Ägypten

Radikale Salafisten überraschend stark bei Wahl

In Ägypten wird der Sieg der islamistischen Parteien immer deutlicher. Allerdings haben auch die noch radikaleren Salafisten viele Stimmen erhalten.

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Sie tragen lange, meist weiße Gewänder, Sandalen, Bart und gehäkelte Käppis. Ihre Frauen sind bis auf einen Augenschlitz schwarz verschleiert. Die Salafisten sind im Straßenbild von Alexandria omnipräsent. Es zeichnet sich ab, dass sie in der zweitgrößten Stadt Ägyptens die zweitstärkste politische Kraft geworden sind.

Zusammen mit den Muslimbrüdern und deren Freiheits- und Gerechtigkeitspartei haben sie bei den Stimmen für die Direktkandidaten eine komfortable Mehrheit erringen können. Sie rechnen damit, dass sie 15 von den zu vergebenden 24 Sitzen für Alexandria gewinnen konnten.

Zwar werden die Ergebnisse für die Parteienliste erst Mitte Januar feststehen, wenn in allen 27 Provinzen gewählt wurde. Doch der Trend scheint klar in Richtung islamischer Parteien zu gehen. Die Salafisten-Partei al-Nur (das Licht) dürfte künftig auch landesweit ein gewichtiges Wort mitzureden haben.

Westliches Demokratie-Konzept nicht mit Islam vereinbar

Man spreche zwar mit Journalisten, aber nicht mit Frauen, lautet die rüde Absage auf den Versuch, mehr Hintergründe über den kometenhaften Aufstieg dieser fundamentalistischen Gruppierung in Ägypten zu erfahren. Abdel Monem al-Schahat, der Chef der Nur-Partei in Alexandria, ist dem Westen nicht wohlgesinnt.

Er halte das westliche Konzept von Demokratie nicht vereinbar mit dem Islam, sagte er im Wahlkampf. Über den Schutz von Minderheiten spottet er: „Demnächst werden sie uns fragen, ob wir christliche Vorbeter in der Moschee erlauben werden.“

Strenge Geschlechtertrennung ist ebenso Programm wie ein geradezu verklemmter Umgang mit Sexualität: Bei einer Kundgebung in Alexandria verhüllten Salafisten eine Skulptur mit Stoff, weil darauf „leicht bekleidete Frauen“ zu sehen waren. Wahlzettel weiblicher Kandidaten wiesen kein Foto, sondern symbolisch eine Rose auf.

"Wähle mich, damit du ins Paradies kommst"

Al-Schahat verlangte in einer Talkshow im ägyptischen Fernsehen eine Trennwand zwischen sich und einem weiblichen Gast. Seine Wahlbotschaft: „Demokratie ist ,Haram‘ (im Islam verboten) und die pharaonische Kultur zu verabscheuen. Die Jugendlichen der Revolution sind Verräter und stehen im Dienst anderer Mächte. Wähle mich, damit du ins Paradies kommst.“ Das haben in Alexandria offenbar mehr als 20 Prozent der Wähler getan.

Ein gutes Abschneiden der insgesamt 15 islamischen Parteien, die für diese Parlamentswahlen ins Rennen gehen, wird erwartet. Dabei hat die Muslimbruderschaft als größte und am besten organisierte Bewegung die besten Chancen. Sie existiert bereits seit 1928, war nach der Ermordung von Ex-Präsident Anwar al-Sadat verboten, und Nachfolger Husni Mubarak ließ Tausende Muslimbrüder ins Gefängnis werfen.

Zunahme von Ganzkörperverschleierung

Doch als unabhängige Kandidaten konnten sie immer wieder Sitze im Parlament erringen, anders als die Salafisten. Durch Unterdrückung, Folter und Vertreibung glaubte Mubarak, das Salafisten-Problem gelöst zu haben. In der Folge enthielten sie sich politischer Stellungnahmen und konzentrierten sich auf soziale und gesellschaftliche Arbeit. Nach dem Sturz Mubaraks können sie jetzt offen auftreten.

Die massive Zunahme von Ganzkörperverschleierung und die Verbreitung salafistischen Gedankenguts seien das Ergebnis, meint Andreas Jacobs, Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo. Trotzdem sei es bemerkenswert, dass sie innerhalb so kurzer Zeit einen derartigen Wahlerfolg erzielen können.

In Windeseile seien Parteistrukturen und Kandidaten aufgebaut worden. Zum Opferfest Anfang September verteilten sie subventioniertes Fleisch. „Wenn die Armen für die traditionelle Lammkeule nur die Hälfte bezahlen müssen und sich noch ein Stück extra leisten können, dann merkt man sich den Gönner.“

Verbindung nach Saudi-Arabien

Der Begriff „Salafiyya“ bedeutet wörtlich die Orientierung an den frommen Altvorderen. Heute werden Salafisten jedoch als Anhänger des fundamentalen, saudi-arabischen Wahhabismus angesehen. Viele ihrer bis zu 100.000 Mitglieder in Ägypten hätten in Saudi-Arabien gearbeitet und seien in den 70er- und 80er-Jahren von dort zurückgekommen, sagt Said Ghallab, Professor für Politikwissenschaften an der Pharos-Universität in Alexandria.

Das sei der Grund dafür, dass gerade in seiner Stadt diese Bewegung so viel Zuspruch habe. Von ländlichen Städten wie Kafr al-Sheik oder Tanta im Nildelta seien sie dann in die Großstadt Alexandria gezogen, um hier Arbeit zu finden. Die Verbindungen nach Saudi-Arabien seien aber geblieben.

Haltung der Muslimbrüder gegenüber den Salafisten

Ghallab vermutet, dass saudische Organisationen bis zu 100 Millionen Dollar zur Unterstützung der Salafisten in Ägypten ausgeben.

Er prophezeit heftige Auseinandersetzungen, wenn es im nächsten Jahr um die Ausarbeitung der Verfassung geht. Dann werden Liberale und Säkulare mit den Salafisten aneinandergeraten, die keinen Hehl daraus machen, dass sie aus Ägypten einen Gottesstaat machen wollen.

„Wenn dann das jetzt zu wählende Parlament über das politische System für die Zukunft Ägyptens entscheiden muss, brauchen wir sehr wahrscheinlich wieder einen Tahrir“, sagt Ghallab. Interessant werde auch die Haltung der Muslimbrüder gegenüber den Salafisten sein. Dann werde sich zeigen, wofür die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei wirklich steht.