Ägypten

Mindestens elf Tote bei Krawallen in Kairo

| Lesedauer: 4 Minuten

Foto: dpa / dpa/DPA

Wenige Tage vor den Wahlen fließt in Ägypten wieder Blut. In Kairo starben Menschen an Schussverletzungen. Militärrat spricht von "angeheizten Konflikten".

Gut eine Woche vor Beginn der Parlamentswahlen eskaliert in Ägypten die Gewalt. Bei Protesten gegen den regierenden Militärrat kam es am Wochenende zu massiven Ausschreitungen in Kairo und Alexandria. Allein in der Hauptstadt sind am Sonntag mindestens elf Menschen ums Leben gekommen. Acht davon sollen an Schussverletzungen gestorben sein, wie Ärzte eines Feldlazaretts auf dem Tahrir-Platz berichten. Drei Menschen erstickten, offenbar nachdem sie Tränengas eingeatmet hatten.

Die Demonstranten, die den Rücktritt des Militärrats fordern, lieferten sich am Abend weiter heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Zu Zusammenstößen kam es vor allem in den Straßen rund um das Innenministerium in der Nähe des Tahrir-Platzes. Die Demonstranten bewarfen die Sicherheitskräfte mit Steinen und Molotow-Cocktails, die Polizisten feuerten Schüsse und Gummigeschosse ab.

EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich „äußerst besorgt“ über die anhaltende Gewalt. Sie forderte die Beteiligten zu „Ruhe und Zurückhaltung“ auf und verurteilte die Gewalt „auf das Schärfste“. Bürger und Parteien, die eine Fortsetzung des Übergangsprozesses anhand demokratischer Grundsätze forderten, müssten angehört werden.

Angesichts der Krawalle kam die Übergangsregierung am Sonntag zu einer Krisensitzung zusammen. Am Abend erklärte sie, dass die Parlamentswahlen wie geplant zwischen dem 28. November und dem 10. Januar stattfinden sollten. Der "vorsätzlich angeheizte" Konflikt habe lediglich das Ziel, die Wahlen zu verzögern oder ganz zu verhindern, hieß es aus dem Kabinett.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle appellierte an alle Seiten, von jeglicher Gewaltanwendung abzusehen. "Es ist von überragender Bedeutung, dass die in einer Woche anstehenden Parlamentswahlen in einem friedlichen und geordneten Umfeld stattfinden können. Damit würde Ägypten einen ersten wichtigen Schritt in Richtung Demokratie gehen", hieß es in einer Erklärung des Auswärtigen Amtes.

Die Lage war eskaliert, nachdem die Polizei einen Sitzstreik gegen den Militärrat auf dem Tahrir-Platz aufgelöst hatte. Einige Dutzend Demonstranten hatten nach einer von Islamisten dominierten Großkundgebung am Freitag Zelte aufgebaut, um auf unbefristete Zeit gegen die geplanten Verfassungsleitlinien der Übergangsregierung zu protestieren. Diese sollen unter anderem die Macht des Militärs absichern.

Klage über Einsatz von Gummigeschossen

Nach der Räumung strömten am Samstagabend immer mehr Aktivisten sämtlicher politischer Gruppierungen ins Stadtzentrum und versuchten, den Platz zurückzuerobern. Die Demonstranten skandierten Parolen gegen das Innenministerium und das Militär, warfen Steine. Die Polizei setzte Tränengas ein. Ein 23-jähriger Mann kam nach Angaben des Gesundheitsministeriums bei den Krawallen ums Leben.

Aktivisten beklagten sich über den Einsatz von Gummigeschossen, was von Regierungsseite zunächst dementiert wurde. Das Gesundheitsministerium wies zudem darauf hin, dass auch mehr als 40 Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt worden seien. Hacker griffen die Internetseite des ägyptischen Staatsfernsehens an, um damit gegen die ihrer Ansicht nach einseitige Berichterstattung über die Ausschreitungen in Kairo zu protestieren.

Innenministerium dementiert Einsatz scharfer Munition

Angesichts der Ereignisse in Kairo gingen in der Hafenstadt Alexandria ebenfalls Kritiker des Militärrats auf die Straße. Am frühen Sonntagmorgen schossen Heckenschützen in eine Menge, die vor dem Gebäude des Sicherheitsdienstes demonstrierte, wie Augenzeugen der Zeitung "Al-Ahram" berichteten. Dabei sei ein Mann getötet worden. Zunächst war von zwei Toten die Rede. Die Augenzeugen gaben an, dass scharfe Munition verwendet wurde. Das Innenministerium dementierte.

Um gegen den Militärrat zu protestieren, waren bereits am Freitag Zehntausende Menschen Aufrufen der Muslimbruderschaft und der radikalen Salafistenbewegung gefolgt und in Kairo und Alexandria auf die Straße gegangen. Auch Angehörige linker und liberaler Gruppen schlossen sich dem friedlichen Protest an. Sie forderten den Militärrat auf, bis spätestens Mai 2012 die Macht an Zivilisten zu übergeben.

In Ägypten wird vom 28. November an in drei Phasen ein neues Parlament gewählt. Anschließend soll das Land eine neue Verfassung bekommen. Der Militärrat hat nach dem Sturz von Husni Mubarak im Februar die Macht übernommen. Der Tahrir-Platz in Kairo war das Zentrum der landesweiten Massenproteste, die am 11. Februar zur Entmachtung des damaligen Präsidenten führten.

( dpa/dapd/AFP/bas )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos