsmans Außenpolitik – "Economy first"

Rick Santorum grätschte dazwischen. Der Iran führe seit der Botschaftsbesetzung 1979 Krieg gegen die USA, und darum sollte man Teheran klar sagen: „Wenn ihr nicht eure Nuklear-Anlagen schließt, werden wir das tun.“

Santorum hatte auch noch eine andere hübsche Formulierung parat. 2008 sei dem Volk eingeredet worden, „es brauche einen Präsidenten, an den es glauben könne – aber tatsächlich braucht Amerika einen Präsidenten, der an das Volk glaubt“.

Der amerikanischen Außenpolitik würde Huntsman einen neuen Fokus verpassen. „Economy first“, zuerst die Wirtschaft! Der einstige Botschafter von Utah machte das deutlich am Beispiel Afghanistan.

Aus der Botschaft in Peking, „der zweitgrößten Botschaft der USA weltweit“, habe er beobachten müssen, wie bis zu 100.000 Soldaten an den Hindukusch geschickt worden, „während China zur gleichen Zeit dort die Verträge für die Rohstoffvorkommen abschloss“.

Nachlässig gesicherte Grenze zu Mexiko

Auch Huntsman ritt die eine oder andere Attacke gegen die Regierung. Aber er erreicht die Wutbürger nicht, wenn er Obama vorwirft, die US-Wirtschaft ruiniert zu haben – und daraus schlussfolgert, wegen der gesunkenen Attraktivität der USA sei die Zahl der illegalen Einwanderer auf dem tiefsten Punkt seit 40 Jahren.

Romneys Versprechen, er werde durch die Einführung von Sozialversicherungsausweisen im Scheckkartenformat die illegale Zuwanderung bekämpfen, dürfte an der Basis mehr Applaus finden.

Und möglicherweise auch Perrys alarmistische Warnung, die USA seien gefährdet, weil aus Mexiko heraus nicht nur Drogenhändler, sondern auch „Venezuela, Hisbollah und Hamas“ über die viel zu nachlässig gesicherte Grenze in die USA hinein agierten.

Von Lincoln bis zum Quarterback der Denver Broncos

Wie sich Horizonte doch unterscheiden! Während Gingrich die Großen der Geschichte wie Thomas Jefferson, Abraham Lincoln, Franklin D. Roosevelt und Ronald Reagan so geläufig zitierte, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis auch er ins Pantheon der Unvergesslichen einziehe, hielt es Perry eine deutliche Prise volkstümlicher. Er verglich sich mit Tim Tebow, dem Quarterback der Denver Broncos.

So wie der Football-Spieler lange Zeit unterschätzt worden war und nun zum Superstar der Liga aufgestiegen sei, werde auch er derzeit unter Wert gehandelt. „Ich hoffe, ich bin der Tim Tebow des Iowa-Caucus“, formulierte ein fröhlich grinsender Perry sein Ziel für die Vorwahl in drei Wochen.

Übrigens: Auch dem friedlichsten Zeitgenossen platzt mal der Kragen: „Manchmal hält sich die Abgeordnete Bachmann nicht korrekt an die Fakten“, giftete Gingrich gleich zweimal, nachdem ihn die einzige Frau im Bewerberfeld wieder einmal attackiert hatte. Das ließ Bachmann nicht auf sich sitzen. „Ich bin eine ernsthafte Kandidatin für die amerikanische Präsidentschaft und meine Fakten sind korrekt“, beharrte sie.

Gingrichs Position geschwächt

Diese Gegenwehr dürfte Gingrich weniger schmerzen als die Nachricht kurz nach Ende der Debatte, dass Nikki Haley, die Gouverneurin von South Carolina, sich an die Seite von Mitt Romney stellt.

Haley hatte als Kandidatin der Tea Party das republikanische Establishment in South Carolina durcheinandergewirbelt. Der seine konservative Gesinnung unablässig betonende Gingrich warb hinter den Kulissen um ihre Fürsprache. Dass die Gouverneurin nun jedoch den mutmaßlich auch für unabhängige Wähler in der Mitte akzeptablen Romney stützt, schwächt Gingrichs Position.

Aber die Vorwahlen haben ja noch nicht einmal angefangen. Und im Grunde sind alle Kandidaten untereinander Freund. Sagt Gingrich.