Parlamentswahl

Ägypter haben die Wahl zwischen Kopf und Bart

Die ersten Parlamentswahlen in Ägypten gehen in die zweite Phase. Viele Wähler fällen ihre Entscheidung unter religiösen Gesichtspunkten.

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Es ist nicht zu übersehen: In Suez dominieren die Bärte. Schon auf den Straßen sieht man immer mehr Männer mit Haartracht im Gesicht und langen Galabijas am Körper, den traditionellen Gewändern des ägyptischen Landlebens. Auch in den Wahllokalen ist diese Kleidung präsent. Viele der gut 500.000 Einwohner zählenden Stadt sind vom Land zugezogen und haben ihre Traditionen mitgebracht. Die Stadt im Nordosten ist das industrielle Herz Ägyptens. Hier gibt es Arbeit.

„Wählst du Kopf oder Bart“, fragt jemand Rasul, als der das Wahllokal betritt, seinen Ausweis abgibt und die Zettel entgegennimmt, die der Wahlhelfer ihm reicht. Es ist die zweite Etappe der Parlamentswahlen in Ägypten, den ersten Wahlen nach dem Sturz von Diktator Husni Mubarak im Februar. Der seitdem regierende Militärrat lässt die fast 50 Millionen Wahlberechtigten des Nillandes an drei Terminen wählen, jeweils in neun Provinzen.

Während man in den Großstädten Kairo und Alexandria bereits Ende November zu den Urnen schritt, sind jetzt Städte wie Suez dran. Fast 19 Millionen Ägypter sind nun wahlberechtigt, 1,3 Millionen mehr als zuletzt. Das liegt an den drei bevölkerungsreichen Provinzen Scharkia, Ismailia und Menufia im Nildelta, aber auch am größten Verwaltungsbezirk Giseh, wo die Pyramiden liegen.

Klaren Regimewechsel gibt es nur mit islamischen Parteien

„Was meinst du mit Kopf oder Bart“, fragt Rasul seinen Gesprächspartner verdutzt. „Ich meine, ob du für die Islamisten oder die Säkularisten stimmst“, antwortet der. „Ich stimme für die Muslimbrüder. Die haben die Kandidaten, die Allah und die Scharia achten.“

Die Mitglieder der islamistischen Freiheits- und Gerechtigkeitspartei waren unter Mubarak verfolgt, sind nicht Teil des Establishments und frei von Korruptionsvorwürfen. Wolle man einen klaren Regimewechsel, müsse man für sie oder eine andere islamische Partei stimmen, meint auch Rasul. Trotzdem will er nicht, dass nur „die Bärte“ regieren.

Außerdem hätten nicht sie, sondern die jungen Revolutionäre den Umbruch herbeigeführt. Auch Rasul war dabei, als die Proteste losgingen. Die Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften waren in Suez besonders blutig. Auch Rasul hat Schrammen abbekommen.

Heute arbeitet der 25-Jährige in einem Autohaus im Zentrum, das Anfang Februar bei den Ausschreitungen geplündert und angesteckt wurde. Er hat für die Partei Die Revolution geht weiter gestimmt. „Wir müssen weitermachen“, begründet er seine Wahl, „das war erst der Anfang“.

Muslimbrüder und Salafisten liegen vorn

Nach dem überraschend starken Abschneiden der islamischen Parteien in der ersten Wahlrunde, hat sich der Wahlkampf polarisiert. Die gemäßigteren Muslimbrüder und die radikaleren Salafisten konnten zusammen über 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinen.

Erst an dritter Stelle, mit etwas mehr als 13 Prozent, liegt die Allianz für Ägypten, in der säkulare, liberale und linke Parteien sich zusammengeschlossen haben. Seither ist Wahlkampf aggressiver geworden. Vorwürfe, die Islamisten würden mit der Religion auf Stimmenfang gehen, wurden lauter.

Nun verlaufen die Argumente immer mehr entlang religiöser Linien. Die koptische Kirche soll den Christen empfohlen haben, die Partei der Freien Ägypter, zu wählen, deren Mitbegründer der koptische Medien-Tycoon Sawiris ist.

Der dementiert das zwar, doch jeder weiß, dass gerade Christen Angst vor einer Machtübernahme der Islamisten haben. Die wachsende Dominanz der Religion im Wahlkampf ist vor allem für junge Wähler deprimierend. „Wir sollen uns jetzt entscheiden zwischen Gott und der Welt?“, fragt Rasul stellvertretend für viele seiner Altergenossen, die gläubige Muslime sind und trotzdem für eine Trennung von Religion und Staat eintreten.

Arbeiter diskutieren über Lohn statt politischen Weg Ägyptens

Als der Muezzin um kurz vor 12.00 Uhr zum Gebet ruft, sammeln sich Männer und Frauen aus den umliegenden Wahllokalen auf der Straße um ihrer religiösen Pflicht nachzukommen. Während der Revolution haben sie sich 18 Tage lang mehrere Male täglich versammelt um gemeinsam zu beten, so lange, bis Mubarak gestürzt war.

„Es war ein unglaubliches Gefühl“, schwärmt Rasul von jenen Tagen und seine beiden Freunde nicken. „Alle waren gleich, es gab keine sozialen und gesellschaftlichen Barrieren mehr. Plötzlich schien alles machbar.“ Rasul und seine Freunde, die in Kairo studiert haben, verbrüderten sich mit Tagelöhnern und einfachen Arbeitern aus der Raffinerie.

Der Protest gegen den Pharao vereinte alle Kräfte der Gesellschaft. Doch die Glückseligkeit währte nicht lange. Die Arbeiter in den Betrieben wollten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Eine Diskussion über den politischen Weg Ägyptens liegt ihnen fern.

Suez ist Ägyptens wirtschaftliche Hoffnung

Suez ist die derzeit ökonomisch wichtigste Stadt in Ägypten, der Kanal ist Devisenbringer Nummer eins. Seit der Revolution kommen nur noch wenige Touristen ins Pharaonenland. Ausländische Investoren warten weitere Entwicklungen ab. Die Gas-Pipeline, die Jordanien und Israel mit ägyptischem Gas versorgt, wurde durch einen Sabotageakt schwer beschädigt. Schon kündigt die Zentralbank in Kairo an, ihre Devisenreserven zur Deckung von Staatsausgaben zu verwenden.

Wenn die wirtschaftliche Situation so bleibe, könne man ab Februar keine Importe mehr bezahlen. Ägypten ist mit etwa 83 Millionen Einwohnern dringend auf Lebensmittel aus dem Ausland angewiesen. So konzentrieren sich alle Hoffnungen auf Suez, darauf dass genügend Schiffe durch den Kanal fahren, die Erdölraffinerien voll ausgelastet sind und die Industrie produzieren kann. Nach den Streiks der Arbeiter im Frühjahr sind deren Löhne um bis zu 30 Prozent erhöht und einige Werksdirektoren ersetzt worden, die wegen Korruption angeprangert worden waren.

Der Militärrat wollte alles tun, um die Situation in Suez zu befrieden. „Doch was nützen mir 30 Prozent Lohnerhöhung, wenn die Preise ins Unendliche steigen“, kommentiert ein Raffineriearbeiter die Entwicklung der letzten Monate. Es gäbe heute noch mehr Tagelöhner als vorher. Wer einen festen Job hat, könne sich glücklich schätzen. Möglichst viele Arbeiter aus Suez müssten ins Parlament kommen und ihre Interessen vertreten.

Blogger Maikel muss endgültig ins Gefängnis

Das ist auch gut möglich. Denn das Wahlsystem in Ägypten enthält ein Relikt aus der Zeit des Präsidenten Gamal Abdel Nasser und dessen arabischem Sozialismus. Eine Hälfte der Direktmandate sind seit Ende der 50er-Jahre Arbeiter und Bauern vorbehalten, die andere den sogenannten „Fe’at“, Fachleuten. Jeder muss mindestens eine Stimme einem Arbeiter oder Bauern geben. Sonst ist die Wahl ungültig. In Suez gibt es genug Arbeiter. Fast 1000 Personen bewerben sich um 18 Direktmandate.

Rasul dagegen sorgt sich um das zunehmende „diktatorische Verhalten der Militärs, die doch versprochen haben, uns Demokratie zu bringen“. Gerade wurde das Strafmaß für den Blogger Maikel Nabil von drei auf zwei Jahre Haft gesenkt.

Er soll die ägyptischen Streitkräfte verleumdet haben, als er Menschenrechtsverstöße und Folter an Demonstranten öffentlich machte. Gegen das neue Urteil kann keine Revision mehr eingelegt werden. Nabil muss ins Gefängnis. „Die wollen uns mundtot machen“, kommentiert Rasul verbittert.