Dürre in Kenia

Familien verkaufen aus Hunger ihre Töchter

2,4 Millionen Kenianer sind derzeit vom Hungertod bedroht, Tendenz steigend. In ihrer Verzweiflung sind Eltern zu drastischen Schritten bereit.

Foto: Nicole Macheroux-Denault

Regina Echwa ist eine jener Frauen, die ihren Stolz demonstrativ nach außen trägt. Vielleicht sticht sie deshalb so deutlich aus der Menge von Turkana-Frauen und -Kindern heraus, die sich an diesem Morgen vor dem kleinen Gesundheitszentrum in dem Dorf Loturerei im Nordwesten Kenias versammeln.

„Ich bin siebzig Jahre alt“, sagt sie aufgeregt und wirft ihre von faltiger Haut überzogenen Arme in die Luft, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „In meinem langen Leben habe ich noch keine Dürre wie diese erlebt. Seit zwei Jahren hat es hier nicht mehr geregnet. Alles trocknet aus. Auch wir“, sagt sie.

Echwa ist blind und doch weiß sie sehr wohl, dass ihr Dorf 50 Kilometer von Lodwar, der größten Stadt im Nordwesten Kenias, Schlimmes ertragen muss. Mit gesunden Augen unübersehbar, denn die Frauen und Kindern um sie herum sind, wie Echwa sagt, „ausgetrocknet“.


Quälender Hungerschmerz ist eine Volkskrankheit

Hungernde Menschen. Wie Echwa sitzen sie erschöpft auf dem ausgetrockneten Boden und warten auf einen Termin in dem kleinen Gesundheitszentrum. Die Chancen der 70-Jährigen stehen schlecht, heute noch dran zu kommen. 40 bis 50 Patienten schafft der Pfleger pro Tag.

Vor dem kleinen beigen Haus mit hellblauen Fenstern sitzen aber schon jetzt doppelt so viele. Echwas Augen tränen, ihre Beine schmerzen. Über den quälenden Hungerschmerz im Bauch wird sie nicht mit ihm reden. Das ist hier eine Volkskrankheit. Die Provinz Turkana ist eine der am schlimmsten von der Dürre betroffenen Regionen Kenias.

Etwa 2,4 Millionen Kenianer sind derzeit vom Hungertod bedroht. Im September sollen es schon 3,5 Millionen sein, so die neueste Prognose. Die Vereinten Nationen und am Horn von Afrika tätige Hilfsorganisationen sind sich sicher: Der Höhepunkt der Hungersnot ist noch nicht erreicht.

Es wird mehr Tote geben und viel mehr Geld benötigt, um Millionen Leben zu retten. Die UN haben jetzt 9,7 Millionen Euro für die Unterstützung Hungerleidender in Kenia freigegeben.

Kinder schuften, anstatt zur Schule zu gehen

„Dürren gab es auch früher“, sagt Echwa. Damals kamen sie alle sieben Jahre und die Turkana haben sich darauf vorbereitet. Ihre Tiere gemästet, Vorräte angelegt, gehamstert. Jetzt erleben die Menschen hier alle zwei bis drei Jahre eine Dürreperiode. Darauf kann man sich nicht vorbereiten und davon kann man sich nicht schnell genug erholen.

„Diese Menschen sind nach Jahren wiederkehrender Dürre geschwächt“, sagt Thatcher Ng’ong’a, Leiterin eines Projekts der Hilfsorganisation World Vision in Loturerei. „Knapp 25 Prozent der Kinder sind unterernährt.“ Die Zahl ist in den vergangenen Wochen drastisch angestiegen.

Die Not ist so groß, dass Familien nach alternativen Wegen suchen Geld, um für Lebensmittel zu verdienen. „Kindern wird in Dürrezeiten zunehmend Verantwortung für das Überleben der Familie übertragen“, sagt Tioko Bwino Musa, Kinderschutzbeauftragter von World Vision in Lodwar.

„Viele Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr in die Schule. Stattdessen müssen sie Holz oder andere Waren, die noch verfügbar sind, aus den abgelegenen Dörfern in die Städte bringen, um sie dort auf dem Markt zu verkaufen.“

Derzeit sieht man Scharen schwer beladener Minderjähriger die sandige Straße in Richtung Lodwar laufen. Manchmal sind sie vier Stunden zu Fuß unterwegs um ein paar Baumstämme für 100 Schilling (75 Cent) zu verkaufen.

Eltern verkaufen Töchter an Männer, die Minderjährige mögen

Aber es gibt noch Schlimmeres. „In ihrer Not verkaufen Eltern zunehmend ihre 13- bis 17-jährigen Töchter als Bräute an Männer, die minderjährige Mädchen mögen“, sagt ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Seinen Namen will er nicht nennen, aus Angst vor Repressionen.

Denn die Männer, die sogenannte Dürre-Bräute kaufen, sind einflussreich. „Um ehrlich zu sein, es sind meist hochangesehene Gemeindemitglieder; Politiker, Lehrer und Rechtsberater.“ Rund 110 Euro bekommen die Eltern für eine Tochter. Derartige Geschäfte gab es schon immer. Aber mit der Dürre steigt die Zahl der Fälle derzeit drastisch.

Dabei hätte viel Leid verhindert werden können. Die Dürre am Horn von Afrika ist keine unerwartete Naturkatastrophe. Sie ist eine Managementkatastrophe. Alle – die Vereinten Nationen, Hilfsorganisationen und auch die Regierungen inklusiver der kenianischen – wussten schon vor Monaten, dass es eine Hungersnot großen Ausmaßes geben wird.

Trotzdem wurden keine Präventionsmaßnahmen eingeleitet. Am wenigsten von der kenianischen Regierung selbst. Bis vor wenigen Tagen hörte man noch von hochrangigen Regierungsmitgliedern in Nairobi, es gäbe keine Hungerleidenden in Kenia. Menschen würden nicht sterben.

Kenianer spenden, doch die Regierung versagt

Nun überschlagen sich kenianische Zeitungen und Fernsehnachrichten mit Sonderberichten. Und weil jeder weiß, dass der Hilfsfonds der Regierung viel zu klein für eine Linderung der Not in den betroffenen Gebieten ist, spenden Kenianer großherzig für ihre Mitbürger.

Innerhalb weniger Wochen sammelte die Initiative Kenianer für Kenia, von einem Mobilfunkunternehmen und einer Bank ins Leben gerufen, 551 Millionen Kenianische Schilling. Das sind umgerechnet mehr als vier Millionen Euro.

Erste Hilfsgüterlieferungen sind bereits in Turkana angekommen. Und mit ihnen ein Beipackzettel politischer Art für die Regierung. Die Organisatoren von Kenianer für Kenia nutzen den eigenen Erfolg, um Druck auszuüben. Es müsse besser geplant werden, so ihre Forderung.

Es sei an der Zeit, das Betteln um Hilfe in anderen Nationen einzustellen und das Zepter selbst in die Hand zu nehmen. Wie weit Kenias Regierung davon entfernt ist, zeigt allein die Tatsache, dass sie ihre Hilfslieferungen mit Lastwagen losschickt, obwohl jeder weiß, dass in den betroffenen Gebieten nur Sandpisten existieren, auf denen kein Lkw fahren kann.

Ganze Familien leben von Ration für ein unterernährtes Kind

„Die Kinder in Turkana bekommen einfach nicht genug zu essen“, erklärt Projektleiterin Ng’ong’a. „Wir nehmen die härtesten Fälle in unserem Programm auf und stellen ihnen regelmäßig nahrhafte Lebensmittel zur Verfügung. Sie erholen sich dann relativ schnell.“ Nur ist das keine Lösung, sondern der Anfang eines frustrierenden Kreislaufs.

Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen sprechen nüchtern vom „Programm-Zyklus“. Es dauert im Regelfall nur wenige Wochen, bis die Mütter dieselben Kinder wieder völlig abgemagert ins Gesundheitszentrum bringen und die Versorgung und das Aufpäppeln von vorn beginnt.

„Das Zusatznahrungsmittel-Programm funktioniert nicht langfristig“, gibt Ng’ong’a zu. „Denn es geht davon aus, dass die Familie über andere Quellen der Lebensmittelbeschaffung verfügt. Doch dem ist meist nicht so.“ Ganz im Gegenteil. Hier in Loturerei – und das ist keine Ausnahme – leben ganze Familien von der Ration, die eigentlich für eins ihrer unterernährten Kinder gedacht ist.

Deshalb ist der Tag, an dem der Krankenpfleger den Umfang des dünnen Ärmchens eines Kindes mit weniger als zwölf Zentimetern misst, ein guter für die Familie. So makaber das klingt: Unterernährte Kinder sind wertvolle Versorger für die Familien in Turkana.

„Wir müssen diesen Zyklus durchbrechen“, sagt Ng’ong’a. „Die Menschen brauchen weiterhin Lebensmittel, aber wir müssen uns gleichzeitig auf Alternativen konzentrieren. Es gibt andere Wege, um Essen zu beschaffen – es selbst zu erzeugen.“

Nur hier und da fällt ein einzelner Tropfen

In Loturerei hingegen wächst nichts mehr. Eigentlich sollte jetzt der sogenannte „große Regen“ das ausgelaugte Land tränken. Doch aus der dichten Wolkendecke fällt nur hier und da ein einzelner Tropfen. Selbst neue Ideen finden hier keinen fruchtbaren Boden.

Die Turkana sind Kenias drittgrößter Stamm. Ähnlich den bekannteren Maasai sind sie Nomaden, leben sie von der Viehzucht. Die Stammesältesten in Loturerei sitzen am Nachmittag zusammen. Rund 20 Männer in fortgeschrittenem Alter. Sie tragen Hüte im Tiger- und Cowboylook und die traditionelle Schuka, ein farbenfroher, deckenartiger Umhang.

Pedro Amarate haben sie als ihren Sprecher gewählt. Er ist westlich gekleidet, mit hellem Hemd und dunkler Hose. Über den Anbau von Mais oder anderen Pflanzen will er nicht reden. „Wir sind Nomaden, wir brauchen Tiere. Wenn man uns Tiere und Lebensmittel gibt, sind wir dankbar“, sagt er.

Auf die Nachfrage, wie Tiere hier überleben sollen, verweist er auf die nächste Regenperiode im September. Sie werde kommen, meint er, und dann sei das Gras wieder grün, und Schafe, Ziegen und Kamele könnten überleben. Die Hoffnung stirbt auch hier am Horn von Afrika zuletzt.

Bewässerungsprojekte könnten Hunger beenden, sind aber teuer

Ein ganzes Heer bunter Ketten schmückt Regina Echwas Hals. Die größte ist mit Muscheln verziert. Es wirkt fast wundersam hier draußen, wo Hitze und Hunger auf einander treffen und Wasser ein kostbarstes Gut ist. Die Muscheln um Echwas Hals erinnern jedoch an die ungenutzten Chancen der Turkanas.

Nur eine Autostunde von Loturerei entfernt liegt der Turkana See, der weltweit größte Wüstensee. Wasser – und Muscheln – gibt es hier zur genüge. Auch Echwas Muscheln stammen von her. Touristen, die aus aller Herren Länder hierher kommen, um das außergewöhnliche Naturschauspiel eines Wüstenstrandes in gut ausgebauten Lodges zu genießen, sammeln sie auch.

World Vision hat am Rande des Turkana-Sees Bewässerungsprojekte initiiert. Und sie funktionieren. Die beteiligten Gemeinden ernten genau jetzt ihren Mais, während ihre Mitbürger hungern. „Als Kind habe ich in der Nähe des Sees gelebt und wir haben Felder bestellt“, erzählt Echwa fast melancholisch. „Die Ernte war gut. Aber seitdem ich hier lebe, habe ich nie wieder etwas gepflanzt. In diesem Boden kann nichts wachsen.“

Experten sind anderer Meinung. Hilfsorganisationen haben längst Pläne gemacht für Bewässerungssysteme, die mit Grundwasser betrieben werden könnten, selbst in Regionen wie Turkana. Pumpen gibt es. Möglich wäre es, aber eben sehr teuer. Und Gelder für Langzeitprojekte wie diese sind sehr schwer zu bekommen.

„Wann ich meinen nächste Mahlzeit esse?“ Regina Echwa ist überrascht über die Frage. „Das hängt doch davon ab, wann die nächsten Lebensmittel verteilt werden. Woher sonst soll ich denn etwas zu essen bekommen?“ Seit Jahren ist das so. Wenn es weiter so bleibt, wird es den Menschen am Horn von Afrika auch in den kommenden Jahren nicht besser gehen.