Occupy-Bewegung

Vermummte mischen Rom-Proteste gewaltsam auf

Bei einer Großkundgebung in Rom ist es am Rande zu Ausschreitungen gekommen, einige Menschen wurden schwer verletzt. Ein Überblick über den weltweiten Protesttag.

Schönes Wetter und das Gefühl, dass etwas passieren muss, brachte weltweit Tausende auf die Straßen . Nicht in allen Städten kanalisierte sich die Wut in Protestzügen. In Rom etwa wütete der Schwarze Block, etliche Menschen wurden verletzt, einige schwer. Unsere Reporter waren für Morgenpost Online in den wichtigsten Städten dabei:

Rom

„Indignati! Welch ein schöner Name!“ seufzt eine betagte Nonne vor dem Kiosk-Betreiber, bei dem sie gerade die Zeitung „Osservatore Romano“ erstanden hat. „Höchste Zeit, dass die ganze Welt sich empört und aufsteht.“ Das Verständnis und die Unterstützung für die Ziele der protestierenden Jugend könnten im demonstrationsgewohnten Rom nicht größer sein.

Selbst Mario Draghi, als Chef der Banca d’Italia (und baldiger EZB-Chef) selbst eine Reizfigur der Proteste, hat Verständnis für den globalen Zorn auf die Finanzmärkte. „Wir, die Alten, sind wütend wegen der Krise“, sagte er am Samstagmorgen. „Klar, dass die dreißigjährigen Eliten ohne Arbeit und ohne Perspektiven für die Zukunft noch viel zorniger sind.“

Verständnis hat er auch für die hohen Erwartungen der neuen Protestanten, „nachdem die akademischen Arbeitslosen so lange ergebnislos gewartet haben“. Sollten die Appelle friedlich verlaufen, könne er sich große Erfolge der globalen Protestbewegung vorstellen.

Friedlichkeit aber ist bei den großen Menschenmassen natürlich alles andere als garantiert, die herrliches Oktoberwetter in Rom auf die Plätze und die Straßen gelockt hatte. Mindestens 200.000 hatten sich hier schon um 14 Uhr vor der Lateran-Basilika versammelt.

„Occupiamo Fori Imperiali!“ (Lasst uns das antike Stadtzentrum besetzen) hieß hier das Motto, und „People of Europe, rise up!“ (Völker Europas, steht auf!), als um halb vier plötzlich pechschwarze Rauchwolken von brennenden Autos die Heiterkeit des Anfangs überschatteten.

Demonstranten setzten auch einen Anbau des Verteidigungsministeriums in Brand gesetzt. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen die etwa hundert zum Teil vermummten Demonstranten vor. Aus dem Anbau des Ministeriums in der Via Labicana schlugen Flammen aus den Fenstern und aus dem Dach. Die Feuerwehr versuchte, den Brand unter Kontrolle zu bringen.

Eine Gruppe Vermummter drang auch in eine der abgesperrten archäologischen Stätten in der Nähe des Kolosseums ein. Ein 60-Jähriger sei im Gesicht verletzt worden bei dem Versuch, die Autonomen zu stoppen. Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa seien insgesamt 70 Menschen verletzt worden, drei von ihnen schwer.

Die Stadt war weitgehend abgesperrt. Die riesige Menge ließ sich polizei-technisch nicht einfach bewältigen. „Yes, we can!“ hieß es immer noch aus zahllosen Megaphonen. Doch um vier Uhr war auch flehender Unterton in den Rufen kaum noch zu überhören. Paul Badde

Brüssel

Janine passt auf den ersten Blick gar nicht in den bunten, alternativen Haufen. Der adretten älteren Dame aus dem belgischen Kelmis geht es finanziell gut. Sie sei wegen ihrer Kinder hier, sagt sie: „Wenn das so weitergeht, haben die Jungen keine Zukunft.“ Hector hat schon jetzt keine mehr.

Der 38-jährige Spanier ist Journalist und Schriftsteller und schon seit Jahren arbeitslos. Mit rund 1000 Gleichgesinnten zieht er vom Brüsseler Nordbahnhof ins Herz Europas, auf den Place Schuman. „Bürger, erhebt Euch!“, steht auf ihren Schildern. Zwei Spanier tragen einen Pappsarg mit der Aufschrift „Tod dem Kapitalismus“.

Hector freut sich, dass auch so viele Brüsseler Bürger dem Aufruf der „Empörten“ gefolgt sind. Für die „Occupy“-Bewegung ist er vor einigen Wochen zu Fuß von Spanien nach Brüssel marschiert. Für ihn ist es mehr als ein Job, ein bisschen ist die Bewegung seine Familie geworden.

Jetzt koordiniert Hector die „Empörten“-Delegationen aus ganz Europa. „Wir müssen der kapitalistischen Diktatur ein Ende setzen. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung“, fordert er.

Die Demonstration verläuft friedlich. Deshalb trägt die belgische Polizei auch keine Helme. Auf Publikum müssen die „Empörten“ aber weitgehend verzichten, denn abgesehen von den Demonstranten sind die Straßen rund um die Europäische Kommission wie ausgestorben.

Der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit bleibt hier also weitgehend ungehört. Hector stört das nicht: „Allein die Tatsache, dass wir hier aus ganz Europa zusammenkommen und debattieren, ist ein großer Schritt.“ Wie es für ihn weitergeht, weiß Hector nicht. „Frag mich morgen noch mal“, sagt er.

Gut möglich, dass die 500 „Empörten“ das besetzte Universitätsgebäude, in dem auch Hector untergekommen ist, räumen müssen. Wahrscheinlich wird er dann weiterziehen durch Europa, in der Hoffnung, dass seine Stimme gehört wird. In seine Heimatstadt Barcelona zieht ihn jedenfalls nichts zurück. Katharina Tschurtschenthaler

London

Wolkenloser Himmel, fröhliche Musik, Gelächter. „Occupy LSX“, der Aufruf zur Besetzung der Londoner Börse, die Demonstration gegen Banker und Bankenrettung, beginnt wie ein Straßenfest, mit ausgelassener Stimmung und verkleideten Demonstranten.

„Es ist eine Botschaft, die wir heute in die Welt senden“, sagt Benjamin Ashton, Politikstudent an der Westminster University: „Die Banken können sich nicht selbst regulieren, und das zeigen wir.“ Benjamin hat die Haare zum Zopf gebunden, ein dicker roter Streifen zieht sich vom rechten Auge über den Arm bis zum rechten Handgelenk.

„Aus Tränen wird Schmerz und aus Schmerz wird Aktion“, erklärt der 22-Jährige die Farbe, die er sich in stundenlanger Arbeit mit einem feinen Pinsel auf die Haut gemalt hat.

Bis hinauf zur obersten Stufe der Treppe vor der Kathedrale stehen Demonstranten, junge, alte, Hippies. Zwischen den Plakaten und Spruchbändern drängen sich Kameraleute, Fotografen und Polizisten. Das Bankenviertel selbst hat die Polizei abgesperrt.

Rose Wynes-Devlin sagt, sie wolle „die vertreten will, die sonst keine Stimme haben“, Die 53-Jährigehält ein Plakat hoch, auf das sie nackte Füße gemalt hat und den Spruch „Lenin hat uns gesagt: Erst wenn die Menschen keine Schuhe mehr tragen, wird es eine Revolution geben“.

Rose glaubt, dass sie nicht in einer Demokratie, sondern einer „Illusion von Demokratie“ lebt: „Die EU ist ineffizient, und unsere Politiker hier fühlen sich nicht verantwortlich.“

David Stepherd trägt einen schwarzen Zylinder, an den er einen Zettel mit Zahlen über die Finanzkrise gepinnt hat. „Ich weiß, dass es in anderen Städten ähnliche Aktionen gibt. Ich möchte meine Solidarität zeigen“, sagt der 67-jährige Rentner. Jam Sheppard hat sich sogar in eine Toga geworfen, mit einem Kranz aus Efeu auf dem Kopf, in Anspielung auf Jesus, der die Händler aus dem Tempel vertrieb, wie auf Jams Plakat zu lesen ist.

„Wir müssen ein Zeichen setzen, so geht es nicht weiter“, sagt der 22-Jährige aus Manchester und schüttelt seine braunen Locken. „Unsere Straßen, unsere Straßen“ rufen die Aktivisten, als sie sich in Bewegung setzen, Richtung Börse. Dort endet die Bewegung, mit einer öffentlichen Versammlung. „So, wie Demokratie funktionieren sollte“, sagt Jam. Nina Trentmann

Tel Aviv

Schon Stunden vor der großen Kundgebung „Vereint zur Weltveränderung“ war der Museumsplatz in Tel Aviv am Samstag für viele Teilnehmer gleichzeitig Erholungspark und Spielplatz. Mit Diskussionsständen für streikende Ärzte und Obdachlose und einer Ecke, in der alle „auf den Kopf gestellt“ wurden. Gymnastische Übungen als symbolischer Sozialprotest.

Viele rote Hemden fielen auf, Fahnen der sozialistischen Jugendbewegungen (in Israel gibt es drei) und sogar das schwarz-rote Logo der deutschen Antifa zeigte Flagge. Eine bunte, keine repräsentative Mischung. In den Medien war die Kundgebung allerdings kein Thema – dort dominierten die geplante Rückkehr der Hamas-Geisel Gilad Schalit und die streikenden Fachärzte.

Während der Sommerproteste spielten „die Roten“ als die Vertreter der sozial Schwachen eher eine Nebenrolle. Im großen Protestzug des Mittelstandes standen sie auf dem Trittbrett. Dort suchen sie jetzt einen festeren Stand. Norbert Jessen

Madrid

Spaniens „Empörte“ waren sich ihrer besonderen Rolle bewusst, schließlich wurde vom Puerta del Sol, dem größten Platz Madrids aus, die Proteste in die ganze Welt getragen. Zum Auftakt am Samstag gab es Yoga unter freiem Himmel. „So finden wir unsere Balance“ scherzte Ricardo Benitez, Sprecher der Bewegung „Democracia Real Ya“ (Demokratie und zwar sofort).

Sie ist eine der Organisationen, die dazu beigetragen hat, dass der Protest der jungen Spanier rund um den Globus ein Echo fand. „Das ist ein historischer Rekord für eine Bürgerbewegung, wenn Menschen in 900 Städten in 70 Ländern auf die Straße gehen“, bilanziert Carlos Paredes.

„Fünf Monate haben wir gearbeitet und jetzt haben wir eine globale Reaktion“, freute er sich. In Spanien wurden die Sympathisanten noch am Samstag per Twitter mobilisiert: „Wollt ihr zuhause bleiben und in den Geschichtsbüchern nachlesen, was passiert ist, oder wollt ihr es wirklich erleben?“ Auch das gute alte Flugblatt kam zum Einsatz.

„Genauso, wie sich die Finanzhaie und diejenigen absprechen, die die Politik kontrollieren, müssen wir uns verbünden“, hieß es darauf. In Madrid folgten Tausende den Aufrufen und bewegten sich ab mittags von sechs Punkten am Rande der Stadt in Zentrum – wie Sonnenstrahlen, mit dem Puerta del Sol, dem Sonnentor, als Mittelpunkt der Proteste. Ute Müller

Frankfurt

„2498, 2499, 2500.“ Der Polizist auf dem Rathenauplatz in der Frankfurter Innenstadt kommt mit dem Zählen kaum hinterher. Immer mehr Menschen strömen herbei, um sich zum Demonstrationszug zusammenzuschließen. Später wird offiziell von 5000 Menschen die Rede sein.

„Occupy together“ heißt die Parole, angelehnt an die seit Wochen andauernden Proteste an der New Yorker Wall Street. Ein loses Bündnis aus den Globalisierungsgegnern von Attac und „Occupy Frankfurt“ hatte zu der Demo aufgerufen, unterstützt von vielen Initiativen auf Facebook.

Gegen ein Uhr setzt sich der Zug in Bewegung Richtung Willy-Brandt-Platz, wo die Europäische Zentralbank ihren Sitz hat. Um sie herum reihen sich Commerzbank, Deutsche Bank, Dresdner Bank. Die Menschen demonstrieren friedlich. Nur wenige trinken Bier. Demografisch scheint ganz Deutschland auf der Straße – vom Studenten bis zum Rentner. Sie tragen Transparente, auf denen steht: „Neues Geldsystem“ oder, weit ruppiger, „Dagobert Fuck“. Stefan Friedrich (25), Student in Frankfurt, sagt: „Wenn die Menschen das Finanzsystem verstehen würden, gäbe es morgen die Revolution.“

Von einer Revolution ist indes nicht oft die Rede. Allenthalben hört man, der Zweck der Demo sei die demokratische Kontrolle der Finanzmärkte. Auf der Treppe zum Eingang des Commerzbank-Hauptquartiers trommelt ein Clown. Er sieht aus wie Albert Einstein mit Sonnenbrille und roten Socken. Auf dem Willy-Brandt-Platz, wo offenbar auf unbestimmte Zeit eine „friedliche Blockade“ stattfinden soll, wehen Fetzen der „Internationale“ herüber.

Ein paar Redner sprechen in Mikrofone; sie sind sehr leise. Ungefähr 90 Prozent der Leute seien übliche Verdächtige von anderen „linken“ Demonstrationen, sagt einer, der nicht genannt werden will. „Aber“, fügt er hinzu, „noch nie waren sie so geschlossen und einig wie heute.“ Jan Küveler