Proteste in Ägypten

"Das sind Sadisten, die Frauen quälen"

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Dietrich Alexander

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Speerspitze der Proteste in Ägypten ist nun weiblich. Die Armee bekommt die grenzenlose Wut der Frauen über systematische sexuelle Gewalt zu spüren.

"Freiheit!", rufen sie. Immer wieder: "Freiheit!" Tausende, erneut in Ägypten, wo die Revolution am ersten Weihnachtstag elf Monate alt wird. Es sind diesmal fast ausschließlich Frauen, die ihre Empörung durch die Innenstadt von Kairo schreien.

Die Bilder einer halb nackten, geschundenen Frau treibt sie auf die Straßen. Azza, wie die junge Frau heißt, wird von Soldaten mitgeschleift, entblößt, getreten und geschlagen. Ein Videomitschnitt dieser ebenso entwürdigenden wie entlarvenden Szene hat es zur Weltkarriere in den sozialen Netzwerken gebracht.

Azza wird in einem Rehabilitationszentrum behandelt. Sie möchte aus Scham ihre Identität nicht preisgeben, berichten ihre Freunde in ägyptischen Medien. Azza hat dennoch dieser unvollendeten Revolution wenn schon kein Gesicht so doch einen neuen Impuls gegeben, der sich aus grenzenloser Wut speist und enorme, vornehmlich weibliche Kräfte freisetzt.

"Stoppt die Gewalt!"

"Seit er die Macht übernommen hat, bemüht sich der Militärrat, Frauen daran zu hindern, die Zukunft Ägyptens nach dem Sturz von Präsident Husni Mubarak mitzuformen", sagt die Aktivistin Reem al-Chafesch. Das Militär habe im vergangenen März sogar versucht, Mädchen durch "Jungfrauentests" zu entwürdigen. Es reicht.

"Stoppt die Gewalt!", rufen die ägyptischen Frauen aller Altersklassen und sozialen Schichten. "Ihr könnt uns nicht demütigen. Die Töchter Ägyptens sind eine rote Linie." Eine rote Linie, die das Militär mit seinen Übergriffen überschritten und den Obersten Militärrat zu einer wenn auch späten Entschuldigung veranlasst hat: "Der Oberste Rat der Streitkräfte drückt den großartigen Frauen Ägyptens sein tiefes Bedauern wegen der Übergriffe aus", zitiert der arabische Sender al-Arabija aus der Erklärung. Die Generäle kündigten an, die für die Gewalttaten Verantwortlichen zu bestrafen.

Soldaten schlagen voll verschleierte Frauen mit Stöcken

Doch das kam zu spät und ist ganz offensichtlich zu wenig. Die Frauen lassen sich nicht besänftigen und erhalten gewichtige Unterstützung: US-Außenministerin Hillary Clinton sagte an der Georgetown-Universität in Washington: "Die systematische Entwürdigung der ägyptischen Frauen entehrt die Revolution, den Staat und das Militär – sie ist eines großen Volkes unwürdig."

Es war das erste Mal, dass sich ein Mitglied der US-Regierung in dieser Schärfe über die neuen Machthaber Ägyptens äußerte. Die USA zahlen Ägypten Militärhilfen von 1,3 Milliarden Dollar im Jahr.

Die kompromittierenden Bilder kratzen stark am Image der grundsätzlich hoch respektierten Streitkräfte. Aufnahmen von Soldaten, die voll verschleierte Frauen durch die Straßen treiben, mit Stöcken schlagen und an den Haaren ziehen, brachte auch konservative und tiefreligiöse Gesellschaftsgruppen gegen das Militär auf. "Sie wollen den Willen der Frauen brechen. Sie wollen sie entehren, damit sie nicht zu den Protesten gehen", sagt die Ingenieurin Maha Abdel Nasser auf dem Tahrir-Platz in der ägyptischen Hauptstadt.

Sexuelle Gewalt soll Frauen von der Straße treiben

Das sieht ihre Leidensgenossin Mona al-Tahawy ganz genauso. Die 43-jährige ägyptische Journalistin mit amerikanischem Pass wurde selbst vor ein paar Wochen Opfer brutaler Gewalt: Die Schergen des Regimes brachen ihr den linken Arm und die rechte Hand und belästigten sie in einem Kairoer Gefängnis sexuell.

Im US-Sender CNN sagte sie zu den schockierenden Videoaufnahmen der entblößten Azza: "Wenn eine Frau in dieser Weise misshandelt und entehrt wird, so ist das Kalkül, dass sie aus Scham und Angst nie mehr auf die Straße geht. Das ist eine Mubarak-Taktik aus dem Jahr 2005."

Systematische sexuelle Gewalt solle die Frauen von der Straße und unter der Knute halten. Doch das Militär unterschätze "den Willen und die Kraft der ägyptischen Frauen".

"Das sind Sadisten, die Frauen quälen"

Die ägyptische Ärztin Nada Scandar hat auf dem Tahrir-Platz eine deutliche Botschaft an die Militärs: "Viele unserer Männer sind zu Hause, weil sie Angst haben vor der Brutalität des Regimes. Doch wir sind keine Feiglinge, wir würden sterben für dieses Land. Wenn wir es jetzt zulassen, dass man uns so behandelt, dann werden sie es immer wieder tun. Wir werden hier in diesem Dritte-Welt-Land als schwaches Geschlecht angesehen. Doch das sind wir nicht."

Die bekannte Fernsehkommentatorin al-Tahawy kann den brutalen Übergriffen gegen die ägyptischen Frauen aber auch etwas Positives abgewinnen. Endlich werde mit der Lüge aufgeräumt, die Soldaten seien die Freunde des Volkes, nur weil sie zu Beginn der Revolution nicht auf die Demonstranten geschossen hätten.

"Das sind nicht unsere Freunde. Es sind Sadisten, die Frauen quälen, um sie stumm zu machen. Ein Teil unserer Revolution ist es, den regierenden Militärs unmissverständlich mitzuteilen, dass unsere Körper uns allein gehören und niemand das Recht hat, uns unsere Würde zu nehmen. Wenn die persönliche Revolution nicht erfolgreich ist, wird es die politische auch nicht sein."

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